Zweiter Weltkrieg:Neue Erkenntnisse zu den Morden von Tiefenbach

Zweiter Weltkrieg: Das sogenannte Russenkreuz, das an die Ermordung russischer Soldaten im April 1945 erinnert.

Das sogenannte Russenkreuz, das an die Ermordung russischer Soldaten im April 1945 erinnert.

(Foto: Hans Pongratz)

Am Kriegsende wurden 42 russische Kriegsgefangene erschossen. Der frühere Bürgermeister will in einem Büchlein das nebulöse Geschehen aufhellen.

Von Hans Kratzer, Tiefenbach

Der 29. April 1945 war ein schwarzer Tag in der Geschichte der im Passauer Oberland gelegenen Gemeinde Tiefenbach. Schreckliches hat sich damals ereignet, nur einen Tag vor der Ankunft eines Infanterieregiments der US-Armee. In seinem Seelsorgsbericht schilderte der damalige Pfarrer Josef Reitberger das Geschehen folgendermaßen: "Das grauenvollste Werk war die Erschießung von 42 russischen Kriegsgefangenen. Am Tage vor dem Erscheinen der Amerikaner, am Sonntag, 29. April, gegen 6 Uhr abends kam ein Auto mit etwa 15 SS-Männern von Passau her - sie waren offensichtlich betrunken -, stürmten auf das Russenlager los und trieben die Gefangenen durch einige Schreckschüsse heraus. Der Zug setzte sich in Bewegung auf der Straße gegen die Geißamühle - nach 40-60 Minuten vernahm man ein heftiges Schießen. 42 Russen wurden ermordet, einige konnten sich retten."

Diese Tragödie wurde in der Gemeinde zwar nie verdrängt, aber die drängendsten Fragen blieben ungeklärt. Wer waren die Täter, warum hat niemand die Mordtaten verhindert und nicht zuletzt: Wurden die Täter jemals zur Verantwortung gezogen? Der bis 2008 amtierende Bürgermeister Alfred Schwarzmaier empfand es nach eigenen Worten immer als peinlich, wenn er vor Delegationen aus Amerika und Russland, die das Mahnmal für die Ermordeten besuchten, keine befriedigenden Antworten liefern konnte. Immerhin errichtete die Gemeinde bereits 1954 am Ort des Massakers ein steinernes Mahnmal. Allerlei Vermutungen und Verdächtigungen aber waberten weiter. Um das nebulöse Geschehen von damals aufzuhellen, fasste Schwarzmaier den Plan, das Kriegsende in Tiefenbach und das Massaker aus verlässlichen Quellen heraus darzustellen. Eine fundierte Vorarbeit hatte 2014 bereits der Heimatforscher Heinz Kellermann mit seinem Werk über das Schicksal von Gefangenen aus der Sowjetunion im Passauer Raum geleistet. Darüber hinaus wertete Schwarzmaier weitere bedeutende, aber noch unbeachtete Aussagen und Gerichtsdokumente aus, aus den USA bekam er wertvolle Hinweise vom Sohn eines US-Soldaten, der am Kriegsende in Tiefenbach stationiert war.

Die Ergebnisse seiner umfangreichen Recherche hat Schwarzmaier in einem faktenreichen, 85 Seiten starken Buch festgehalten, das jetzt frisch erschienen ist ("Der 29. April 1945 - und 75 Jahre danach", Edition Töpfl). Unter anderem kommt er darin zu dem Schluss, dass nicht, wie lange geglaubt wurde, Nazis aus der Umgebung von Tiefenbach das Massaker befohlen hatten, sondern die SS-Leitung in Passau, deren Schergen ihrer Strafe entkamen.

Aus seinen Recherchen zieht Schwarzmaier die Lehre, dass die Ereignisse in Tiefenbach differenziert betrachtet werden müssen. "Es hat im Dorf auch viel Menschlichkeit gegeben." Es gab Menschen, die machten mit, aber auch welche, die Widerstand leisteten. Anna Rosmus hatte schon 1993 in ihrem Buch "Wintergrün" die Nazi-Umtriebe in der Passauer Umgebung kritisch beleuchtet. "Da stehen aber Dinge drin, die so nicht stimmen", sagt Schwarzmaier. Bauernfamilien versteckten Gefangene und retteten ihnen das Leben. Auch das gehöre zur Wahrheit.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: