Süddeutsche Zeitung

Thüringer Landkreise zieht es nach Bayern:"Ominöses Frankenbewusstsein"

Eine geplante Gebietsreform sorgt in Thüringen für Ärger. Die Landkreise Sonneberg und Hildburghausen drohen sogar, nach Bayern zu wechseln. Doch das ist rechtlich schwierig. Und in Sonneberg halten viele die Idee für Unsinn.

Von Katja Auer

Vom Vereinsheim im Sonneberger Stadtteil Hörnbach kann man beinahe hinüberschauen nach Franken, hinter den Häusern, die der Schneefall an diesem Tag nur schemenhaft durchscheinen lässt. Doris Motschmann wohnt dort und als noch eine Grenze Deutschland teilte, da sah sie drüben die Leute stehen. "Aber das war ganz weit weg", sagt sie.

Heute passiert man zwischen dem thüringischen Sonneberg und dem oberfränkischen Neustadt bei Coburg nur mehr das Schild, das an die Grenze erinnert, und einen McDonalds. In Sonneberg werben Schilder an der Straße für die Coburger Energietage, wer ins Theater will, fährt hinüber nach Franken. Einkaufen, Friseur, Schule, alles funktioniert länderübergreifend.

Jetzt haben die Thüringerinnen Doris Motschmann und Silvia Otto die BR-Sendung"Franken sucht den Supernarr" gewonnen, und sind als "Sumbarcher Waschweiber" bei der Fränkischen Fastnacht in Veitshöchheim aufgetreten. Es ist ein Zufall, dass seither diskutiert wird, ob die Landkreise Sonneberg und Hildburghausen bayerisch werden könnten. Aber warum nicht nachfragen bei Frieda und Hulda, den Waschweibern aus Sonneberg.

"Die Sprache ist die gleiche und der Humor auch", sagt "Frieda" Doris Motschmann. Als Waschweib will sie sich nicht festlegen, aber persönlich hält sie einen Wechsel für gar keine schlechte Idee. Schließlich tendieren die Südthüringer mehr nach Bayern als in Richtung der Landeshauptstadt Erfurt.

Als die Waschweiber dort auftraten, sollten sie hochdeutsch reden, erzählt Motschmann, des derben Dialekts wegen. In Franken haben sie dagegen die meisten verstanden. "Hulda" Silvia Otto ist trotzdem skeptisch. Die Sonneberger seien nun mal in Thüringen sozialisiert, viele in der DDR aufgewachsen. "40 Jahre vergisst man nicht so einfach", sagt sie.

"Ein Pokern gen Erfurt"

Der Aufruhr in Thüringen begründet sich in einer geplanten Gebietsreform, die größere Strukturen vorsieht und dabei auch eine Zusammenlegung der Landkreise Hildburghausen und Sonneberg mit einem Teil des Kreises Schmalkalden-Meiningen und der Stadt Suhl. Sollte das geschehen, so drohten die Landräte von Sonneberg und Hildburghausen, Christine Zitzmann und Thomas Müller, werde man nach Bayern wechseln.

Rechtlich ist das freilich schwierig, ein Staatsvertrag müsste geschlossen werden, heißt es aus dem bayerischen Innenministerium, und ein Volksentscheid in beiden Ländern stattfinden. Nichtsdestotrotz, die Aufmerksamkeit richtete sich nach Südthüringen. Schon 1993 sollte Sonneberg einmal seine Eigenständigkeit verlieren. Die Sonneberger protestierten - und der kleinste Landkreis Thüringens blieb bestehen.

"Ein Pokern gen Erfurt" nennt deshalb der Sonneberger Kreisheimatpfleger Thomas Schwämmlein die Idee der Landräte. Die zunächst freilich den Nerv treffen, schließlich richte sich "alles, was nicht an die öffentliche Verwaltung gebunden ist, Richtung Coburg". Einkaufen, Sport, Kultur. Dann die Sprache, die wie der Coburger Dialekt dem Itzgründischen zugeordnet wird und anders klingt als das Thüringisch, das jenseits des Rennsteigs gesprochen wird. Und auch äußerlich ähneln die Städte und Dörfer im Süden Thüringens mit ihren Fachwerkhäusern und der Blockbauweise wie im Frankenwald denen der bayerischen Nachbarn.

Trotzdem nennt es Schwämmlein ein "ominöses Frankenbewusstsein", was da gerade hervorbricht. Eine historische Zugehörigkeit sieht er nicht, schließlich könne die Vergangenheit so und so interpretiert werden. Die Coburger hätten sich 1919 aus reinem Pragmatismus für Bayern entschieden und im Mittelalter habe die ganze Mainlinie noch zum Königreich Thüringen gehört. "Unsinn" seien die Gedankenspiele vom Länderwechsel deswegen, Schwämmlein spricht sich vielmehr dafür aus, das fränkische Bewusstsein als Scharnier zu verwenden - ohne die Landesgrenzen zu verschieben.

Schuhplattler als politisches Statement?

In der Wirtschaft funktioniert das längst. Der Arbeitsmarkt ist ein länderübergreifender, fast 6000 Menschen pendeln täglich in den Landkreis Sonneberg zum Arbeiten, viele aus Coburg und Kronach, fast 10.000 fahren hinaus, ebenfalls hauptsächlich nach Oberfranken. Die Konkurrenz mit den direkten Nachbarn um die Arbeitsplätze habe man aufgegeben, erklärt Christian Dressel, der Geschäftsführer des Jobcenters Sonneberg, "die Hauptfrage ist: was tut die Region, damit keiner mehr geht".

Der demografische Trend zeigt auch im Landkreis Sonneberg nach unten, auch wenn die Voraussetzungen besser sind als anderswo im nördlichen Bayern und südlichen Thüringen. Die Glas- und Kunststoffindustrie bietet Arbeitsplätze, Kommunen und Firmen bemühen sich, diese auch attraktiv zu machen. So gibt es in Sonneberg einen der ersten 24-Stunden-Kindergärten Deutschlands.

Für die bessere Vernetzung haben Unternehmer aus Sonneberg, Coburg und Kronach einen länderübergreifenden Verein gegründet. Und die Kliniken der Region gehören dem ersten länderübergreifenden Krankenhausverbund. Seit etwa einem Jahr hat der Landkreis Sonneberg außerdem einen Gaststatus in der Metropolregion Nürnberg. Der Beitritt ist nicht ausgeschlossen.

Im Hörnbacher Vereinsheim erzählen die Damen vom Weiberfasching. Ein Männerballett gab es da, und die Herren traten in diesem Jahr mit einem bayerischen Schuhplattler auf. Aha, ein politisches Statement? Ist es doch ernst mit den Wechselabsichten? Ach was, die Tendenz gen Süden ist im Faschingsverein viel älter als die Forderung der Landräte. Sie haben sogar das "Alpenecho" gegründet und machen alpenländische Musik. Mit Schweizer Alphörnern. Und in Chiemseer Tracht.

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SZ vom 11.02.2013/afis
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