Süddeutsche Zeitung

Thomas Müller und der Dialekt:"Hinter d'Ohrn schmiern"

Was macht der Bayer, wenn ihm das Herz überläuft? Thomas Müller schimpft nach dem WM-Sieg auf Kraftbairisch. Dialekt kann er, nur die Trophäe hat er wohl verwechselt.

Der letzte Profifußballer, der vor laufender Kamera Bairisch gesprochen hat, war vermutlich der Sechzgerspieler Manni Schwabl. Das war kurz nach Erfindung des Internets. Ausgerechnet nach dem WM-Finale in Rio de Janeiro hat nun der frischgebackene Weltmeister Thomas Müller diese Tradition wieder aufgegriffen. Das kurze Interview mit einer kolumbianischen Journalistin, in dem Müller ein kraftvolles Bairisch auspackte, wird im Internet seit Sonntag rauf und runter geklickt. Für das, was Müller in seiner Aufwallung alles sagen wollte, war das Fußballerdeutsch zu dünnflüssig, da half nur noch die bildhafte Kraft des Dialekts. Müller bewies, dass er auch in diesem Idiom zu glänzen versteht, selbst wenn es derb klang, was er der Reporterin hingerieben hat.

Müller gesellte sich im Maracanã-Stadion an die Seite von Bastian Schweinsteiger, der gerade von der besagten Journalistin interviewt wurde. Müller aber trug ein glasiges Gschau, fast wie ein gereizter Jüngling aus einem Jägerroman von Ganghofer. In Schweinsteiger stiegen bereits Ahnungen hoch, deshalb sagte er zu der Reporterin: "You have to speak in bavarian now!" (Du musst jetzt bairisch reden). Da musste die Frau jedoch passen ("I don't speak bavarian"), weshalb sie Müller auf Englisch fragte, ob er sich ärgere, die WM-Torjäger-Trophäe (Goldener Schuh) verpasst zu haben.

Der in Pähl (Kreis Weilheim-Schongau) sprachlich sozialisierte Müller konterte in derbem Bairisch: "Des interessiert mi ois ned, der Scheißdreck! Weltmeister samma! Den Pott hamma! Den scheiß goldnen Schuah kannst dir hinter d'Ohrn schmiern!" Dann verschwand er in der Menge. Die Reporterin hatte einen O-Ton eingefangen, der um die Welt ging, sie wusste aber nicht warum. Schweinsteiger flötete ihr im besten Schulenglisch noch zu, Müller habe gesagt, sie sehe gut aus ("looking nice"), danach schauten alle wie nach der babylonischen Sprachverwirrung.

Pingelige Internet-Aktivisten haben Müller sofort unterstellt, er beherrsche den Dialekt nicht und solle es bleiben lassen. Allerdings belegen die von ihm verwendeten Begriffe "Scheißdreck" und "scheiß goldner Schuah", dass er mit den feinen Facetten des oberbayerischen Idioms sehr wohl vertraut ist. Früher war es verpönt, ein Wort wie Scheiße in all seinen Zusammensetzungen öffentlich zu äußern. Heute zählt es als Standardausdruck für das Negative schlechthin fast schon zu den Zentralwörtern der deutschen Sprache.

Bairische Wörterbücher listen seitenweise Wortverbindungen mit Scheiß- auf, besonders gerne wird es als pejorative Verstärkung verwendet (Scheißkerl). Eine dieser Steigerungsformen ist der von Müller geäußerte Scheißdreck, in dem das exkrementale Schimpfen zum Zwecke der Verstärkung in einer Doppelung hervortritt. Das tut der Bayer gerne, wenn ihm das Herz überläuft.

Müller wollte der armen Kolumbianerin keineswegs hinreiben, dass ihre Frage beschissen war, sondern er meinte im bairisch-österreichischen Sinne, dass auf dieses Problem geschissen (gschissen) ist. Laut dem Schimpfwortlexikon "Der kleine Wappler" bleibt, was bloß beschissen ist, in der Substanz erhalten, was geschissen ist, hat aber den Darm passiert und kann Wesensveränderungen herbeiführen. Im Falle von Thomas Müller hat das zu einer Sprachmutation vom Fußballerdeutsch zum Kraftbairischen geführt und zwar im Sinn des Dichters Hans Kumpfmüller: "Wer a Bugstabensuppn isst, der scheißt no lang koa Gedicht."

Allerdings ist nicht alles, was Müller von sich gab, tiefstes Bairisch. "Den Pott hamma", sagte er, aber da verwechselte er die WM-Trophäe wohl mit dem DFB-Pokal. In Rio gab es eine flaschengroße Goldstatue, auf bairisch hätte Müller also sagen müssen: ein Trumm. In diesem denkwürdigen Fall sogar: ein Trumm vom Paradies.

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SZ vom 16.07.2014/infu
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