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Theater:Augsburger Puppenkiste bringt die Weihnachtsgeschichte ins Kino

Augsburger Puppenkiste verfilmt Weihnachtsgeschichte

Melanie Marschall platziert eine Eselmarionette auf der Bühne der Augsburger Puppenkiste. Dort wird gerade die Weihnachtsgeschichte fürs Kino verfilmt.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)
  • Pünktlich zur Adventszeit bringt die Augsburger Puppenkiste die Geschichte des Flüchtlings-Ehepaars Maria und Josef ins Kino.
  • Der Streifen dauert 60 Minuten und ist eine Mischung aus Lukas, dem Evangelisten, und Lukas, dem Lokomotivführer.
  • Der Film ist der zweite Versuch der Puppenkiste, ein Theaterstück auf die Leinwand zu bringen.

Was für ein abenteuerliches Experiment ist das denn? Ein Kinofilm für Kinder über die Weihnachtsgeschichte? Mit Holzpuppen? Ohne Special Effects und mit traditioneller Klezmer-Musik? "Anfangs war das für mich eine Spinnerei", sagt selbst Klaus Marschall, der Leiter der Augsburger Puppenkiste. Vor zwei Jahren hatte er den Stoff aus dem Neuen Testament zur Geburt des Jesus von Nazaret für sein Marionettentheater adaptiert. Als Filmproduzent Fred Steinbach ihm vorschlug, das Stück auch ins Kino zu bringen, war Marschall zunächst sehr skeptisch: "Ich dachte, so was kann vielleicht die Met machen, aber nicht wir." Jetzt macht er es doch. Und 210 Kinos von Flensburg über Görlitz bis nach Wien haben den Streifen bereits bestellt, noch bevor er im Kasten war.

Pünktlich zur Adventszeit bringt die Puppenkiste die Geschichte des Flüchtlings-Ehepaars Maria und Josef ins Kino. Der Streifen dauert 60 Minuten und ist eine Mischung aus Lukas, dem Evangelisten, und Lukas, dem Lokomotivführer.

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Klaus Marschall ist es ernst mit der frohen Botschaft. "Die Weihnachtsgeschichte hat viel mit Not und Flucht zu tun", sagt er, "deshalb geht sie uns alle an." Bei aller Ernsthaftigkeit hat der Regisseur das Geschehen auch behutsam auf Puppenkiste-Charakter getrimmt; so werden die hohen Tiere stets von ihrem Sockel geholt, und das Vieh ist einfach cleverer als der Mensch. Zwei Beispiele: Erstens fliegt Erzengel Gabriel mit seinen beweglichen Flügeln stets erhaben und voller Würde durch die Luft. Ein echter Gottesbote eben. Aber seine Landungen geraten meist zu kleinen Naturkatastrophen.

Und Ochse, Kamel und vor allem Esel Noël, der die Zuschauer durch die Geschichte führt, müssen den Menschen immer wieder die Welt erklären. Weil das Kamel immer von "Allah" spricht und nicht von "Gott", kommt es zum Disput. "Mir ist egal, wie ihr euren Gott nennt", sagt da der Ochse, "er hat uns das Futter gebracht." Der Erzengel spricht jiddischen Akzent, die drei Weisen aus dem Morgenland kommen ganz ohne Prunk aus und sprechen ebenfalls fremdartige Dialekte - österreichisch und osteuropäisch. Nein, er wolle keine Botschaften mit erhobenem Zeigefinger einbauen, sagt Marschall, "bei uns treffen einfach ganz viele verschiedene Kulturen aufeinander." Nicht mehr und nicht weniger. Er lässt die Weihnachtsgeschichte für sich sprechen.

Einerseits wird "Ehre sei Gott in der Höhe" gerufen und "Gloria in excelsis Deo" gesungen. Andererseits sagt der stolze Vater Josef zu seinem brabbelnden und prustenden Jesus-Kindlein in der Krippe: "Dutzi Dutzi Dutzi!" Angesichts dieser Töne macht sich Esel Noël Sorgen um den Mann. Doch der Ochse beruhigt ihn: "So sind alle Eltern, wenn sie mit ihren Kälblein reden." Auch Maria hat ihre Ängste: "Ob die Menschen ihm Glauben schenken werden?", fragt sie voller Zweifel. "Ja klar", lautet die Antwort, "noch in über 2000 Jahren."

Jede Szene wurde auf der Theaterbühne in der Augsburger Altstadt dreimal gedreht - jeweils in einer anderen Kameraeinstellung. Für die Produktion wurden 23 Holzpuppen geschnitzt und bekleidet, der Soundtrack wurde extra von der Augsburger Klezmer-Musikerin Susanne Ortner komponiert. Marschall empfiehlt den Film für Kinder von vier Jahren an. Sein Drehbuch wurde nicht geändert, das war ihm wichtig. Genauso, wie das Stück auf der Kisten-Bühne gezeigt wird, so kommt es auch ins Kino. In sechs Akten mit Vorhang und Publikum. "Wir wollen die Theater-Atmosphäre in den Kinosaal bringen", sagt Marschall.

Der letzte Ausflug in die Kinowelt war kein Erfolg

Schon vor 20 Jahren hatte er sich an einem Kinofilm versucht. Die Story von der Ratte Monty Spinneratz spielte in New York und wurde in den USA mit viel Aufwand gedreht. Der Streifen floppte. Jetzt also der Versuch auf die traditionelle Art: Der Kistendeckel geht auf und gibt den Blick auf die Guckkastenbühne frei. Darauf stehen die schlichten Holzkulissen, die Fäden sind zu sehen und die Augen der Puppen sind wie immer aus Schusternägeln, weil die im Licht so lebendig glänzen.

Ob das zum Kassenschlager reicht? "Mit 210 Bestellungen hätten wir nie gerechnet", sagt Produzent Fred Steinbach, "aber ja, noch ist keine Karte verkauft." Im Theater funktioniert das Konzept auf jeden Fall: Für die Bühnen-Aufführungen in der Adventszeit gibt es nur noch wenige Restkarten.

Der Vorstoß auf die Leinwand ist nicht das einzige Experiment, mit dem die Puppenkiste neue Vertriebswege ausprobiert: Die Weihnachtsgeschichte kommt auch als Hörspiel auf den Markt, mit Schauspielerin Martina Gedeck als Erzählerin. "Und das wird nicht unser letztes Hörspiel sein", verrät Marschall. Auch eine Musik-CD mit den Klezmer-Stücken aus der Weihnachtsgeschichte ist in der Mache.

Den Klassiker "Stille Nacht" ändern der Esel und der Ochse im Film übrigens leicht ab. Und einen Special Effect gibt es im Kinofilm sehr wohl: Bei diesem Kisten-Sandsturm verblassen sogar die Macher von Avatar und Independence Day.

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