Wem der Telemedizin-Koffer nutzt, der seit vergangenem Sommer bei ihnen im Pflegeheim steht? Katharina Strobl muss da nicht lange nachdenken. „Wir hatten schon zwei, drei Bewohner mit Fieber oder Bluthochdruck, denen wir direkt helfen konnten“, erzählt die Pflegedienstleiterin des Kreisaltenheims Palling im Landkreis Traunstein.
Da war der 94-Jährige, der über Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen klagte. Die Pflegekräfte tippten schon selbst auf Bluthochdruck. Weil sie seinen Arzt aber nicht erreichen konnten, hätten sie bei so einer plötzlichen Verschlechterung des Gesundheitszustandes normalerweise den Notarzt rufen müssen. Oft genug fährt der den Patienten dann in die Klinik. Für den Bewohner, der an einer beginnenden Demenz leidet, sei das schlimm, erzählt Strobl: „Auf Krankenhausaufenthalte reagiert er sehr desorientiert. Oft braucht er danach zwei bis drei Wochen, um sich wieder einzuleben.“
Der Telemedizin-Koffer hat dem Mann diese Strapazen erspart. In ihm finden sich ein Tablet sowie Messgeräte, mit denen die Pflegekräfte Blutdruck, Sauerstoffsättigung oder Herzfrequenz der kranken Bewohner messen und direkt an einen Arzt übermitteln können. Und wichtiger noch: Sie können damit per Videocall einen Hausarzt erreichen, oder, falls dieser nicht verfügbar ist, einen Telemediziner der Technischen Universität München (TUM).
Im Fall des 94-jährigen Bewohners erreichten sie einen der in das Projekt eingebundenen Hausärzte. Mit den Messdaten diagnostizierte er Bluthochdruck und verordnete Medikamente aus einer Medikamentenbox seiner Praxis, die für das Projekt im Heim installiert wurde. Keine zwei Stunden später ging es dem alten Mann besser. Weder er noch sein Arzt hatten sich dafür ins Auto setzen müssen. Es war auch kein Rettungswagen losgefahren und die Notaufnahme der Klinik musste einen Patienten weniger versorgen.
Im Landkreis Traunstein zeigen sie im Kleinen, wie man dem großen Problem begegnen kann
Überfüllte Notaufnahmen, zu viele unnötige Behandlungen: Experten sind sich einig, dass das eines der großen Probleme des deutschen Gesundheitssystems ist. Im Landkreis Traunstein zeigen sie im Kleinen, wie man dem großen Problem begegnen kann. Mit dem Projekt der telemedizinischen Versorgung der Pflegeheime wollen sie unnötige Klinikaufenthalte verhindern. Das erspart nicht nur den Bewohnern Leid. Es spart auch den Krankenkassen Geld – und das, ohne dass Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) den Rasenmäher ans Gesundheitssystem ansetzen und pauschal kürzen muss, wie sie es gerade tut.
Das Projekt wurde von der TU München konzipiert und soll 2026 evaluiert werden. Sollte sich zeigen, dass dabei tatsächlich die Zahl der Krankenhauseinweisungen sinkt, könnte es eine Blaupause für viele andere Gegenden in Deutschland sein. Die Deutsche Gesellschaft für Telemedizin hat es deshalb jetzt für den Telemedizinpreis nominiert. Die Auszeichnung würdigt Projekte, die die medizinische Versorgung mit digitaler Technik verbessern.
Die Kooperation zwischen dem Landratsamt Traunstein, mehreren Hausärzten und dem Telemedizin-Zentrum am TUM-Klinikum rechts der Isar in München entstand schon während der Corona-Zeit. Dort hatten sie damals akut kranke Corona-Patienten mit einem Ohrensensor überwacht, sodass sie diese bei einer Verschlechterung schnell zurück in die Klinik holen konnten. Die Messgeräte wurden auch von zwei Hausarztpraxen im Landkreis ausgegeben. Man blieb in Kontakt. Vor zwei Jahren brachten die Ärzte dann die Idee einer telemedizinischen Versorgung der Pflegeheime auf.
Man habe deutschlandweit nach vergleichbaren Projekten gesucht, berichtet die Studienkoordinatorin am Telemedizin-Zentrum, Franziska Hahn. Es gebe bislang wenig. In einigen Gegenden sind mit Telemedizin ausgerüstete Gemeindeschwestern unterwegs. Dass aber wie im Landkreis Traunstein jetzt drei Pflegeheime direkt telemedizinisch angebunden sind, ist neu.
Am häufigsten komme der Koffer bislang bei Harnwegsinfekten, nach Stürzen oder zur Abklärung von Wunden zum Einsatz, berichtet Hahn. Die Ärzte meldeten bereits, dass sie mit den ihnen geschickten Daten leichter entscheiden könnten. Den Pflegekräften bürdet das Projekt dagegen zusätzliche Verantwortung auf. Den Notarzt anzurufen, sei für ein Pflegeheim immer der einfachste Weg, berichtet Hahn. Telemedizin-Koffer holen, Bewohner untersuchen und Arzt anrufen, erfordere mehr Engagement. Und es kostet auch mehr Zeit. Es habe sich bereits gezeigt, dass immer dann, wenn die Pflege etwa wegen Krankheitsfällen schlecht aufgestellt war, auch der Koffer seltener zum Einsatz kam, so Hahn. Insgesamt aber würde die Telemedizin als Gewinn wahrgenommen.

Das bestätigt auch Pflegedienstleiterin Katharina Strobl. Anfangs habe es gerade bei älteren Mitarbeitern Bedenken wegen der Technik gegeben. Das Programm auf dem Tablet sei aber so einfach gestaltet, dass es selbst Menschen intuitiv verstünden, die privat kein Smartphone nutzten. Die Telemedizin fördert zudem die Teamarbeit zwischen Pflegekräften und Ärzten. Die Schwestern und Pfleger untersuchen die Bewohner selbständig. Der Arzt lässt sich ihre Einschätzung berichten und bewertet die Befunde.
Insgesamt werde der Koffer nicht häufig gebraucht, weil ihr Heim auch so einen kurzen Draht zu den behandelnden Hausärzten habe, so Strobl. „Nachts und am Wochenende sind die Mitarbeiter aber schon sehr froh, dass sie ihn haben.“


