Krank an WeihnachtenOnline-Portale vermitteln Video-Sprechstunden: nachts, am Wochenende und an Feiertagen

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Das Fieber steigt ausgerechnet am Freitagabend. Online-Portale bieten für diesen Fall mittlerweile medizinische Beratung an.
Das Fieber steigt ausgerechnet am Freitagabend. Online-Portale bieten für diesen Fall mittlerweile medizinische Beratung an. (Foto: Imago)
  • Online-Portale wie DocOnLine der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern vermitteln Video-Sprechstunden nachts, am Wochenende und an Feiertagen für akut kranke Patienten.
  • Die Ärzte können bis zu 80 Prozent der Probleme am Bildschirm klären, ohne die Patienten persönlich zu treffen.
  • 2024 fanden deutschlandweit 2,7 Millionen Video-Beratungen statt, was ein Vielfaches der Vor-Corona-Zeit ist, aber immer noch wenig bei einer Milliarde jährlicher Arzt-Patienten-Kontakte.
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Eines davon ist das Projekt „DocOnLine“. Die Ärzte können bis zu 80 Prozent der Probleme am Bildschirm klären. Über ein neues Angebot mit Zukunftspotenzial.

Von Nina von Hardenberg

Es gehört zu den gefühlten Wahrheiten einer Mutter, dass Kinder gerne dann krank werden, wenn keine Arztpraxis geöffnet ist. Ausgerechnet am Freitagabend steigt das Fieber in schwindelnde Höhen. Der Zahn schmerzt mitten in der Nacht so unerträglich, dass die übliche Schmerzmitteldosis nicht reicht. Oder ein Fußballspiel auf der Straße endet am Sommerabend mit Platzwunde. Wer hilft einem, wenn man ärztlichen Rat benötigt – nachts, am Wochenende oder gar an Weihnachten?

Mit dem Kind mit der tiefen Platzwunde oder in anderen Notfällen müssen Eltern nach wie vor in die Notaufnahme fahren. Für andere medizinische Probleme aber kann man sich den Arzt seit einiger Zeit virtuell nach Hause holen – aufs Sofa oder gar ans Krankenbett, und das sogar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Gleich mehrere Online-Portale vermitteln Video-Sprechstunden.

Eines davon ist das von der Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) eingerichtete Projekt „DocOnLine“.  Es richtet sich an akut kranke Patienten in Bayern, die keinen Arzt haben oder deren Haus- oder Facharzt nicht erreichbar ist, etwa am Wochenende. Nach KVB-Angaben sind 177 Ärzte bei DocOnLine angemeldet – allesamt „erfahrene niedergelassene Haus-, Kinder- und Jugendärzte sowie Fachärzte“. Wer sie konsultieren will, muss sich zunächst durch einen Online-Fragebogen klicken, der eine erste Einschätzung gibt, ob sich das Problem telemedizinisch klären lässt. Alternativ werden dem Patienten Praxen in der Nähe vorgeschlagen. Danach geleitet einen das Portal in ein virtuelles Wartezimmer, wo sich nach durchschnittlich 20 Minuten Wartezeit ein Arzt zuschaltet.

Die KVB sieht in ihrem Projekt eine Ergänzung zu ihrem Bereitschaftsdienst. Kassenärzte stellen auch sonst einen Notdienst, der außerhalb der Öffnungszeiten der Praxen für alle nicht lebensbedrohlichen Krankheitsbilder zuständig ist. Man erreicht ihn unter der Telefonnummer 116 117. Ein Mitarbeiter der Hotline schätzt die Dringlichkeit des Problems ein und lotst die Anrufer dann entweder in die nächste offene Bereitschaftspraxis oder schickt bei gebrechlichen Patienten einen Arzt vorbei. In wenig ausgelasteten Bereitschaftspraxen nehmen Ärzte in dem Projekt DocOnLine jetzt auch Video-Calls entgegen. Dabei konnten sie nach eigenen Angaben 73 Prozent der Probleme lösen, ohne die Patienten persönlich zu treffen.

Im Idealfall hilft die Telemedizin so beiden Seiten: Der Patient muss nicht in die Praxis kommen, wo er sich womöglich noch einen weiteren Infekt einfängt. Und Ärzte, die am Wochenende Dienst schieben, sind besser ausgelastet, weil sie eine größere Zahl von Patienten betreuen. In der Versorgung spielt das Projekt trotzdem noch keine große Rolle: Gerade mal 4000 Videosprechstunden wurden über DocOnLine bisher abgehalten.

Vor dem Einkaufsbummel noch kurz zum Tele-Arzt? Medical Ruooms wie hier in Mosach in Baden-Württemberg soll es bald auch in Bayern geben.
Vor dem Einkaufsbummel noch kurz zum Tele-Arzt? Medical Ruooms wie hier in Mosach in Baden-Württemberg soll es bald auch in Bayern geben. (Foto: Kaufland)

Andere Portale haben da bereits eine größere Reichweite. Die Münchner Firma Teleclinic etwa ist seit zehn Jahren am Markt und damit nach eigenen Angaben Marktführer. Deutschlandweit hätten bislang vier Millionen Patienten dort eine virtuelle Sprechstunde besucht. Auch bei Teleclinic müssen sich Patienten durch einen Fragebogen klicken – dieser Teil ist gesetzlich vorgeschrieben. Auch dort schaltet sich ein Arzt zu, allerdings kann dieser selbst zu Hause sitzen.

Viele, der bei ihnen angemeldeten Ärzte, nutzten die Möglichkeit, die Tele-Sprechstunde von zu Hause aus anzubieten, sagt Geschäftsführer Benedikt Luber. Das macht die Arbeit attraktiv, auch wenn Telemedizin an sich nicht besonders hoch vergütet wird. Die Ärzte rechnen die Patienten ganz normal über ihre Praxis ab. Auch DocOnLine will deshalb jetzt Homework für Tele-Ärzte ermöglichen.

Die Patienten kommen in der Regel mit eher unkomplizierten, aber akut belastenden Beschwerden in die Video-Sprechstunde. Derzeit sehen die Ärzte viele Grippepatienten. Andere klagen über Magen-Darm-Beschwerden, Hautprobleme oder Kreislaufbeschwerden. Es melden sich auch chronisch kranke Patienten, die kurzfristig ein neues Rezept benötigen. Es liegt im Ermessen der Ärzte, wann sie Medikamente verschreiben, ohne Patienten persönlich gesehen zu haben. Patienten können hierfür Nachweise wie ihren Medikamentenplan hochladen. Einfacher noch wäre dies über einen Blick in die neu eingeführte Patientenakte. Diese allerdings lässt sich bislang nur ganz physisch über ein Kartenlesegerät auslesen.

Einfacher geht dies derzeit nur in den ärztlichen Video-Sprechstunden, die einige Krankenkassen ihren Versicherten anbieten, darunter viele BKKs und etwa die Techniker Krankenkasse. Sie können auf Wunsch Zugriff auf die elektronische Gesundheitsakte ermöglichen. Insgesamt stellt die Technik dem Videoarzt noch einige Hürden. Trotzdem können die Ärzte offenbar vielen Patienten helfen. Auch Teleclinic gibt an, dass ganze 80 Prozent der vorgebrachten Probleme online abschließend geklärt würden.

Die Telemedizin ist mit der Corona-Pandemie in der Versorgung angekommen, bestätigt auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Der Einsatz sei flexibler geworden: Eine Video-Sprechstunde sei immer dann möglich, wenn sie therapeutisch sinnvoll sei – es gibt keine Einschränkung auf bestimmte Krankheitsbilder. Sie könne auch bei unbekannten Patientinnen und Patienten eingesetzt werden, zudem dürften sie inzwischen fast alle Arztgruppen anbieten.

Während Corona hatten Video-Sprechstunden einen regelrechten Boom erlebt. Die Zahlen stiegen rasant an. 2024 fanden nach Angaben des Zentralinstituts Kassenärztliche Versorgung deutschlandweit 2,7 Millionen Video-Beratungen statt. Das ist ein Vielfaches der Vor-Corona-Zeit und trotzdem angesichts von jährlich einer Milliarde Kontakten zwischen Patienten und niedergelassenen Ärzten immer noch wenig. In der Telematik-Branche glaubt man: Das ist erst der Anfang. In skandinavischen Ländern fänden fünf bis zehn Prozent der ambulanten Behandlungen telemedizinisch statt, heißt es. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung dagegen sieht in Telemedizin nur ein Zusatzangebot. Nichts gehe über den persönlichen Kontakt, betont man dort.

Wie Telemedizin weitergedacht werden kann, kann man sich in Frankreich anschauen. Dort stellt die Firma „box médicale“ gerade Container-Praxen auf, die mit Medizingeräten und ärztlicher Videoberatung ausgestattet sind. Patienten können da nicht nur mit dem Arzt telefonieren, sondern sich dabei selbst untersuchen. Das Unternehmen preist die Boxen als ein Mittel gegen den Ärztemangel auf dem Land.

Die Praxis ohne Arzt kommt in Frankreich mit dem Lastwagen.
Die Praxis ohne Arzt kommt in Frankreich mit dem Lastwagen. (Foto: raymriehl)

Bis Januar will man 100 solche Boxen in ganz Frankreich verteilt haben. In den USA stellt die Firma OnMed ähnliche Gesundheitsstationen in Schulen auf.

Auch in Deutschland könnten solche telemedizinischen Behandlungsräume bald öfter zu sehen sein. Das Berliner Start-up Medivice baut sie. Die Ersten seien bereits im Einsatz – darunter in der Apotheke Deiker Höfe in Düsseldorf und im Vorraum der Supermarktkette Kaufland in Mosbach in Baden-Württemberg.

Medivice setzt dabei auf die Vernetzung mit Ärzten aus der Region. Die Kabine in Mosbach ist an das örtliche MVZ der Klinikkette Sana angebunden.  Auch in Bayern will Medivice bald erste Telemedizin Boxen eröffnen.

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