Manche Menschen in Bayern sind inzwischen froh, wenn dann wirklich mal Wahl ist am Sonntag. Weil so eine Wahl wichtig ist, natürlich. Aber auch aus anderen Gründen. Denn die einen können dann endlich mit dem Wahlkampf aufhören, und die anderen werden nicht mehr auf allen Kanälen damit behelligt. Dauernd neue Posts im Eingang und neue Flyer in der Post. Vorm Supermarkt gibt einem schon wieder wer eine Broschüre mit, von der Plakatwand schauen einen lauter Gesichter auffordernd an und am Bahnhof gibt es am einen Tag Brezen von dem einen Kandidaten und am anderen vom anderen.
Im fränkischen Tauberrettersheim gibt es nichts von alledem – außer den Bahnhof vielleicht, aber da kommt schon lang kein Zug mehr. Dabei sind am Sonntag auch 669 von insgesamt gut 800 Tauberrettersheimern berechtigt, ihre Bürgermeisterin oder ihren Bürgermeister sowie alle acht Mitglieder des Gemeinderats zu wählen. Und zugleich können alle 669 Wahlberechtigten selbst in so ein Amt gewählt werden. Denn nirgends ist die Wahl wilder als in Tauberrettersheim, und das schon seit Jahrzehnten.

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Als „wild“ gilt eine Wahl, wenn nichts und niemand auf dem Stimmzettel steht. In Tauberrettersheim machen sie das schon seit 30 Jahren so. Wobei dort genau genommen nur niemand auf dem Stimmzettel steht und nicht nichts. Vorgedruckt sind dort zum Beispiel der Satz „Erste Bürgermeisterin oder erster Bürgermeister soll werden“. Und dann drei Felder für Name, Vorname und – „soweit bekannt“ – für ergänzende Angaben zur Identifizierung des Gewählten wie Ortsteil oder Beruf. Irgendwelche Kreise oder Kästchen zum bloßen Ankreuzen gibt es nicht. Namen und Vornamen ihrer Wahl müssen die Wählenden selber draufschreiben.
Bürgermeisterin wird, wen mehr als die Hälfte der Wähler auf dem Zettel haben. Anderenfalls kommt es zwei Wochen später zur Stichwahl zwischen den beiden Meistgenannten. In den Gemeinderat ziehen sofort die acht Meistgenannten ein – sofern die Gewählten die Wahl annehmen. Und ob wer wirklich wollen würde oder am Ende ablehnt, das ist die große Frage in Tauberrettersheim, wo es keine Aufstellungsversammlungen mit Nominierungen gibt, aber auch keine Wahlveranstaltungen, bei denen Unwillige im Voraus ihren Unwillen zu Protokoll geben könnten.

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Es scheint kompliziert: Bunte Stimmzettel, riesig groß, auf denen Wählerinnen und Wähler bis zu 80 Stimmen vergeben können. Wissen Sie, wie man kumuliert und panaschiert und wann Sie Ihren Stimmzettel ungültig machen?
Im besten Fall stößt die Wählerschaft auf eine eher informell ausgehängte Liste mit Leuten, die gegebenenfalls nicht Nein sagen würden. Andere Namen werden von Handy zu Handy weitergereicht. Wer frisch zugezogen ist ins Neubaugebiet, muss sich eben erkundigen bei einem älter eingesessenen „Ratterschmer“, wie sich die mundartfesteren Tauberrettersheimer selber nennen.
Bürgermeisterin ist seit 2018 Katharina Fries, die das Amt laut früheren Angaben gar haben nicht wollte, sich aber einer satten Dreiviertelmehrheit beugte. Jetzt will sie aber wirklich nicht mehr und könnte eigentlich zuversichtlich sein. Schließlich gibt es potenziell 668 Gegenkandidaten. Denn ein ehrenamtlicher Bürgermeister muss aus dem Ort kommen. Ginge es ums Hauptamt, könnten die Wähler auch noch Auswärtige draufschreiben.
Genügend Namen zum Ankreuzen gibt es am Sonntag in Tauberrettersheim übrigens auch: auf dem Stimmzettel für den Kreistag des Landkreises Würzburg zum Beispiel. Und um das Amt des dortigen Landrats bewerben sich auch fünf Kandidaten. Jeder und jede einzelne von ihnen ist namentlich bekannt.

