Jetzt, wo der Wahlkampf so richtig anläuft, wird man das wieder öfter hören: Augsburg, eine der sichersten Großstädte Deutschlands. Die örtliche CSU, die gerade ihr Wahlprogramm vorgestellt hat, druckt ihre Lieblings-Polizeistatistik sogar auf eines ihrer Wahlplakate. Beim Staatstheater nachzuforschen hat sich von Augsburgs Regierungspartei aber offenbar niemand die Mühe gemacht. Sonst hätte die CSU herausgefunden, dass dort ständig ermittelt wird, in einem aufsehenerregenden Kriminalfall pro Jahr. Es geht um Mord, um menschliche Abgründe – und die Augsburger erfreuen sich daran.
Der Tatort Augsburg, sagt Sprecherin Maria Fürstenberger, ist regelmäßig nach ein paar Stunden ausverkauft. Wenn die Polizei schon in der Realität kaum was zu tun hat, dann wollen die Besucher wenigstens Schauspielern zusehen, wie sie Kriminalfälle lösen. Und zusehen heißt bei diesem Format nicht, im Theater zu sitzen und auf eine Bühne zu starren. Beim Tatort Augsburg, ins Leben gerufen und inszeniert seit 2017 von Regisseur David Ortmann, ist das Publikum immer mittendrin, an verschiedenen Orten der Stadt, die selbst Augsburger normalerweise nicht zu sehen bekommen.
Es hat das ohnehin nicht ausgeprägte Augsburger Selbstbewusstsein schon etwas getroffen, als vor zehn Jahren nach München auch Nürnberg einen ARD-„Tatort“ erhalten hat. Es hat das Augsburger Selbstverständnis noch ein bisschen mehr gestört, dass der Nürnberger „Tatort“ auch manchmal in Würzburg spielt oder in Bamberg oder gar Bayreuth. Die drittgrößte Stadt Bayerns aber ist leer ausgegangen. Vielleicht auch deshalb kommt jährlich mit jedem neuen Fall die Idee des Staatstheaters so gut an, mit einem Augenzwinkern einen eigenen Tatort Augsburg ins Leben zu rufen: Kommt der Tatort nicht zu uns, machen wir halt unser eigenes Ding.
Das Format kommt aber gut an, die Tickets sind immer schnell vergriffen. Wohl auch, weil das aktuelle Stück „Walsturz“ so gut gemacht ist – und die Gäste zum Beispiel in den Raum der Fuggerei führt, in dem der Fürstlich und Gräflich Fuggersche Familienseniorrat tagt, das Aufsichtsgremium über die Fuggerschen Stiftungen. Da raunt dann schon mal ein Besucher seiner Frau zu, während die Schauspieler sich zum Showdown am Tisch versammeln: „Hier kommt normalerweise niemand rein.“
Der Tatort Augsburg hat bereits am Unicampus gespielt oder im Innovationspark, auch im ehemaligen Offizierskasino der früheren US-amerikanischen Sheridan-Kaserne – ein Gebäude, an dem viele Augsburger täglich vorbeifahren, aber nie hineinkommen. Mal geht es in den Kriminalfällen um Industriespionage, mal um organisierte Kriminalität. Mal sind es aktuelle Fälle, mal historische, bei denen die Zuschauer in die Siebzigerjahre oder weiter zurückversetzt werden. Einmal musste das Publikum von einem Ort zum anderen mit dem Bus transportiert werden, bevor das Stück fortsetzte.

„Walsturz“ ist ebenfalls eine historische Folge, der Augsburger Tatort geht in der Zeit so weit zurück wie nie zuvor, ins Jahr 1517: Jakob Fugger, der wohl reichste Mann seiner Zeit, wird Opfer eines Giftanschlags. Natalie Baudy hat das Stück geschrieben, das in der Barfüßerkirche in der Innenstadt Augsburgs beginnt und schließlich in der von Jakob Fugger gestifteten Sozialsiedlung, der Fuggerei, endet.
Es treten fiktive Figuren auf, Fuggers Koch etwa, sein Schreiber und eine Leibwächterin mit Morgenstern-Handtasche. Es spielen aber auch Fuggers Nichte Regina Meuting, sein Buchhalter Matthäus Schwarz sowie der damalige Augsburger Bischof Christoph von Stadion, allesamt historische Figuren. Tatsächlich soll Jakob Fugger bei einem Besuch in Dillingen beim neu gewählten Bischof einst schwer erkrankt sein, ein Anschlag ist jedoch nicht historisch belegt.
Die Episode ist aber ein dankbarer Aufhänger für einen fiktiven Kriminalfall, bei dem es um die ganz großen Themen geht: Bewunderung und Neid, Macht und Geld, politische Seilschaften und Einflussnahme. Das Publikum darf dabei nur kurz sitzen, in der Kirche. Schon bald adressieren die Schauspieler die Zuschauer direkt, alle zusammen marschieren zur nicht weit gelegenen Fuggerei, vorbei an Autos und Passanten, die gerade aus der Straßenbahn steigen. In der ältesten Sozialsiedlung der Welt schaut dann auch die eine oder andere Bewohnerin aus ihren Fenstern auf das Schauspiel in den Gassen. Sie wollen ja wissen, wer ihren Stifter vergiftet hat – und ob er am Ende vielleicht doch überlebt?


