Süddeutsche Zeitung

Tagesklinik in München:Hier lernen Autisten, wie andere Menschen kommunizieren

Die bundesweit erste Tagesklinik in München will ihnen auch helfen, einen Platz in der Arbeitswelt zu finden.

Von Dietrich Mittler

Hedy Seifert (Name geändert) lebt mit ihrem Mann auf einem einsam gelegenen Bauernhof in Niederbayern. Die 52-Jährige hat zur Zeit zwei Bewerbungen am Laufen, einmal als wissenschaftliche Mitarbeiterin und zum anderen als Software-Testerin. Fachleute bescheinigen ihr eine "überdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit".

Neben ihrer bisherigen beruflichen Tätigkeit hat Seifert 2014 ein Präsenzstudium zur Erziehungswissenschaftlerin absolviert, seit 2015 belegt sie an einer Fernuniversität einen Master-Studiengang im Bereich Bildungswissenschaften. Alles Faktoren, die für einen beruflichen Aufstieg gewiss förderlich sind. Eines aber stellte sich ihrem Erfolg bislang immer in den Weg: Hedy Seifert ist Autistin.

In diesem Jahr jedoch bahnt sich eine Wende an. Seifert hat im April von der Eröffnung der deutschlandweit ersten Tagklinik erfahren, die Hilfe speziell für Menschen wie sie anbietet. Noch dazu bezahlt von ihrer Krankenkasse. Zwar hätte sie auch eine stationäre Behandlung beginnen können - in München, Augsburg, Regensburg, Erlangen oder in Taufkirchen.

Seifert entschied sich indes für die ambulante Lösung. Obwohl es ein weiter Weg ist von ihrem entlegenen Bauernhof, fährt sie fünf Mal die Woche nach München zum Campus des Max-Planck-Instituts (MPI), um das neue Angebot zu nutzen. "Es haben sich bei uns mittlerweile sogar Patienten aus anderen Bundesländern angemeldet", sagt Leonhard Schilbach, geschäftsführender Oberarzt im MPI.

Schilbach leitet die neue "Ambulanz und Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion". Seine Patienten hätten zwar mit vielfältigen Störungen zu kämpfen, aber eines sei allen gemein: "Ihr Leidensdruck ist immens. Sie suchen soziale Kontakte, verstehen aber nicht, wie andere Menschen funktionieren", sagt Schilbach.

Die Folgen sind oft dramatisch. Hedy Seifert hat vieles davon selbst durchlebt: Missverständnisse von jung auf - zuhause mit den Angehörigen, dann auch in der Schule. Und das trotz ihrer vielfältigen Anpassungsversuche, etwa durch das Kopieren der Verhaltensweisen von beliebten Mitschülern.

Im Arbeitsleben begegnete ihr dann oft Ablehnung, die Mobbing-Attacken seitens der Kollegen häuften sich. Die Bilanz dieses Leidensweges: zwei Suizidversuche, eine stationär-psychiatrische Behandlung, ambulante Psychotherapie, Erschöpfungsdepression mit Panikattacken.

"Drei Viertel der Betroffenen sind immer wieder arbeitslos, obwohl sie oftmals einen besseren Ausbildungsabschluss vorweisen können als ihre Mitbewerber", sagt Schilbach. Das bleibe nicht folgenlos. "Zwei Drittel", so sagt Schilbach, "rutschen in eine Depression. Sie ziehen sich zurück, etliche bringen sich gar um." Und das seien oft kluge Menschen. "Aber sie bekommen keinen Fuß in die Tür", sagt er.

Hedy Seifert hat nun in der Gruppentherapie Männer und Frauen kennengelernt, denen es so geht wie ihr. "Es ist eine wichtige Erfahrung, nicht der absolute Außenseiter zu sein", sagt die 52-Jährige. Experten des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München gehen davon aus, dass in Bayern circa 120 000 Menschen aller Altersgruppen von Autismus betroffen sind. Circa 60 000 von ihnen gelten als "hochfunktional", viele von ihnen gar als überdurchschnittlich intelligent.

So auch Seifert. Jahrelang aber wusste sie nicht, was mit ihr los ist. Sie konnte ihre starke Reizempfindlichkeit auf Licht, Geräusche und Gerüche nicht einordnen. Noch weniger aber kam sie zurecht mit anderen Menschen - weder mit deren Emotionen, noch mit deren Kodex des sozialen Umgangs. Lange Zeit vermuteten die Ärzte bei Hedy Seifert eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Erst 2016 wurde ihnen klar, woran sie tatsächlich leidet: Asperger-Autismus. Die jüngsten Erfahrungen geben Seifert nun aber Hoffnung: "Das erste Mal habe ich das Gefühl, tatsächlich von den Therapeuten und Ärzten verstanden zu werden", sagt sie.

In Einzelgesprächen, vor allem aber in den Therapiegruppen versucht das Münchner MPI-Team, Patienten in sechs Wochen die Welt verständlicher zu machen. "Und das gelingt erstaunlicherweise besser in Gruppen, in denen sich fast ausschließlich Menschen mit einer Autismus-Diagnose befinden", sagt Schilbach. Gemeinsam ließen sich offenbar leichter jene Übungen angehen, die die MPI-Therapeuten vorbereitet haben. Zum Beispiel, auf die stummen Botschaften zu achten, die andere Personen aussenden - wie durch Blickkontakt.

"Das sind Dinge, die für Menschen ohne Autismus selbstverständlich sind", sagt Schilbach. Nicht so jedoch für Autisten. "Wir hatten hier kürzlich einen Patienten mit dem wahnsinnig hohen Intelligenzquotienten von 146", erinnert sich Schilbach. Um Kontakt zu bekommen, war dieser Mann einem Chor beigetreten. In der Tagklinik klagte er jedoch: "Wenn die Probe aus ist, redet keiner mit mir! Und ich weiß gar nicht warum." Dann aber lernte er: Blickkontakt ist wichtig. Das nächste Mal, als er zur Chorprobe ging, hat er es dann einfach mal ausprobiert. Es klappte.

"Autismus ist eine lebenslange Störung"

Feste Strukturen sind im Therapie-Programm des MPI Standard. "Autisten reagieren auf Veränderungen mit Stress", sagt Schilbach. Vieles könnte er noch an Symptomen aufzählen - "etwa, dass unsere Patienten nicht zwischen den Zeilen lesen können". Ironie sei da völlig fehl am Platz.

Auf Äußerungen wie "Der hat ja Tomaten vor den Augen" werde ein Asperger-Autist empört erwidern: "Der hat doch gar keine Tomaten vor den Augen!" Die Folge eines solchen Missverständnisses sei oft soziale Ausgrenzung. Oder gar brutales Mobbing, so wie es Hedy Seifert erlebt hat.

"Autismus ist eine lebenslange Störung und nicht heilbar wie etwa eine Lungenentzündung", betont Schilbach. Aber eines ist ihm wichtig zu erwähnen: "Im Berufsleben haben Autisten auch ungeheure Vorteile." Zu potenziellen Arbeitgebern von Autisten sagt Schilbach deshalb oft: "Diese Menschen müssen Fehler nicht suchen, sie sehen die auf einen Blick." Auch das ist für Schilbach Tatsache: "Menschen mit Autismus sind brutal ehrlich, sie sagen einem immer die Wahrheit."

Man könne sich keine zuverlässigeren Mitarbeiter vorstellen. Hedy Seifert ist eine von diesen Menschen. Dank Therapie hat die 52-Jährige wieder Fuß gefasst. Zugleich weiß sie, dass neue Herausforderungen nicht ausbleiben werden. "Ich suche noch nach einem gangbaren Weg, mein Leben zukünftig besser auf meine Bedürfnisse abzustimmen", sagt sie. Gleichwohl traut sie sich wieder zu sagen: "Ich will für mich eine langfristige berufliche Lösung."

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Quelle:
SZ vom 23.08.2017/amm
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