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Tagebuch-Fund:Ein Lederkoffer voller Tagebücher

Das sprach sich herum, Bauern von weit her kamen auf den Gschwingerhof, bis die Tierärzte ein Arbeitsverbot für die Naturheilkundlerin durchsetzten. Diese nahm fortan nur noch heimlich die Goldstücke der Bauern an. Es dürften nicht wenige gewesen sein. Assbichler holt ein Öl-Portrait von ihr in die Stube, das sie hat malen lassen. Die Bäuerin dürfte nicht so vornehm gewesen sein wie ihre Magd, die ernst und streng aus dem Rahmen herausschaut.

Wo diese Geschichten im literarischen Werk seiner Tante niedergeschrieben sind? Assbichler weiß es nicht. Er hat einen Lederkoffer voller Tagebücher vom Speicher heruntergetragen, oben liegen noch viel mehr Hefte. Seine Tante war nicht wählerisch, vom Notizbuch bis zum rot-grün gemusterten Poesie-Album hat sie alle möglichen Bücher genutzt, um ihr Leben und das der Menschen in Riedering zu dokumentieren. Seite für Seite stehen da für Steno-Laien nur unverständliche Haken und Linien.

So muss es dem Franzosen Jean-François Champollion gegangen sein, als er zum ersten Mal ägyptische Hieroglyphen zu entziffern versuchte. Er benötigte Jahre, bis er 1822 ein Alphabet darin erkannte.

Tante Anna blieb ledig

Assbichler, der in der Verwaltung des Gefängnisses in Bernau arbeitet, hat sich für den Ruhestand fest vorgenommen, sich ins Steno zu vertiefen. Oder jemanden zu suchen, der ihm als Übersetzer hilft. Wenigstens die spannendsten Zeiten aus der Vergangenheit will er als Rentner wieder aufleben lassen, denn er weiß: "Alle Bücher zu lesen, würde jahrelang dauern."

Seine Tante hätte es nicht gestört, wenn er die Tagebücher nie mehr angesehen hätte, sagt Assbichler. Vielleicht auch, weil ihr darin festgehaltenes Leben nicht einfach war. Der Freund starb noch vor der geplanten Hochzeit. Sie blieb ledig, wie auch ihr Lieblingsneffe Andreas, der sich um ihr Erbe kümmert.

Als Erzieherin und später als Bankangestellte schlug sie sich durch. "Man darf die alten Zeiten nicht verklären, so schön waren die nicht", sagt ihr Neffe. Die Tante Anna habe wenigstens Anerkennung in der Arbeit gefunden, "sie konnte 2000 Kontonummern auswendig".

In Riedering habe sie bis ins hohe Alter fast jeder gekannt, schließlich habe sie als Frisur "ein markantes Taubennest" auf dem Kopf getragen. Bis die Augen nicht mehr mitmachten, betätigte sie sich als penible Chronistin des Alltags auf dem Land. 76 Jahre lang, jeden Tag.

© SZ vom 13.06.2014/mmo

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