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Tag der Pressefreiheit:Die Wahrheit über Prinz Williams Mittelfinger

Im Münchner Rupprecht-Gymnasium diskutieren Schüler mit SZ-Leserredakteur Tom Soyer über Medien.

(Foto: Robert Haas)

Beim ersten landesweiten Schülermedientag diskutieren Journalisten und Medienexperten mit Jugendlichen über den Alltag in Redaktionen, über echte Fotos und über Fake News. Die Veranstaltung soll Schüler sensibilisieren, Nachrichten und Bilder zu hinterfragen

Royals sagt die Klatschpresse vieles nach, Manieren aber gesteht man ihnen zu. Entsprechend groß war die Aufregung im vergangenen Jahr über ein Foto, auf dem Prinz William, der womöglich übernächste König von England, den Mittelfinger in die Höhe hält. Ein Skandal, der zahllose Klicks brachte und Magazine verkaufte. Das Problem: Das Foto ist echt, die Nachricht aber trotzdem Fake News. "Er zeigt nicht den Mittelfinger, William ist halt im Profil zu sehen", sagt der 17-jährige Ferdinand. Stimmt. Die Deutschkurse der Q 11 des Münchner Rupprecht-Gymnasiums haben sich vorbereitet auf ihren Workshop an diesem internationalen Tag der Pressefreiheit. "Wenn ihr die Google-Bildersuche nutzt, seht ihr die Situation aus einem anderen Winkel", sagt Tom Soyer, Leserredakteur der Süddeutschen Zeitung. Prinz William reckt von vorn betrachtet drei Finger in die Luft, anlässlich der Geburt seines dritten Kindes. "Es gibt viele Nachrichtenportale, die mit solchen Sachen Geld machen. Das zeigt, wie mit harmlosen, echten Bildern Fake News erzeugt werden", sagt Soyer und rät, auch Fotos zu hinterfragen und immer die Quellen zu prüfen.

Dutzende Journalisten und Medienexperten besuchten rund um den Tag der Pressefreiheit am 3. Mai im Zuge des ersten landesweiten Schülermedientags 200 Schulen in ganz Bayern, um unter dem Motto "Fakten gegen Fakes - Wie glaubwürdig sind unsere Medien?" mit Jugendlichen über die Arbeit von Journalisten, Meinungsmacht und den Alltag in Redaktionen zu sprechen. Die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit veranstaltet den Schülermedientag gemeinsam mit SZ, Bayerischem Rundfunk, Deutscher Journalistenschule, dem Verband der Zeitungsverleger und zahlreichen anderen Zeitungshäusern sowie Universitäten. 411 Schulen hatten angefragt. Alle, die diesmal keinen Besuch bekamen, können ein Werkstattgespräch mit den SZ-Redakteuren Katja Auer und Nicolas Richter in der Berufsschule Wasserburg auch als Film anfordern.

Zum Auftakt des ersten Schülermedientages stellten sich Kultusminister Michael Piazolo (FW), BR-Chefredakteur Christian Nitsche, Dennis Eisermann von der Jungen Presse Bayern und SZ-Landtagskorrespondentin Lisa Schnell im BR-Rundfunkhaus schon am Donnerstagabend den bohrenden Fragen von 110 Schülern. Piazolo etwa attestierte BR und SZ als Qualitätsmedien Unabhängigkeit und Verlässlichkeit, ermunterte die Schüler aber dazu, immer kritisch darauf zu schauen, woher bei Medien "der Wind weht". Denn es gebe große Unterschiede. Eisermann warnte vor Organisationen, die versuchten, öffentliche Meinung zu lenken. BR-Chefredakteur Nitsche berichtete von einem internationalen Prüf-Netzwerk der ARD-aktuell-Redaktion, um Fake News besser zu enttarnen und das Vertrauen in Qualitätsmedien "als unseren größten Schatz" zu sichern. Lisa Schnell erläuterte das Zwei-Quellen-Prinzip bei der Nachrichtenrecherche und plädierte angesichts des Zeitdrucks in der Nachrichtenwelt für die Maxime: "Glaubwürdigkeit geht vor Tempo".

Im Münchner Rupprecht-Gymnasium fragen die Elftklässler am Tag der Pressefreiheit auch nach der Freiheit im Alltag: "Wurde Ihnen schon mal ein Artikel verboten?", erkundigt sich Ferdinand. Soyer verneint. In Autorenzeitungen wie der SZ kommentierten Redakteure auch mal unterschiedlich zu einem Thema wie etwa dem TTIP-Abkommen oder Fridays for Future. Bei 300 Redakteuren gebe es mindestens so viele Meinungen. In Ländern wie China oder der Türkei seien Journalisten dagegen weniger frei: Besonders kritische Kommentare schreibe dann auch mal die Redaktion in München, um die im Ausland lebenden Korrespondenten vor Schikanen der jeweiligen Regierung zu schützen, erzählt Soyer. Und was halte er von Whistleblowern oder Wiki-Leaks?, fragt Lorenz, 16. "Die Öffentlichkeit sollte von Schmutzeleien erfahren, wenn sie relevant sind. Klar, Hacker brechen Vertrauen, aber wenn es der Allgemeinheit dient?", sagt Soyer.