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SZ-Vogel:Wie Schnepfingers Paten sich um das Wohl der Wiesenbrüter sorgen

SZ-Brachvogel Schnepfinger

Der Große Brachvogel bevorzugt als Lebensraum vor allem Moore und sumpfige Gebiete.

(Foto: Herbert Henderkes/LBV)

Der große Brachvogel fischt auf einer Sandbank am Guadalquivir in Südspanien. Daheim in Bayern kümmern sich Naturschützer mit enormem Aufwand um seine Artgenossen.

An der andalusischen Atlantikküste herrschen weiter hochsommerliche Temperaturen, der Himmel ist wolkenlos blau, und Schnepfinger fühlt sich richtig wohl. Der Große Brachvogel aus Niederbayern, den die SZ auf seiner Überwinterung in Südspanien begleitet, schwirrt weiter am Guadalquivir herum, dem Fluss an der Ostgrenze des Nationalparks Coto de Doñana. Am Dienstagvormittag war Schnepfinger stundenlang auf einer Sandbank anzutreffen, offenbar suchte er nach Würmern und anderem Futter. Schnepfinger trägt einen GPS-Sender auf dem Rücken und ist Teil eines groß angelegten Forschungsprojekts. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) will endlich die Gründe erfahren, warum es in Bayern immer weniger Brachvögel und andere Wiesenbrüter gibt.

Denn es ist ja nicht so, dass die Naturschutzbehörden, der LBV und andere Organisationen nichts für die Wiesenbrüter hierzulande tun. Im Gegenteil: Schon seit den 1980er-Jahren pumpen sie eine Menge Personal und Hunderttausende Euro in den Schutz von Schnepfinger und Co. Auch die Uferschnepfe, der Rotschenkel, die Bekassine, der Große Wachtelkönig, der Kiebitz, die Grauammer, das Braunkehlchen und der Wiesenpieper sind stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

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Die Gründe, so die Überzeugung der Vogelschützer, sind die Trockenlegung der großen Feuchtgebiete an den Flüssen für die Landwirtschaft, der Umbruch von immer mehr Wiesen in Äcker und der massive Einsatz von Kunstdünger und Gülle.

Der Wiesenbrüter-Schutz steht und fällt - wie der Naturschutz insgesamt - mit den Menschen, die sich dafür engagieren, sei es hauptberuflich oder ehrenamtlich. In letzter Zeit werden freilich die sogenannten Gebietsbetreuer immer wichtiger. Das sind hauptamtliche Experten - Biologen, Umweltingenieure oder Geografen -, die nicht nur alle möglichen Naturschutzprojekte in einer Region koordinieren. Sondern bei Landwirten und Jägern, die davon stets als allererste betroffen sind, dafür werben und bei Konflikten mit ihnen, aber auch mit Freizeitsportlern und Touristen moderieren. Finanziert werden sie vom Freistaat und den Naturschutzverbänden. "Gerade in den letzten Jahren sind die Gebietsbetreuer immer wichtiger geworden", sagt Friederike Herzog vom LBV. "Es ist gut, dass wir jetzt in praktisch jedem Brachvogel-Gebiet einen haben."

Wichtigstes Ziel des Wiesenbrüter-Schutzes ist, "dass die Vögel wieder viele hochwertige Brutgebiete bekommen", wie Herzog sagt. "Dazu brauchen wir die Bauern, sie müssen die Flächen dafür zur Verfügung stellen." Das Stichwort dafür lautet Vertragsnaturschutz. Das heißt: Ein Bauer bekommt Geld, wenn er für den Naturschutz darauf verzichtet, den maximalen Ertrag aus seinem Grund und Boden herauszuholen. Im Wiesenbrüter-Schutz bedeutet das: Der Bauer darf seine Wiesen nicht schon Ende April, Anfang Mai das erste Mal mähen. Sondern er muss sie bis Mitte Juni oder sogar Anfang Juli stehen lassen und darf sie nicht düngen. Dann können die Vögel ihre Gelege am Boden ungestört ausbrüten, die Jungvögel sind im Gras gut geschützt.

Weidegebiete und Wiesenbrüter passen gut zusammen

Gut für Schnepfinger und Co. ist auch, wenn Rinder im Brutgebiet grasen. "Wiesenbrüter fühlen sich bei einer sogenannten extensiven Weidewirtschaft richtig wohl", sagt Herzog. "Deshalb gibt es inzwischen in immer mehr Schutzgebieten Weideprojekte." Im Regental im Landkreis Cham sogar mit dem seltenen Oberpfälzer Rotvieh. Und im Oberndorfer Ried bei Augsburg, ebenfalls ein bedeutendes Wiesenbrüter-Gebiet, macht man mit Wasserbüffeln gute Erfahrungen.

Zweite Säule des Wiesenbrüter-Schutzes sind Elektrozäune, entweder direkt um einzelne Gelege herum oder um ein 10 oder sogar 20 Hektar großes Brutgebiet. "Die Elektrozäune sind doppelt positiv", sagt Herzog. "Die kleinen direkt am Gelege schützen die Jungvögel vor Füchsen und anderen Raubtieren." Und die weitläufigen halten außer Fressfeinden auch noch Spaziergänger, Radler und andere potenzielle Störer fern.

Zäune sind aber aufwendig. Und zwar nicht nur, weil sie jedes Frühjahr aufgebaut und jeden Sommer wieder abgebaut werden müssen. Sondern auch, weil man sie regelmäßig auf Beschädigungen kontrollieren muss. Unter den großen um ein Schutzgebiet herum muss man sogar regelmäßig Gras mähen. "Denn wenn das Gras die unterste Litze erreicht, lässt die Stromspannung in ihr nach", sagt Herzog. "Dann geht der Schutz verloren." Die unterste Litze eines solchen Zauns ist 19 Zentimeter hoch über dem Boden gespannt - damit ein Jungvogel unter ihr hindurchpasst, ohne einen Stromschlag abzubekommen.

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Richtig teuer wird es, wenn Wohlfühloasen für Wiesenbrüter geschaffen werden. Kleine Senken auf Weiden etwa, in denen sich bei Regen Tümpel bilden, oder nasse Wiesen, in denen vor allem im Frühjahr lange Zeit Wasser steht. Denn dafür müssen Arbeiter und Bagger ran, und es braucht bisweilen sogar ein Konzept, wie man den Grundwasserspiegel anhebt. All das geht außerdem nur, wenn der Grund und Boden dafür dem Freistaat oder einem Naturschutzverband gehören. Seit den 1980er- Jahren haben diese denn auch viel Geld in den Erwerb von Flächen für Schnepfinger und Co. gepumpt.

Am südandalusischen Guadalquivir, wo Schnepfinger überwintert, gibt es Feuchtgebiete zuhauf. Sie heißen dort Marismas. In ihnen fühlt sich der SZ-Brachvogel so wohl, dass er bisher noch nicht einmal zu einem Erkundungsflug die spanische Atlantikküste entlang oder tiefer in den Nationalpark Coto de Doñana hinein gestartet ist. "Gut möglich", sagt Herzog inzwischen, "dass er den ganzen Winter am Guadalquivir bleibt".

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