SZ-Serie: Dem Schnabel nach Ab in den Süden

Die Schnepfingerin ist gen Süden aufgebrochen - und ihrem Urlaubsdomizil ganz nah

Von Maximilian Gerl

Die Pfingstferien gelten als Hauptreisezeit. Viele Bayern sind in den vergangenen Tagen dem Ruf gen Süden gefolgt. Auch der SZ-Brachvogel ist derzeit in diese Richtung unterwegs, allerdings nicht wie viele Touristen Richtung Gardasee oder Toskana. Die Schnepfingerin hat es vielmehr nach Zentralspanien verschlagen. Nach einem langen Flug hat sie dort von Sonntag auf Montag erstmals länger gerastet - das legen die Daten nahe, die der ihr umgeschnallte GPS-Sender an den Landesbund für Vogelschutz (LBV) übermittelt. "Sie ist weg", bestätigt LBV-Sprecher Markus Erlwein. Die Schnepfingerin habe "das Urlaubsziel vor Augen".

Urlaub hätte sich die Schnepfingerin auch verdient. Sie hat zehrende Monate hinter sich. Über Wochen hinweg hatte sich das Brachvogelweibchen im Königsauer Moos in Niederbayern für ihren Nachwuchs aufgeopfert. Erst schien alles gut zu gehen, die Küken schlüpften. Drei Wochen lang gönnte sich die Schnepfingerin nur nachts Auszeiten zum Fressen und Schlafen. Doch dann änderte sich ihr Verhalten. Plötzlich gab es niemanden mehr, denn sie hätte umsorgen können. Vermutlich hatte eines Nachts ein Hermelin oder ein Fuchs die Jungtiere geholt. Sicher ist: Sie sind tot.

Ihrer Aufgabe für diesen Sommer beraubt, hatte sich die Schnepfingerin zuletzt bei Neuburg an der Donau herumgetrieben. Mit ihrem Aufbruch hatten die Experten beim LBV gerechnet. "Generell ziehen die Weibchen früher los", sagt Friederike Herzog. "Viel länger wäre sie wahrscheinlich auch so nicht mehr geblieben." Dank des Senders kann Herzog die Reise der Schnepfingerin bis ins Detail nachverfolgen. Demnach startete das Vogelweibchen am Freitagabend. Bemerkenswert ist, wie genau sie ihr Ziel ansteuerte. Ihr Flug führte sie zunächst über Stuttgart nach Colmar im Elsass, Lescheroux, eine Gemeinde nördlich von Lyon, und Carcassonne in Südfrankreich. In Andorra überflog sie die Pyrenäen und umging Barcelona weit im Norden. Für ihre Rast hat sich die Schnepfingerin nun die Extremadura westlich von Madrid ausgesucht. Die Region liegt etwas abgeschieden und grenzt an Portugal. Insgesamt hat der Große Brachvogel seit Freitag rund 1800 Kilometer zurückgelegt - in vier Tagen. Bis auf ein paar kurze Pausen war er dabei stets in der Luft. Seine Spitzengeschwindigkeit dürfte bei etwa 85 Stundenkilometern gelegen haben.

Lange dürfte die Schnepfingerin nicht in der Extremadura verweilen, vermutet Herzog. Vielleicht sei sie sogar schon weitergezogen, manchmal kämen die GPS-Daten erst mit Verzögerung in Bayern an. Sollte die Schnepfingerin dasselbe Urlaubsdomizil ansteuern wie im vergangenen Jahr, lägen nur noch knapp 300 Kilometer vor ihr. Der Nationalpark Coto de Doñana befindet sich in der Nähe von Sevilla. Dort überwintern die Tiere bis Ende Februar, Anfang März. Sie ruhen sich aus, treffen Artgenossen und picken Würmer aus dem Schlick. Ein wahres Brachvogelparadies zum Entspannen.