Sudelfeld-Ausbau:Schnee von morgen

Demonstration gegen Kunstschnee-Speichersee

Mehrere Umweltschützer protestieren am 04.03.2012 auf einer Skipiste am Sudelfeld bei Bayrischzell gegen das Verwenden von Beschneiungsanlagen und den Bau von Speicherseen. Naturschützer wehren sich jetzt gegen den millionenteuren Ausbau des Skigebiets Sudelfeld im bayerischen Oberland.

(Foto: dpa)

Präzedenzfall Sudelfeld: Sollte das Skigebiet für den Wintersport aufgerüstet werden, würde das in Oberbayern eine gigantische Ausbauspirale in Gang setzen. Der Deutsche Alpenverein denkt nun laut über eine Klage nach - das könnte die Pläne ernsthaft ins Wanken bringen.

Von Christian Sebald

Es ist eine beklemmende Ausstellung, die der Deutsche Alpenverein (DAV) derzeit in seinem Alpinen Museum auf der Praterinsel in München zeigt. Unter dem Titel "Alpen unter Druck" sind Hunderte Fotos, Pläne und Zeitungsartikel zu sehen. Sie zeigen, wie die Berge in Bayern und anderswo mit Speicherseen, Beschneiungsanlagen, Pisten, Sesselliften und Seilbahnen zubetoniert werden und zum Funpark verkommen. Die Ausstellung, so sagte DAV-Vizepräsident Ludwig Wucherpfennig bei der Eröffnung, soll nicht nur Mahnung sein. Mit ihr will der Alpenverein Flagge zeigen als Naturschutzverband und Widerstand leisten dagegen, dass die Bergwelt für die Freizeitgesellschaft ramponiert wird.

Nun wird sich zeigen, wie ernst es der Führungsriege im Alpenverein mit ihren Bekenntnissen für den Erhalt der Bergwelt ist. An diesem Donnerstag entscheidet das DAV-Präsidium, ob die mit einer Million Mitgliedern größte Bergsteigerorganisation der Welt vor Gericht zieht gegen die komplette Zurichtung des oberbayerischen Sudelfelds für den Skisport. Oder ob man es doch bei verbalen Protesten und kritischen Ausstellungen belässt.

Ein Landschaftsschutzgebiet wurde wieder zurückgestuft

Natürlich kommt auch das Sudelfeld in "Alpen unter Druck" vor. Der Speicherteich mit einem Fassungsvermögen von 155 000 Kubikmetern, die 17 Kilometer Leitungen, die bis zu 300 Schneekanonen und Beschneiungslanzen und die vielen neuen Lifte, mit denen das Skigebiet aufgerüstet werden soll, sprengen schließlich alle bisherigen Dimensionen für solche Projekte. Der Miesbacher Ex-Landrat Jakob Kreidl (CSU) hatte die umstrittenen Pläne noch schnell genehmigt, bevor er nach seinen vielen Affären am 1. Mai aus dem Amt schied. Sofort rollten die Bagger an. Experten sind sich einig, dass das Sudelfeld ein Präzedenzfall ist. Sollte es wie geplant für den Wintersport zugerichtet werden, würde das eine gigantische Ausbauspirale in Gang setzen.

Das ist nicht der einzige Grund, warum der Entscheidung der DAV-Spitze eine so große Bedeutung zukommt. Beim Bund Naturschutz (BN) und den anderen meist sehr viel kleineren Umweltverbänden könnten sie den Beistand der Bergsteiger dringend brauchen. So sehr Politiker bis hinauf zu Ministerpräsident Horst Seehofer die Umweltverbände in ihren Festreden rühmen, so wenig lassen sie sich für gewöhnlich von deren Interventionen irritieren. Die Klagen des BN sind immer eingepreist, auch jetzt beim Sudelfeld. Anders beim DAV: Es wäre ein Paukenschlag, wenn er, zum ersten Mal in seiner gut 140-jährigen Geschichte, als Naturschutzverband vor Gericht ziehen würde.

Zumal Kreidls Genehmigung nach Überzeugung von Naturschutz-Juristen angreifbar ist. Ein Beispiel: Für den Ausbau mussten Teile eines Landschaftsschutzgebietes annulliert werden. Das Landratsamt hat dies auf dem Verwaltungswege im Rahmen einer sogenannten Befreiung getan. Damit habe es sich die Behörde zu einfach gemacht, sagen Juristen. Für eine solche Annullierung und bei einem so umstrittenen Projekt sei eine förmliche Aufhebung des Landschaftsschutzes nötig. Damit hätte das Landratsamt den Kreistag befassen müssen - so wie die Behörde das bisher selbst bei sehr viel kleineren und weniger umstrittenen Projekten stets getan hat.

In den DAV-Sektionen im Kreis Miesbach - gleich ob in Miesbach selbst, in Hausham, Schliersee oder direkt im Leitzachtal - sind sie sehr dafür, dass ihr Hauptverein vor Gericht zieht. Das haben sie ihren Vereinsoberen längst versichert. Auch im fünfköpfigen DAV-Präsidium stehen die Zeichen offenbar nicht schlecht. "Denn irgendwie würde das doch nicht zusammenpassen, dass wir eine so große Ausstellung über die Alpen unter Druck haben", sagt Wucherpfennig, "und dann nicht gegen ein so umstrittenes Projekt antreten."

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