Suchtprävention "Crystal-Schwemme" in Ostbayern

Im Jahr 2018 wurden in Bayern 12,5 Kilogramm Crystal Meth aufgegriffen, von einer "hochgefährlichen Killerdroge" spricht die Regierung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Seit fünf Jahren bietet die bayerische Crystal-Hotline in Regensburg eine erste Anlaufstelle und konkrete Hilfe. Der Freistaat fördert das Projekt - noch.

Von Johann Osel, Regensburg

Es gab mal eine Phase, da riefen Drogenkonsumenten auffallend oft am Sonntagabend an. Wenn die Party des Wochenendes vorbei ist, wenn sie "runterkommen" - wenn das Glücksgefühl nach unten geht und die Leistungskurve sinkt, die sie zuvor mit Crystal Meth nach oben trieben. Wenn vielleicht Zweifel kommen daran, was sie tun: sich mit synthetischem Gift vollballern. Felix Domnick sitzt parat, wenn jemand reden will oder konkret Hilfe braucht, zum Beispiel einen Entgiftungsplatz sucht. Der Diplom-Pädagoge, Mitte 30, blonder Lockenkopf, hat beim Verein Drugstop in Regensburg seinen Schreibtisch, die Crystal-Hotline ist sechs Tage die Woche erreichbar. Es geht um womöglich fatale Fehler in der Praxis: Soll man Valium nehmen, um runterzukommen? Was tun, wenn keine sauberen Spritzen zu kriegen sind? Es melden sich gelegentliche Konsumenten und Leute, die sich im Job mit Crystal zu dopen versuchen. Domnick spricht mit Rückfälligen und stark Abhängigen, die Nächte nicht geschlafen haben. Und sehr oft mit Vätern und Müttern in Sorge.

Domnick weiß nie, wie viel Anrufe kommen und mit welchen Problemen. Aber: Er ist da, in dem kleinen Büro in Hauptbahnhofnähe. "Mein Ansatz ist: Wir erarbeiten am Telefon gemeinsam, welche Lösungsstrategie für den Klienten die richtige ist. Standardlösungen gibt es eh keine." Das ist das Prinzip der Hotline, die nun seit fünf Jahren besteht. Im Juni 2014 war Start des Projekts, das maßgeblich staatlich finanziert wird, mit insgesamt 370 000 Euro in den fünf Jahren. Als "wichtige Ergänzung" zum bisherigen Beratungs- und Hilfsangebot lobte das Gesundheitsministerium die Hotline in einer Zwischenbilanz; sie leiste Aufklärungsarbeit und könne vor allem den Leidensdruck von Angehörigen verringern. Doch just zum Jubiläum steht die Hotline auf der Kippe. Eine Förderzusage des Freistaats für die Zukunft fehlt bisher.

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Bayerns Polizei hat 2018 wieder mehr Crystal sichergestellt als in den Vorjahren: 12,5 Kilogramm. Der Kampf gegen die Droge bleibt ein Dauerthema, gerade in Ostbayern, dem oft das Etikett "Drogenhochburg" angeheftet wird, von einer "Crystal-Schwemme" ist die Rede. Der Großteil des Stoffs stammt aus tschechischen Drogenküchen, das lässt in der Grenzregion den Markt florieren, vor allem in der Oberpfalz und in Oberfranken. Fast fünf Kilogramm Crystal wurden allein in den zwei Bezirken aufgegriffen; wobei nicht alles für örtliche Abhängige bestimmt sein muss. Eine Konsumeinheit (Crystal wird geschnupft, geraucht, geschluckt oder gespritzt) liegt bei fünf bis 25 Milligramm. Der Crystal-Bericht der Staatsregierung spricht von einer "hochgefährlichen Killerdroge", die bei regelmäßigem Konsum "einen raschen körperlichen und psychischen Verfall verursacht". Man setze daher auf Druck etwa mit Schleierfahndung - und Prävention.

"Die Userzahlen bei Crystal sind nach Schätzungen stabil. Das heißt aber nicht, dass es weniger wird", weiß Domnick. Anonym, niedrigschwellig und für ganz Bayern - das sieht der Suchtexperte als die Vorteile der Hotline. Der Anruf ist ein allererster Schritt, der wenig Überwindung kostet. Gerade für Angehörige sei der einfache Zugang ideal, vor allem auf dem Dorf oder in der Kleinstadt. "Da gucken ja die Leute vielleicht: Aha, wo geht der hin, oh, zu einer Beratungsstelle?" Knapp 300 Anrufe gab es vergangenes Jahr, dazu kommen Emails, nicht nur wegen Crystal. Zwischenzeitlich wurde der Name auch um NPS erweitert, "neue psychoaktive Substanzen" - synthetische Mischungen zum Rauchen, die oft als Badesalz oder Raumduft angeboten werden. 20 Prozent der Anrufer sind Konsumenten, 70 Prozent Angehörige, der Rest Netzwerkpartner oder Vertreter von Einrichtungen wie Schulen, die Rat brauchen. Ostbayern ist der Schwerpunkt, aus Würzburg etwa kommen fast nie Anrufe.

"User wollen meist schnelle, knappe Infos", so Domnicks Erfahrung. "Angehörige haben eher Redebedarf, vor allem die Mütter. Eine Drogensucht des Kindes gehört ja zu den schlimmsten Dingen, die über eine Familie hereinbrechen können, mit Polizei und allem drum und dran." Er arbeite darauf hin, dass Angehörige "in eine akzeptierende Haltung kommen, auch wenn diese Perspektive am Anfang verwirrend und schwer zu akzeptieren ist". Es sei für Eltern herausfordernd, ohne Vorwürfe die Sucht zu thematisieren. "Aber wenn Fronten entstehen, verliert man den Zugang und das Vertrauen - und kann gar nicht gemeinsam den Blick auf Veränderung richten." Eltern müssten zeigen, dass sie da sind. Natürlich mit gewissen Regeln, Süchtigen sollte man kein Geld schenken. Am Ende des Gesprächs vermittelt Domnick oft eine persönliche Beratung am Wohnort.

Drugstop betreibt in Regensburg weitere Angebote wie Streetworker in der offenen Drogenszene oder betreutes Wohnen. Und Prävention: Gut 120 Veranstaltungen in Schulen gab es 2018. Mit dabei ist ein Ex-Konsument, Lehrer bleiben außen vor - es soll offen geredet werden. Zwischen möglichen Anrufen pflegt Domnick seine Netzwerke und kümmert sich um die Prävention. Die Nachfrage sei riesig, "Schulen rennen uns die Bude ein", man müsse aber öfters absagen. Die Kosten für Prävention trägt der Verein, gegenfinanziert wird das nicht. Das birgt durchaus Unsicherheit.

"Es ist wichtig, vor allem junge Menschen über die Risiken durch Drogen zu informieren"

So wie jetzt auch der Fortbestand der Hotline in Gefahr ist. Die jährlich zu erneuernde Förderung des Gesundheitsministeriums, die Domnicks Stelle und Sachkosten betrifft, ist nicht zugesagt. Ungewöhnlich: Der aktuelle Förderzeitraum läuft bereits Ende Juni aus. Fraglich ist, ob und wie Drugstop ohne Unterstützung das Angebot aufrechterhalten könnte. Im Ministerium heißt es auf SZ-Anfrage, "über die weitere Förderung wird zum jetzigen Zeitpunkt noch beraten". Die Hotline habe "stets gute Arbeit geleistet".

Man setze Suchthilfe und Prävention intensiv fort, teilte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) mit. "Es ist wichtig, vor allem junge Menschen über die Risiken durch Drogen zu informieren." 2019 und 2020 sind jeweils 6,5 Millionen Euro dafür im Haushalt eingeplant. Unter anderem habe man das Projekt "Mindzone", das sich an junge Partygänger wendet, um "Präventionsmodule" zu Crystal Meth und NPS erweitert. Indes, die Opposition im Landtag bezweifelt, ob die Bemühungen insgesamt reichen. Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze sagte kürzlich: Die Regierung trete auf der Stelle, bei den Ausgaben zur Suchtbekämpfung müsse man "eine kräftige Schippe drauflegen". Julika Sandt, Vize-Fraktionschefin der FDP, meint: "Bayern braucht eine moderne Drogenpolitik mit besserer Prävention." Unverständlich sei für sie auch die Cannabispolitik der CSU. "Die Jagd auf Kiffer ist eine konservative Beschäftigungstherapie für die Polizei. Sie braucht endlich mehr Kapazität, um harte Drogen aus dem Verkehr zu ziehen."

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