Studie veröffentlicht Bischof stellt sich Missbrauchsopfern

Bistum Würzburg lässt Akten von externen Juristen prüfen

"Dieser Seelsorger hat nicht für die Seele gesorgt, sondern sie stückchenweise abgetötet." Godehard Herzberger spricht von seinem Peiniger, einem Pater in einem Internat des Pallotiner-Ordens. Er erzählt davon, wie er sich nicht habe wehren können gegen den Missbrauch. Und wie so manch anderer weggeschaut habe. Der Täter wusste, dass sein Vater als freischaffender Künstler auf die Kirche als Auftraggeber angewiesen gewesen sei. Herzberger spricht am Mittwochabend auf einem Podium in Würzburg, auf dem auch Bischof Franz Jung sitzt.

Als erster katholischer Bischof in Bayern stellt er sich nach Bekanntmachung der Missbrauchsstudie einer öffentlichen Diskussion mit Opfern. Jung selbst hatte seine katholische Akademie, die Domschule, zu der Veranstaltung ermutigt. Er saß im wissenschaftlichen Beirat des Forschungsprojekts im Auftrag der Bischofskonferenz. Am Mittwochabend wurden die Ergebnisse in Kurzform vorgestellt, als Grundlage für die Diskussion, etwa über strukturelle Ursachen für Missbrauch.

Der Bischof warnt vor zu einfachen Antworten. Aus kirchlichenpolitisch eher rechten Kreise höre man, wenn man alle Homosexuellen verbannen würde, "dann ist alles gut", andere dagegen sähen die Lösung in der Abschaffung des Zölibats. "Ich kann diesen Wunsch nachvollziehen, nach schnellen Lösungen, aber ich glaube, damit ist nichts gut." Egal, wie viele Maßnahmen man ergreife, "es gibt keine Sicherheit". Es brauche dauerhaftes Handeln und Hinschauen. Für Christine Bergmann ist das eine Frage, die über den Fortbestand der Kirchen entscheidet, katholischer wie evangelischer. Die frühere Bundesfamilienministerin und spätere Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung ist heute Mitglied der "Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs". Sie sagt: "Wenn die Kirchen hier weiterhin versagen, dann wird es ganz schwierig." Als strukturelles Problem nennt Bergmann den Klerikalismus, "diese Machtansprüche, diese Männerbünde". Dies müsse aufgebrochen werden.

Die Kirche brauche Hilfe von außen, weshalb es gut sei, dass in Würzburg für die Studie die Personalakten zwischen den Jahren 2000 und 2015 von einer externen Anwaltskanzlei untersucht worden seien, lobt Bergmann. Auch die Ankündigung des Bischofs, ältere Personalakten von externen Juristen untersuchen zu lassen und alle Verdachtsfälle seit 1970 der Generalstaatsanwaltschaft in Bamberg zur Prüfung zu überlassen, begrüßte sie.

Doch nicht nur bei der Aufklärung, sondern auch der Aufarbeitung könne Kirche nicht allein handeln. Hier fehle es noch an Taten, kritisiert Hans-Joachim Salize. Der Professor vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim ist Mitautor der Missbrauchsstudie. Er fordert eine festgeschriebene Beteiligung von Betroffenen bei der Aufarbeitung, eine "Institutionalisierung des Dialogs". Unterstützung bekam er auch von Opfern im Publikum.

Diese Einbeziehung der Betroffenen will auch der Bischof. In seinem Bistum, und bundesweit. Er sei froh, dass der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, bis zum ersten Quartal 2019 für die deutschen Bischöfe Grundlinien skizzieren wolle, was Aufarbeitung bedeuten könne. Wichtig sei ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen, so Jung. Wissenschaftler Salize äußert sich hoffnungsvoll, dass dies gelingen könne. Denn die Studie habe eine breite Debatte innerhalb der Kirche ausgelöst. Druck komme auch von der Basis. Dazu beigetragen haben vor allem aber die Betroffenen selbst. Der Bischof spricht von einem Zeugnis, auf das die Kirche angewiesen sei. Nach gut zwei Stunden ist der offizielle Teil der Diskussionsabends zu Ende. Doch Jung nimmt sich fast eine weitere Stunde Zeit, mit Betroffenen aus dem Publikum zu reden. Dabei wird klar: Diesem öffentlichen Austausch werden weitere Gespräche folgen, einzeln und ohne Publikum.