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Kinder im Lockdown:Eine Generation sitzt fest

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Miteinander rausgehen, Ausflüge machen, Freunde treffen – während der Pandemie alles nicht möglich. Das wirkt sich auf die Jugend aus.

(Foto: Imago/Westend61)

Verbände fürchten, dass sich die Pandemie negativ auf junge Menschen auswirkt. Angst vor der Zukunft macht sich breit, die psychische Belastung nimmt zu.

Von Dietrich Mittler

Anna-Lena hat ihr ganzes Leben noch vor sich, und die Zeit des Lockdowns geht auch vorbei - so würden es wohl viele Erwachsene formulieren. Die 16-Jährige, deren Aussage der Bayerische Jugendring (BJR) auf Video festgehalten hat, zieht ebenfalls Bilanz. Rückblick auf mehr als ein Jahr Corona, eine Zeit der Starre, die noch nicht zu Ende ist. Sie sitze zuhause fest, ihr Alltag sei vom Homeschooling dominiert. "Ich kann nicht rausgehen und eigene Erfahrungen machen. Alles, was mir übrig bleibt, ist, Bücher über das Leben von Jugendlichen zu lesen", sagt sie.

Für Klaus Umbach, den Vorsitzenden der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Bayern, sind solche Worte aus dem Mund einer 16-Jährigen ein Warnsignal. "Durch die Sars-Cov-2-Pandemie droht die Gefahr, dass eine abgehängte junge Generation ohne Chancen heranwächst", sagte Umbach am Donnerstag. Insbesondere sozial benachteiligte junge Menschen bräuchten jetzt Unterstützung. "Wir haben es in der Hand, dass diese Entwicklung nicht zum sozialen Sprengstoff wird", betonte Umbach. Die aktuelle Situation der jungen Menschen lasse sich auf eine Formel bringen: "räumliche Enge, fehlende digitale Infrastruktur, kaum helfende Ansprechpersonen, erschwerter Kontakt zu Beratungsstellen und Behörden".

Matthias Fack, der Präsident des Bayerischen Jugendrings, sieht die Zeit für einen Weckruf gekommen: Politik und Gesellschaft dürften nicht länger die Bedürfnisse der jungen Generation ignorieren. Es sei "höchste Zeit", diese an Entscheidungen teilnehmen zu lassen, die ihr Leben betreffen und ihnen so "die gebotene Wertschätzung entgegenzubringen". Bei der Online-Pressekonferenz des BJR, die am Donnerstag unter der Überschrift "Junge Menschen wahrnehmen, hören und beteiligen" stattfand, betonte Fack, der zweite Lockdown habe die Situation der Jugendlichen noch weiter verschärft. Ihnen würde gerade unwiederbringlich die Chance genommen, Erfahrungen zu machen, die sie für ihre Entwicklung dringend benötigen.

"Es braucht jetzt ein Signal", sagte auch Wolfgang Schröer vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim. Schröer, der bei der Online-Konferenz die Ergebnisse seiner Umfrage unter jungen Menschen vorstellte, warnte davor, deren Probleme nur auf die Themenfelder Tagesstätten, Schule und Berufsausbildung zu reduzieren. Auch gehe es nicht "um Freizeit und Party, sondern um die Zukunft einer Generation junger Menschen". Eines sei durch die vielen Rückmeldungen auf seine nicht repräsentative Umfrage deutlich geworden: Bei den jungen Menschen mache sich Angst vor der Zukunft breit, die psychische Belastung nehme zu. Davon künde nahezu die Hälfte der eingegangenen Antworten.

Sorgen um die junge Generation macht sich auch der Sozialverband VdK und zitiert aus einer bundesweiten Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. "Fast jedes dritte Kind zeigt ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie psychische Auffälligkeiten", fasst der VdK die Ergebnisse zusammen. Es müsse für Kinder und Jugendliche in Pandemiezeiten "mehr Angebote" geben. Der BJR und die Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit Bayern gehen einen Schritt weiter: "Die junge Generation muss endlich in der politischen Entscheidung vorkommen", forderten Matthias Fack und Klaus Umbach als Vertreter der beiden Organisationen.

Gestützt werden ihre Forderungen auch von den jungen Menschen, die für den BJR vor die Kamera getreten sind. Nahezu alle berichten davon, sie fühlten sich "einsam und machtlos", "hin- und hergeschoben wie eine Schachfigur von den Politikern". Auch ein junger Asylbewerber kam zu Wort: "Die ganze Zeit im Zimmer bleiben, immer denken, immer Stress", sagte dieser. Gegen Ende des Filmbeitrags ergreift noch einmal die 16-jährige Anna-Lena das Wort: "Ich bin wirklich bereit, mich den Regeln zu beugen", sagt sie, und dazu gehöre auch, Distanz zu anderen Menschen zu halten, wenn dies Leben rette. "Aber ich möchte auch, dass wir Jugendlichen von den Erwachsenen wahrgenommen werden, dass wir mitreden können", betonte sie dann.

Für Ende April plant das bayerische Sozialministerium eine Jugendkonferenz in Augsburg. Beim BJR ist die Skepsis jedoch noch groß. "Hoffentlich wird das nicht nur eine Alibi-Veranstaltung", sagte BJR-Präsident Matthias Fack. Aus dem Ministerium hieß es indessen, man werde den Jugendlichen "sehr aufmerksam zuhören, ihre Sichtweise berücksichtigen und ihre Partizipation stärken".

© SZ vom 12.02.2021/vewo
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