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Stromautobahn in Unterfranken:Aufstand gegen den "Südlink"

Mit den Strommasten, die jetzt schon rund um Bergrheinfeld stehen, haben sich die Einwohner arrangiert. Aber nun soll es genug sein.

(Foto: Gemeinde Bergrheinfeld)

Bergrheinfeld lebte lange mit einem Atomkraftwerk in der Nachbarschaft und mit Strommasten auf den Feldern. Aber die Stromtrassen sind den Leuten zuviel.

Das Zentrum der Gemeinde Bergrheinfeld ist kein Marktplatz, sondern ein Kreisverkehr. Dort steht die Kirche Maria Schmerz und direkt gegenüber liegt der Traditionsgasthof "Zum Weißen Roß", der sich durch fränkische Fleischgerichte wie die "original Schweinfurter Schlachtschüssel" auszeichnet und seine Hotelgäste mit Freizeittipps versorgt. Zwei Naturbadeseen sind fußläufig zu erreichen, verrät der Hotelprospekt. Außerdem biete sich Bergrheinfeld als idealer Ausgangspunkt für Fahrradtouren an.

Eine bekannte Sehenswürdigkeit wird im hübschen Faltblatt nicht erwähnt, obwohl es nicht zu übersehen ist: Das inzwischen abgeschaltete Atomkraftwerk im Nachbarort Grafenrheinfeld. Dessen Kühltürme dominieren nicht nur den Ausblick der Bergrheinfelder in Richtung Süden, auch im Ortszentrum ist die Anlage präsent - als großes Hinweisschild, das im Kreisverkehr die Richtung zu den Kühltürmen weist.

Mit dem Atomkraftwerk vor der Haustüre und einem Wald aus 170 Strommasten auf eigener Flur haben sich die gut 5000 Bürger von Bergrheinfeld in den vergangenen Jahrzehnten irgendwie arrangiert. Es ist ihnen trotzdem gelungen, ihren Ort vor allem auf die Art zu sehen, wie es der Hotelprospekt zeigt: Als typisch fränkische Gemeinde am Ufer des Mains, die einen Besuch wert ist. Am Ortseingang grüßen Schilder mit der Aufschrift "Bergrheinfeld ... lebenswert", auf den Feldern rund um die Siedlung leuchtet der Raps und blühen die Kirschbäume.

Umwelt uns Naturschutz in Bayern Wo die Stromautobahn in Bayern verlaufen soll
Suedostlink von Tennet

Wo die Stromautobahn in Bayern verlaufen soll

Der Stromnetzbetreiber Tennet hat seinen Plan für die Trasse zwischen Hof und Pfreimd vorgestellt. Das "Aktionsbündnis gegen die SuedOstTrasse" ruft zur Protestkundgebung auf.   Von Andreas Glas und Christian Sebald

Doch seit die Bundesregierung angekündigt hat, große Stromautobahnen vom Norden in den Süden zu legen, ist dieses Gleichgewicht in Gefahr. Denn Bergrheinfeld, wegen des benachbarten Atommeilers schon lange ein Knotenpunkt im Stromnetz, soll damit endgültig zu Bayerns Verteilerkasten werden. Viele Bürger befürchten, dass sich mit dem Südlink, der spätestens in Bergrheinfeld aus der Erde kommen wird, mehr Masten, Konverterhallen und sonstige Anlagen auf der Gemeindeflur ausbreiten und das Landschaftsbild belasten.

Tatsächlich plant die Bundesnetzagentur, zusätzlich zum Südlink zwei Stromleitungen in Bergrheinfeld enden zu lassen. Aus der bayerischen Staatsregierung bekam die Gemeinde zwar die Zusage, dass Bergrheinfeld vor mehr Strommasten verschont werden soll - aber darauf vertraut im Grunde niemand.

"Wir befürchten, und die Anzeichen häufen sich schon wieder, dass der Netzverknüpfungspunkt Bergrheinfeld/Grafenrheinfeld in den kommenden Jahren um weitere Projekte erweitert werden soll", sagt Bürgermeister Ulrich Werner (CSU). Weder die Bundesnetzagentur noch der Netzbetreiber Tennet oder die Politik hätten der Gemeinde jemals verraten, was sie alles in Bergrheinfeld planen. Die Informationen seien "scheibchenweise" herausgegeben worden.

Der Vertrauensverlust fing mit einem Prestigeprojekt von Tennet an: Das Unternehmen hatte in Bergrheinfeld erfolgreich um Ackergrund geworben, um das neue, topmoderne Umspannwerk zu bauen, das seit 2017 in Betrieb ist. Die 25 Hektar große Anlage sei dringend notwendig, "um die Energiewende zu meistern" und das Netz stabil zu halten, wenn Grafenrheinfeld abgeschaltet werde, wurde den Bergrheinfeldern gesagt. Ein rotierender Phasenschieber erzeuge dort etwas, was Blindleistung genannt wird und wie ein Schmiermittel im Wechselstromkreis gebraucht werde. Es sei nie davon die Rede gewesen, dass danach eine Stromautobahn in der unterfränkischen Gemeinde enden solle, sagt Werner. "Alles andere hat man uns vorher nicht erzählt."

Die "Bürgerinitiative Bergrheinfeld" stellt die Stromtrassen insgesamt infrage

Schon seit gut fünf Jahren protestiert eine Bürgerinitiative ausdauernd gegen die Infrastrukturprojekte. Die Initiative ist aus dem Bauernverband und den örtlichen Jagd- und Flurbereinigungsgenossenschaften entstanden und kann bei Demos auf einen beeindruckenden landwirtschaftlichen Fuhrpark zurückgreifen.

Im Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Südlink wird es langsam ernst. Für die Bürgerinitiative ist das aber kein Grund, aufzugeben. Im Gegenteil. Sie will ihre Arbeit in der heißen Phase auf eine professionellere Basis stellen und hat sich deshalb am Mittwochabend in einen Verein umgewandelt. Für die Eingaben im Genehmigungsverfahren muss ein Rechtsanwalt bezahlt werden, und dafür ist es praktisch, Spendenquittungen ausstellen zu können.

Ort der Gründungsversammlung war das "Weiße Roß", 28 Gründungsmitglieder waren da, unter ihnen auch Bürgermeister Ulrich Werner. Zum Vorsitzenden wurde Norbert Kolb gewählt, der davon ausgeht, dass die Mitgliederzahl bald auf mehr als 100 wächst. Kolb hat als gelernter Landwirt auf dem Feld seine ganz persönlichen Erfahrungen mit den heimischen Strommasten gesammelt. "Wenn Sie da mal eine halbe Stunde darunter gestanden haben, merken Sie, dass es nicht gesund sein kann", sagt er.

Die offizielle Argumentationslinie ist das selbstverständlich nicht. Der 50-Jährige achtet darauf, dass man der Bürgerinitiative nicht vorwerfen kann, es mit Sankt Florian zu halten. Es geht dem neu gegründeten Verein "Bürgerinitiative Bergrheinfeld" nicht darum, die Strommasten anderswohin zu verschieben, er stellt die großen Trassen insgesamt infrage. Vereinsziel ist es, sich um eine "dezentrale Energieplanung als tragfähige Alternative" zu bemühen.

Vereinsmitglied Richard Bethmann hat darüber schon viele Vorträge gehalten. Er hat früher in Grafenrheinfeld den Reaktor bedient, wofür neben seinem Elektromeister eine vierjährige Zusatzausbildung Voraussetzung war, und er hat im Ruhestand nicht aufgehört, sich mit Energie zu beschäftigen. "Ich halte diese Gleichstromtrassen nicht für nötig", sagt er zum Südlink. Der Ausbau diene vor allem den künftigen Netzbetreibern. Seiner Ansicht nach könne Bayern mindestens die Hälfte des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen im eigenen Land gewinnen, der Rest könne in südlichen Ländern produziert und mit modernen Technologien gespeichert werden. "Die Technik ist da deutlich weiter als die Politik."