bedeckt München 14°
vgwortpixel

Streit um "Stille Nacht, heilige Nacht":Verkommen zu nervtötender Dudelmusik

In diesen turbulenten Jahren wetterten aber nicht nur die Linken gegen den "holden Knaben im lockigen Haar", sondern sogar der katholische Pfarrgemeinderat im oberbayerischen Miesbach: Mit großer Mehrheit hatte der Rat 1969 beschlossen, "Stille Nacht" in den Weihnachtsgottesdiensten nicht mehr anstimmen zu lassen. Die Begründung: Text und Melodie hätten durch einen zweckentfremdeten Allgemeingebrauch den Wert für einen liturgischen Gebrauch verloren.

Durch Miesbach ging ein Riss. Für die einen war die Christmette ohne "Stille Nacht" keine Weihnacht, für die anderen war das traute hochheilige Paar gleichsam an der Konsumfront gefallen. Dazu passt ein kluger Gedanke, den der Chordirektor Friedrich Limbacher damals in einem Leserbrief festhielt: "Stille Nacht stört nur da, wo es verkitscht wird und die Kauflust anheizen soll."

Tatsächlich war die Melodie durch exzessives Abnudeln in den Kaufhäusern total verschlissen. Auch andere Klassiker wie "O du Fröhliche", "O Tannenbaum" und "Kommet ihr Hirten" verkamen in den Kaufhäusern zur nervtötenden Dudelmusik. Eine österreichische Gewerkschaft beklagte sich über seelische Folter durch die Weihnachtsmusik.

Auch die Geschäftswelt kommt zur Besinnung

Man einigte sich auf einen Kompromiss: "Stille Nacht" erklingt seither in den Kaufhäusern der Alpenrepublik nur noch am 24. Dezember. Auch die bayerische Geschäftswelt kam zur Besinnung, nachdem Kirchenchöre und Cäcilienverband die Kaufhäuser aufgefordert hatten, im Advent auf das Abspielen von kirchlichen Weihnachtsliedern zu verzichten. Werbung habe nichts mit dem eigentlichen Anliegen der Lieder zu tun, nämlich die Geburt Christi zu verkünden.

Freilich, auch im 19. Jahrhundert hatten die Texte der Weihnachtslieder mit der christlichen Weihnachtsbotschaft wenig zu tun. Auf die Melodie des Liedes "Morgen kommt der Weihnachtsmann" (1835) sang man ein schlüpfriges Chanson. Und Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) dichtete unverhohlen militaristisch: "Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben, Trommel, Pfeifen und Gewehr, Fahn und Säbel und noch mehr."

Solche Verirrungen wird man an diesem Mittwoch in der Christmette im Münchner Dom nicht zu hören bekommen. Prälat Josef Obermaier freut sich darauf, dass dann die Urfassung von "Stille Nacht" gesungen wird, die etwas verschnörkelter und schwieriger klingt als jene einfache Fassung, die normalerweise angestimmt wird.

Die österreichische Stille-Nacht-Gesellschaft wirbt für die authentische, sechsstrophige Fassung, wie sie der Hilfspfarrer Mohr und der Organist Gruber im Dezember 1818 vollendet hatten. Den Opernsänger Placido Domingo hat sie sogar zu der Aussage verleitet, "Stille Nacht, heilige Nacht" wäre als Welt-Friedenslied prädestiniert wie kaum ein anderes Lied auf der Erde.

© SZ vom 24.12.2014/bica
Zur SZ-Startseite