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Streit um "Max-Brose-Straße":Nur Parteimitglied, oder doch ein Nazi?

  • In Coburg schwelt seit Jahren ein Streit zwischen dem Stadtrat und Michael Stoschek, dem Hauptgesellschafter der Firma Brose.
  • Es geht um die Benennung einer Straße zu Ehren des Großvaters - der NSDAP-Mitglied und Wehrwirtschaftsführer in Coburg war.
  • Nun wollen die Parteien den Streit beilegen. Stoschek aber geht es um Wiedergutmachung.

Von Olaf Przybilla, Coburg

Der 3. März 2015 sollte eigentlich als historisches Datum in die Geschichte Coburgs eingehen. Und nimmt man es genau, war es tatsächlich ein Meilenstein, von dem anschließend die Stadträte zu berichten wussten. Michael Stoschek, der Hauptgesellschafter der Firma Brose, hatte sich mit sämtlichen Stadtratsfraktionen getroffen, auch mit der SPD. Was insofern erwähnenswert ist, als Stoschek die Sozialdemokraten noch kurz zuvor auf das Heftigste beleidigt hatte.

An diesem Tag vor zwei Wochen aber erklärte sich der wohl einflussreichste Firmenlenker in Nordbayern vor dem Coburger Stadtrat. Hernach schilderten Beobachter, wie "offen, informativ und aufklärend" sich Stoschek über Max Brose, seinen Großvater mit NSDAP-Vergangenheit, erklärt habe. Das Ende einer inzwischen mehr als zehn Jahre andauernden Debatte um eine Straßenumbenennung schien in Sicht zu sein. Zumindest hofften das viele Stadträte.

Kein anderer Streit beschäftigt die Stadt mehr als jener um eine Max-Brose-Straße. 2004 begann dieser Zwist, der Oberbürgermeister der Stadt hieß noch Norbert Kastner, ein SPD-Mann. Mit Stoschek, dem Chef des in Coburg beheimateten Weltkonzerns Brose, pflegte Kastner eine Art Männerfreundschaft. Man ließ sich fotografieren bei gemeinsamen Fahrten im Rallyewagen, und dem Bild maßen viele in der Stadt große Symbolkraft bei: Stoschek, der Wirtschaftslenker, saß am Steuer. Kastner, der Rathauschef, posierte als Beifahrer.

Stoschek spendete in Bamberg statt in Coburg

Als aber Stoschek wollte, dass eine Straße der Stadt nach seinem Großvater benannt wird, und der Stadtrat diesem Wunsch wegen der NSDAP-Vergangenheit Broses nicht folgen wollte, zerbrach nicht nur die Männerfreundschaft. Die Entscheidung hatte auch weitreichende Folgen für die Stadt: Brose investierte plötzlich in Bamberg - und nicht nur in den dortigen Basketballverein. Und die sozialen Einrichtungen Coburgs bekamen keine Spenden mehr. Solange der Stadtrat sein Handeln nicht revidiere, müsse man Abstand von etwaigen Spenden nehmen, steht in den Anschreiben des Unternehmens.

Solche Schreiben dürften maßgeblich dazu beitragen, dass momentan alle Fraktionen im Coburger Stadtrat auffällig um einen Ausgleich mit Stoschek bemüht sind. Selbst dann, wenn dieser verbal über alle Maßen austeilt. Kurz vor dem Friedensgipfel vor zwei Wochen hatte Stoschek in einem persönlichen Schreiben die örtliche SPD in einen Zusammenhang mit der historischen NSDAP gerückt. Danach wäre in anderen Städten wohl schon der Gedanke an einen Friedensgipfel absurd geworden, auch wenn sich Stoschek für seine Entgleisung demonstrativ demütig entschuldigte.

In Coburg aber hielten sich alle Stadträte auffällig zurück, auch der SPD-Oberbürgermeister Norbert Tessmer. Nach zehn Jahren will die Stadt offenbar nur noch eines: das Ende des Streits mit Stoschek.

Ob das freilich so möglich sein wird, wie die Stadt sich das erhofft, ist mehr als fraglich. Denn inzwischen ist auch Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, auf den Fall Coburg aufmerksam geworden. Er hat der Stadt in einem Schreiben signalisiert, dass er eine Ehrung des NSDAP-Mitglieds und Wehrwirtschaftsführers Max Brose nicht gutheißen würde. Am Dienstag trafen sich Stoschek, Schuster und OB Tessmer zu einem Austausch über die Causa, am Mittwoch will die Stadt darüber informieren, ob man sich angenähert habe. Eingeweihte im Coburger Rathaus äußerten sich vor dem Gespräch allerdings skeptisch, ob sich Schuster tatsächlich von den Argumenten des Brose-Enkels überzeugen lassen wird.

Besondere Umstände auf allen Seiten

Vor dem Stadtrat hatte Stoschek für seine Position sehr persönlich geworben. Er sei seinem Großvater "unendlich dankbar". Zumal Brose, nach der Scheidung seiner Eltern, "auch eine Art Vaterersatz" gewesen sei. Umso geschockter sei er 2004 über die Entscheidung des Stadtrats gewesen. Die Vorwürfe gegen Brose hätten sich in keiner Weise gedeckt mit dem Bild, das er von seinem Großvater vermittelt bekommen habe.

Zwar wolle niemand in Frage stellen, dass Brose NSDAP-Mitglied war, zum Wehrwirtschaftsführer berufen wurde und Zwangsarbeiter beschäftigte. Allerdings sei es in der besonderen Situation Coburgs - deutschlandweit die erste Stadt, in der die NSDAP eine absolute Mehrheit im Kommunalparlament erringen konnte - "nur schwer vorstellbar gewesen, nicht Parteimitglied zu sein". Und als Präsident der IHK sei sein Großvater automatisch zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden.

Weder damals noch heute habe er, Stoschek, eine Max-Brose-Straße wirklich verlangt. Auch einen "Deal Spende gegen Straße" werde es mit ihm nicht geben, erklärte Stoschek. Es gehe ihm um die "Wiedergutmachung einer ungerechtfertigten Beschädigung" an seinem Großvater. OB Tessmer hatte daraufhin angekündigt, einen Beschlusstext für den Stadtrat erarbeiten zu lassen, der genau dies zum Ziel haben soll.

© SZ vom 18.03.2015/vewo
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