Süddeutsche Zeitung

Streit um Dürer-Bildnis:Haarrisse zwischen Bayern und Franken

Für die Franken ist es ein Schock: Dürers Selbstbildnis muss nun doch in München bleiben. Die Abgeordneten sind fassungslos und murren offen.

Frank Müller und Olaf Przybilla

Am Ende wurde es zur geheimen Kommandoaktion: Am Freitag nahm ein Expertenteam in der Münchner Alten Pinakothek Albrecht Dürers "Selbstbildnis im Pelzrock" von der Wand, löste es aus dem Rahmen, nahm die Glasscheibe ab und untersuchte jedes Detail. Am Dienstagabend ging der Bilderkrimi weiter.

Vor dem Gemälde kam es zu einem hochkarätigen Gipfeltreffen: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP) und Vertreter der beiden Museen aus Nürnberg und München trafen sich in der Alten Pinakothek. Danach war die Sache klar: Dürers Selbstbildnis muss in München bleiben, weil eine Ausleihe und ein Transport nach Nürnberg zur großen Dürer-Ausstellung im Mai unverantwortlich wäre. Die Nürnberger tragen die Entscheidung mit.

Noch am Mittwochvormittag ist es nur der kleine Kreis, der von der für die Franken frustrierenden Nachricht weiß. Auch die Landtagsabgeordneten, die sich zur Sitzung des Wissenschaftsausschusses schon in aufgeladener Stimmung einfinden, ahnen nichts. Dabei hatte sich nahezu der gesamte Landtag in seltener Einmütigkeit hinter die fränkischen Ausleihwünsche gestellt. Es gibt fast gleichlautende Dringlichkeitsanträge sämtlicher Fraktionen mit dem Wunsch, das Bild dem Germanischen Nationalmuseum zu überlassen.

Vertreter aller Parteien legen sich in der Debatte noch einmal für Franken ins Zeug, dann meldet sich der Minister Heubisch und macht mit ein paar dürren Sätzen klar, dass dem schon längst die Geschäftsgrundlage entzogen ist: "Das Germanische Nationalmuseum wird unter diesen Voraussetzungen die Ausleihe nicht weiter verfolgen." Die Abgeordneten reagieren fassungslos: "Ich find's unerhört", tobt Grünen-Mann Sepp Dürr und greift den anwesenden Chef der Staatsgemäldesammlung Klaus Schrenk frontal an: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht."

Dürrs Angriff richtet sich auf ein Detailergebnis der Untersuchungen. Die haben neben der Tatsache, dass das Bild nicht transportfähig ist, auch ergeben, dass ein Riss in Dürers Gemälde nicht auf die letzte Ausleihe nach Nürnberg von 1971 zurückzuführen ist, wie es Schrenk als Beleg für drohende Gefahren angeführt hatte. Er stammt aus der Zeit vor 1934.

Offenes Gemurre gibt es auch, als Heubisch den Franken ein Trostpflaster verspricht, "als Geste": Mit ihrer Nürnberger Eintrittskarte hätten diese auch ein halbes Jahr kostenlosen Zugang zur Alten Pinakothek in München - das ist nicht ganz die Lösung, die sich die Nürnberger vorgestellt hatten. "Ein Almosen" sei das, schimpft CSU-Fraktionsvize Karl Freller. Auch Finanzminister Markus Söder (CSU) aus Nürnberg findet das wenig überzeugend: "Machen Sie mal eine Straßenumfrage in Nürnberg, da werden Sie eine eindeutige Meinung haben." Ministerpräsident Horst Seehofer selbst hatte sich eigens noch mit dem Chef der Wittelsbacher, Herzog Franz, besprochen, deren Landesstiftung Eigentümer des Bildes ist. Am Mittwoch bemüht sich Seehofer dann um Nüchternheit im heiklen Streit. "Das Ergebnis ist so eindeutig, dass man das anders gar nicht verantworten könnte."

Renaissance-Kunst, die ein Land bewegt

Das Gutachten, das die Restauratoren aus München und Nürnberg gemeinsam über Dürers Werk aus dem Jahre 1500 verfasst haben, wird tatsächlich deutlich: Die Rede ist von Rissen und Spannungen in der Holztafel, "die sich spontan und unkontrolliert durch Vergrößerung der Risse entladen können". Es gebe einen gravierenden Haftungsverlust der Malschicht, ein Ausgleich sei "in vielen Bereichen nicht möglich", so die Gutachter. "Zusammenfassend ist aufgrund der Fragilität des Bildträgers, vor allem aber wegen des weit fortgeschrittenen Schadensbildes der Malschicht, jegliche mechanische Belastung, wie sie bei Transporten unvermeidlich ist, mit einem erheblichen Risiko verbunden, das aus fachlicher Sicht nicht tragbar ist."

Julia Lehner bekommt die Nachricht am Telefon und ist für einen Moment sprachlos. Nürnbergs Kulturreferentin war eine von jenen, die in ihrer Partei, der CSU, darauf hingewiesen hatten, dass ein Fehlen von Dürers Selbstbildnis bei der großen Schau in dessen Heimatstadt möglicherweise für Verstimmungen in Nordbayern führen könnte - angesichts entliehener Bilder aus Florenz, Wien und Washington.

Als die Debatte dann aber dieses Ausmaß annahm, als jede Abendveranstaltung in Franken "mit Dürer begann und mit Dürer endete", als kulturell bislang nicht in Erscheinung getretene Fußball-Fangruppen die Rückkehr eines Bildes aus dem frühen 16. Jahrhundert forderten, da wurde es ihr doch bange. Und nun? Ist sie irritiert darüber, dass nach einer zwei Jahre andauernden Debatte "plötzlich ein so einmütiges Ergebnis" steht. In erster Linie aber ist sie fasziniert, dass Renaissance-Kunst gerade ein Land bewegt. Mit 80.000 Besuchern rechnete das Nationalmuseum - vor Beginn der Debatte. Das dürfte nun weit übertroffen werden.

Weniger entspannt nimmt Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) die Sache. Er hat gerade mit den Verantwortlichen im Germanischen Nationalmuseum gesprochen, "und die stottern jetzt ziemlich rum", berichtet er. Noch bis vor vier Wochen hätten dieselben Kunsthistoriker vom Nationalmuseum behauptet, das Bild von Dürer sei "pumperlgesund" - und also absolut reisefähig. Nun, nach einem Besuch in München, "soll es plötzlich todkrank sein", schimpft der OB, der sonst eher nicht für harsche Worte bekannt ist. "Alle, die sich bislang für eine Ausleihe engagiert haben, stehen nun wie die kulturellen Deppen da", sagt Maly.

Er hätte sich nie für eine Ausleihe engagiert, wenn über zwei Jahre hinweg auch nur ein Satz über die Reiseunfähigkeit des Bildes gefallen wäre. "Darum aber ging es nie, es ging vor allem um die ominöse Münchner Sperrliste der 113 Werke." Maly habe den Museumsleuten in Nürnberg mitgeteilt, dass sie "wochenlang die südliche Hälfte Bayerns erzürnt haben - und nun die andere". War das nicht Werbung für Dürer? Schon, sagt Maly, "aber es werden auch Kollateralschäden bleiben".

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SZ vom 16.02.2012/bica
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