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Streit um Dürer-Bildnis:Renaissance-Kunst, die ein Land bewegt

Das Gutachten, das die Restauratoren aus München und Nürnberg gemeinsam über Dürers Werk aus dem Jahre 1500 verfasst haben, wird tatsächlich deutlich: Die Rede ist von Rissen und Spannungen in der Holztafel, "die sich spontan und unkontrolliert durch Vergrößerung der Risse entladen können". Es gebe einen gravierenden Haftungsverlust der Malschicht, ein Ausgleich sei "in vielen Bereichen nicht möglich", so die Gutachter. "Zusammenfassend ist aufgrund der Fragilität des Bildträgers, vor allem aber wegen des weit fortgeschrittenen Schadensbildes der Malschicht, jegliche mechanische Belastung, wie sie bei Transporten unvermeidlich ist, mit einem erheblichen Risiko verbunden, das aus fachlicher Sicht nicht tragbar ist."

Julia Lehner bekommt die Nachricht am Telefon und ist für einen Moment sprachlos. Nürnbergs Kulturreferentin war eine von jenen, die in ihrer Partei, der CSU, darauf hingewiesen hatten, dass ein Fehlen von Dürers Selbstbildnis bei der großen Schau in dessen Heimatstadt möglicherweise für Verstimmungen in Nordbayern führen könnte - angesichts entliehener Bilder aus Florenz, Wien und Washington.

Als die Debatte dann aber dieses Ausmaß annahm, als jede Abendveranstaltung in Franken "mit Dürer begann und mit Dürer endete", als kulturell bislang nicht in Erscheinung getretene Fußball-Fangruppen die Rückkehr eines Bildes aus dem frühen 16. Jahrhundert forderten, da wurde es ihr doch bange. Und nun? Ist sie irritiert darüber, dass nach einer zwei Jahre andauernden Debatte "plötzlich ein so einmütiges Ergebnis" steht. In erster Linie aber ist sie fasziniert, dass Renaissance-Kunst gerade ein Land bewegt. Mit 80.000 Besuchern rechnete das Nationalmuseum - vor Beginn der Debatte. Das dürfte nun weit übertroffen werden.

Weniger entspannt nimmt Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) die Sache. Er hat gerade mit den Verantwortlichen im Germanischen Nationalmuseum gesprochen, "und die stottern jetzt ziemlich rum", berichtet er. Noch bis vor vier Wochen hätten dieselben Kunsthistoriker vom Nationalmuseum behauptet, das Bild von Dürer sei "pumperlgesund" - und also absolut reisefähig. Nun, nach einem Besuch in München, "soll es plötzlich todkrank sein", schimpft der OB, der sonst eher nicht für harsche Worte bekannt ist. "Alle, die sich bislang für eine Ausleihe engagiert haben, stehen nun wie die kulturellen Deppen da", sagt Maly.

Er hätte sich nie für eine Ausleihe engagiert, wenn über zwei Jahre hinweg auch nur ein Satz über die Reiseunfähigkeit des Bildes gefallen wäre. "Darum aber ging es nie, es ging vor allem um die ominöse Münchner Sperrliste der 113 Werke." Maly habe den Museumsleuten in Nürnberg mitgeteilt, dass sie "wochenlang die südliche Hälfte Bayerns erzürnt haben - und nun die andere". War das nicht Werbung für Dürer? Schon, sagt Maly, "aber es werden auch Kollateralschäden bleiben".

© SZ vom 16.02.2012/bica
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