Süddeutsche Zeitung

Streit um adeligen Burgherrn:Graf Ego und die Pappenheimer

Albrecht Graf von und zu Egloffstein thront auf seiner Burg über dem mittelfränkischen Pappenheim. Mit der Bevölkerung liegt er seit langem im Clinch. Nun stellt sich die Frage, wie sauber die gräfliche Stiftung überhaupt arbeitet - und warum die Behörden dem Grafen so oft den Rücken freihalten.

Uwe Ritzer

Uwe Sinn überlegt genau, was er sagen soll. Aber wie der Bürgermeister von Pappenheim seine Worte auch dreht und wendet: Es kommt Unerfreuliches heraus für Albrecht Graf von und zu Egloffstein. "Es ist eine Zwangsbeziehung", sagt Sinn schließlich. Das Verhältnis zwischen der Stadt und ihren Bürgern zur Grafschaft sei "schwierig und angespannt".

Gewiss, Egloffstein habe viel getan für die Pappenheimer Burg, das Wahrzeichen des Städtchens im Altmühltal. Doch mit dem gräflichen Gemeinsinn sei es nicht weit her. "Wenn er für sich keinen Vorteil sieht, tut er auch nichts", sagt Bürgermeister Sinn. "Fast jeder Quadratmeter hier gehört der Grafschaft, und das nutzt er gnadenlos aus." Ein Städtchen im gräflichen Würgegriff.

In Pappenheim hat Egloffstein jede Reputation in der Bevölkerung verloren", sagt der Unternehmer Klaus Modl. Die Rede ist von rüde vergraulten Bürgern, gutsherrlichen Auftritten, rücksichtslos in die Landschaft gekipptem Bauschutt. Vor allem aber vom fragwürdigen Gebaren einer gräflichen Bürgerstiftung und untertänigen Behörden.

Modl ist Vorsitzender des Vereins "Freunde der Burg". Seit 1963 flickten dessen Mitglieder ehrenamtlich Schäden an der Burgruine, die der Grafschaft gehört. 2010 stellte der Verein die Arbeit aus Protest ein. Man streitet um Geld, in Wirklichkeit aber geht es um mehr: Viele Aktive fühlen sich von Egloffstein gegängelt, missachtet, als Befehlsempfänger behandelt und verprellt. Der versteht das nicht. Schließlich besorge er nahezu allein dem Verein Spenden und öffentliche Zuschüsse, teilt Egloffstein auf Anfrage mit. Als käme dieses Geld nicht in letzter Konsequenz seiner eigenen Burg zugute.

Pappenheimer waren es auch, die ein großes Ritterturnier auf der Burg initiierten und einen Weihnachtsmarkt. Als beides lief, seien auch sie vertrieben worden, sagt Bürgermeister Sinn. "Wenn der Graf sieht, dass er selbst mit etwas Geld verdienen kann, werden die engagierten Bürger einfach rausgedrängt", sagt er. Egloffstein dementiert auch das.

Stillschweigend geduldet

Es ist einiges in Wallung geraten im beschaulichen Pappenheim. Bis vor ein paar Jahren hätte es hier niemand gewagt, öffentlich ein böses Wort gegen die Grafschaft fallen zu lassen; das wäre ihm selbst von Mitbürgern als Majestätsbeteiligung verübelt worden. Nun aber ist der Druck im Kessel zu groß. Selbst der ansonsten besonnene Bürgermeister wirft dem landauf landab als großen Denkmalpfleger hofierten Egloffstein vor: "Die größten Schutthalden der Stadt sind gräflich." Sie liegen an vielen Stellen in Stadt und Landschaft, sogar vor dem Burgeingang. Offenbar stillschweigend geduldet von Behörden.

Wäre Albrecht Graf von und zu Egloffstein, 65, irgendein Landadeliger, könnte man all dies als Provinzposse abtun. Doch der promovierte Kunsthistoriker hat Einfluss. Als langjähriges Mitglied und stellvertretender Vorsitzender des Landesdenkmalrates berät er die Staatsregierung. Er hat angesehene Denkmalpflege-Preise gewonnen, bekleidet führende Ämter im Deutschen Burgenverein und ist im Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz aktiv. 18 Jahre lang war Egloffstein bis 1994 Bezirksheimatpfleger von Oberfranken, ehe er nach Mittelfranken umzog, um die Güter seiner Frau Iniga zu verwalten, einer Pappenheimer Grafentochter.

Der Adelige gilt als glänzend vernetzt in Staatsregierung und CSU, in Ministerien und Behörden. Man kuschelt miteinander. Wo andere einen Zuschussbescheid per Post erhalten, macht Innenminister Joachim Herrmann dem Grafen persönlich die Aufwartung. Besonders feierlich geriet ein Zeremoniell im April 2006.

Mit viel Tamtam und Lobhudelei überreichte damals der mittelfränkische Regierungspräsident Albrecht und Iniga von und zu Egloffstein die Urkunde für eine Bürgerstiftung. Das Grafenpaar hatte mit 55 000 Euro die Basis gelegt - und sich auf Lebenszeit einen Vorstandsposten und den Zugriff auf den Vorsitz gesichert. Sie haben die Bürgerstiftung fest im Griff. Bei der Gründungsfeier redete Egloffstein viel von Gemein- und Bürgersinn. Laut Satzung soll die Stiftung Armen helfen, Umweltschutz, Kultur, Denkmalpflege, soziale Projekte und Jugendarbeit fördern.

Gemessen an den hohen Ansprüchen fällt die Bilanz nach sechs Jahren mickrig aus. 2011 spendierte die Bürgerstiftung 3000 Euro für Computer im Jugendzentrum. Das war alles. Überhaupt stellt sich die Frage, wie sauber die gräfliche Bürgerstiftung arbeitet.

Sie sei weitgehend untätig und intransparent, sagt Klaus Modl. Der Inhaber einer Metall- und Elektronikfirma muss es wissen; seit 2009 saß er im Stiftungsvorstand, ehe er unlängst den Bettel hinwarf. Erst kurz vor seinem Rücktritt hat er einen Ausdruck der Stiftungssatzung erhalten, in deren Vorstand er saß. Den Einblick in die Finanzen habe man ihm ganz verwehrt. "Graf und Gräfin Egloffstein haben jeweils Einzelvollmacht und können nach Belieben über die Konten der Bürgerstiftung verfügen", sagt Modl.

Egloffstein nennt den Vorwurf der Intransparenz "grotesk". Jederzeit hätte Modl in die Bücher schauen dürfen, er habe sich nur nicht darum bemüht. Und wenn, dann hätte er die Stiftung eben verklagen müssen, in deren Vorstand er saß. "Eine entsprechende Initiative unterblieb durch Herrn Modl aber komplett", sagt Egloffstein. Zynischer geht es kaum.

Kritiker Modl steht nicht allein. "Wir haben 5000 Euro in die Stiftung gespendet und nie wieder etwas gehört", sagt die Unternehmerin Ingrid Krause. "Wenn die Stiftung etwas Ordentliches machen würde, fänden sich sicher auch weitere Stifter." Egloffstein verteidigt sich, man habe erst das Vermögen mehren und die Finanzen konsolidieren müssen. Knapp 100.000 Euro habe man angehäuft und 2012 werde ganz bestimmt über die Verwendung der erwirtschafteten Erträge entschieden. Der Vorwurf der Untätigkeit sei "völlig aus der Luft gegriffen" und entbehre "jeder Kenntnis der Umstände und der Rechtslage".

Straßensperre? Kein Problem!

Dabei ist längst klar, dass die Stiftung nicht arbeitet, wie sie müsste, und massiv gegen eigene Regeln verstößt. Vorstandssitzungen fanden laut Modl kaum statt. Ein in der Satzung verankertes Bürgerforum gibt es nicht. Besonders fragwürdig ist jedoch die fehlende Eigenkontrolle. Bereits Mitte 2006 hätte ein Stiftungsrat eingerichtet werden müssen, eine Art Aufsichtsrat, der den Vorstand kontrolliert und berät. Tatsächlich wurde er erst am 19. Januar 2012 geschaffen - unter fragwürdigen Umständen.

Zwei der drei angeblich an diesem Tag bestellten Stiftungsräte wussten vorige Woche noch nichts davon. Dabei behauptet Egloffstein, er habe das Trio "mündlich über die erfolgte Wahl informiert, beziehungsweise wurde mein Sekretariat beauftragt, dies für mich zu erledigen". Den jahrelangen Verzicht auf ein Kontrollorgan tut er generös als "Nachlässigkeit" ab. Man habe nichts zu verbergen und zudem unterliege die Stiftung der "rechtsaufsichtlichen Kontrolle" durch die Regierung von Mittelfranken.

Nur: Wie genau war diese staatliche Aufsicht überhaupt?

Man habe die jährlichen Rechenschaftsberichte geprüft und sie seien in Ordnung gewesen, teilte die Bezirksregierung mit. Und räumte ein, dass jener für 2010 bis heute nicht geprüft wurde. Die jahrelangen Satzungsverstöße? Der erst nach sechs Jahren eingerichtete Stiftungsrat? Alles Sache der Stiftung selbst, weist die Behörde jedwede Zuständigkeit von sich.

Man ist in Ansbach auch sonst sehr grafentreu. Zwei SZ-Anfragen an die Regierung, wo es allein um deren Kontrollarbeit bei der Bürgerstiftung ging, schickte die Behörde eilfertig und ohne ersichtlichen Grund an den Grafen weiter - inklusive ihrer an die SZ erteilten Antworten. Amtliche Stiftungsaufseher als willfähriger Frühwarndienst und Argumentationshelfer für denjenigen, den sie kraft Gesetzes kontrollieren sollen?

In Pappenheim überrascht so viel behördliche Demut kaum jemanden. Als 2008 eine Grafentochter heiratete, forderte Egloffstein, die Altstadt für den Verkehr weitgehend abzusperren. Die Hochzeitsgäste sollten komfortabel parken und kein Auto dürfe über den grünen Teppich fahren, den das adelige Brautpaar beschritt. Fast alle Forderungen setzte der Graf durch. Nur eine mehrstündige Totalsperrung einer Hauptstraße lehnte die Stadt ab. Prompt kam ein Anruf aus dem Innenministerium: Man solle den gräflichen Wunsch gefälligst erfüllen. Die Stadt lehnte trotzdem ab.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1333117
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.04.2012/sonn
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.