Süddeutsche Zeitung

Streik:Die Not mit der Betreuung

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An diesem Mittwoch gehen bayernweit viele Erzieherinnen und Beschäftigte von Kitas in den Ausstand. Sie fordern 10,5 Prozent mehr Gehalt. Und die Eltern haben auch ein paar dringende Wünsche.

Von Maximilian Gerl und Nina von Hardenberg

Im Februar 2023 wurde es einigen Eltern im mittelfränkischen Rückersdorf dann doch zu viel mit dem zu wenig. Genauer: mit dem zu wenig an Kita. "Unser Alltag ist geprägt von Notbetreuungen, abgesagten Betreuungsplätzen, Personalmangel und gekürzten Öffnungszeiten", heißt es in einer Online-Petition. Eine "adäquate und gesicherte Kinderbetreuung" gebe es derzeit nicht - und damit auch kein geregeltes Arbeiten für die Eltern. Die Situation sei für alle Beteiligten stressig, erzählt Tobias Jähnel, einer der Initiatoren der Petition. Häufig erfahre man erst am Abend vorher, dass wegen Personalengpässen am nächsten Tag nicht alle Kinder betreut werden könnten. Und von daheim aus arbeiten und sich parallel um zwei kleine Kinder kümmern: eigentlich nicht möglich, "Kinderbetreuung ist ein Fulltime-Job".

"Kitas am Limit! Eltern am Limit!" Mit diesen Worten hat die Rückersdorfer Elterninitiative ihren Hilferuf nach einem verlässlicheren Kita-System überschrieben. Man könnte noch hinzufügen: "Personal am Limit". Denn nicht nur im Landkreis Nürnberger Land, auch anderswo im Freistaat beschweren sich Eltern wie Beschäftigte seit Jahren über die Situation in der Kinderbetreuung. An diesem Mittwoch dürften die Klagen besonders laut zu hören sein: Die Gewerkschaft Verdi und die Bildungsgewerkschaft GEW haben zum Frauentag am 8. März zu Streiks in sozialen Einrichtungen aufgerufen. Erwartet werden Einschränkungen bei der Betreuung bis hin zur kompletten Schließungen einzelner Einrichtungen, überall in Bayern.

Wie viele Kitas und ihre Beschäftigten am Mittwoch bayernweit in den Ausstand gehen, kann Verdi auf Nachfrage nicht nennen. Die Rückmeldung aus den Einrichtungen sei aber sehr groß, ist zu hören; das Thema brenne den Menschen "total auf der Seele". Der Fokus der Aktionen liegt auf größeren Städten und ihrer Umgebung, darunter Ingolstadt, Augsburg, Regensburg und Nürnberg. In Ingolstadt etwa gehen sie davon aus, dass "ein Großteil der städtischen Kitas geschlossen bleiben wird". Eine Notbetreuung könne nicht sichergestellt werden. In Regensburg fallen auch verschiedene Mittagsbetreuungen aus. Auch dort kann es zu Teil- oder Komplettschließungen von Kitas kommen. Die Stadt hat ein Service-Telefon eingerichtet.

In den Ballungsräumen sind die Kita-Probleme aus Gewerkschaftssicht am deutlichsten spürbar. Offiziell geht es bei den Streiks im öffentlichen Dienst "nur" um mehr Geld. Verdi fordert für die Beschäftigten von Bund und Kommunen 10,5 Prozent mehr Gehalt, mindestens aber 500 Euro mehr im Monat. Inoffiziell aber steht der Status Quo mit auf dem Prüfstand. Verdi geht davon aus, dass bundesweit in den Kitas bis zu 270 000 Fachkräfte fehlen. Dadurch herrsche einerseits in den Einrichtungen "eine unglaubliche Arbeitsbelastung und -verdichtung", sagt Verdi-Sprecher Hans Sterr am Telefon. Andererseits sei es schwierig, mehr Menschen für den Beruf zu begeistern. Das Gehalt sei gerade in Ballungsräumen zu niedrig, um davon leben und die Miete bezahlen zu können. "Ein Teufelskreis", sagt Sterr.

"Kita-Fachkräfte müssen angemessen bezahlt werden", sagt auch Bayerns Sozialministerin Ulrike Scharf. "Es ist ihr Recht, eine bessere Bezahlung über Streiks einzufordern." Sie appelliere aber an alle Beteiligten, den Bogen nicht zu überspannen und schnell zu einer Einigung zu kommen.

Den neuen Tarifvertrag im öffentlichen Dienst verhandelt vor allem der Bund. Um die Lage in den Kitas zu verbessern, ist aus Gewerkschaftssicht allerdings auch der Freistaat gefragt: Er könne zum Beispiel mehr Werbung für den Erzieherberuf machen - oder mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. "Die schlechte Wohnsituation ist ein Faktor", warum Kita-Beschäftigte gerade in den teuren Städten fehlten, sagt Sterr. Statt "Luftnummern" anzukündigen, müsse die Staatsregierung endlich ihren Beitrag leisten. Fachleute verweisen zudem darauf, wie wichtig ein funktionierendes Kita-System ist, um dem auch in anderen Branchen grassierenden Fachkräftemangel zu begegnen: Kinderbetreuung macht es vor allem Frauen möglich, nach der Geburt tendenziell früher und mit mehr Stunden ins Arbeitsleben zurückzukehren.

Die Staatsregierung unterstütze Kommunen und Arbeitgeber bei der Suche nach neuen Erziehern, sagte Sozialministerin Scharf: "Wir haben bereits die Ausbildung attraktiver gemacht, verkürzt und für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger erleichtert." Tatsächlich ist die Zahl der Beschäftigten in den Kitas in Bayern in den vergangenen Jahren stark gestiegen - von etwa 64 000 im Jahr 2011 auf mehr als 114 000 im Jahr 2022.

Genug Personal gibt es trotzdem nicht. Denn auch die Zahl der Kinder, die Kitas besuchen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Wurden 2011 noch 461 621 Kinder betreut, so waren es Ende 2021 fast ein Drittel mehr - insgesamt 607 550.

Der Bedarf ist sogar noch größer. Es fehlt vor allem an Plätzen für die Kleinsten: Nach einer Umfrage des Deutschen Jugendinstituts (DJI) wünscht sich deutschlandweit fast die Hälfte aller Eltern mit Kindern unter drei Jahren einen Kitaplatz. Betreut wurden nach den aktuellsten Daten 2021 aber gerade mal 34,4 Prozent. Jährlich meldeten deutlich mehr Eltern Bedarf als tatsächlich einen Platz zur Verfügung hatten, sagte die DJI-Wissenschaftlerin Theresia Kayed. Sie fordert einen weiteren Ausbau des Angebots. Wie aber sollen neue Kitas aufmachen, wenn die bestehenden schon nicht genügend Personal finden? Der Freistaat bemüht sich um unbürokratische Lösungen. So dürfen seit Herbst in Mini-Kitas und in Großtagespflegestellen 15 statt zwölf Kinder betreut werden.

In Rückersdorf hat sich die Elterninitiative inzwischen mit der örtlichen Politik und den Kita-Trägern ausgetauscht. Von konstruktiven Gesprächen berichtet Jähnel, man habe gemeinsam nach Lösungen gesucht. Eine Idee: einen "Springer" anzustellen, der je nach Personalbedarf von Kita zu Kita wechselt und aushilft. Am grundsätzlichen Dilemma, dass es in Bayern zu wenige Fachkräfte für all die vielen Kinder gibt, können sie aber natürlich auch in Rückersdorf nichts ändern. "Der Konsens war", sagt Jähnel: "Wir sitzen alle in einem Boot."

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