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Straubing:Die Fred-Schule: Eine Boazn für Nachwuchs-Bands

Musiker können sich im Raven in Straubing ausprobieren.

Das Raven in Straubing ist eine besondere Musikkneipe. Viel wichtiger als der kommerzielle Erfolg ist es dem Wirt, dass hier Bands ihre ersten Auftritte spielen können.

Pünktlich um 17 Uhr öffnet Alfred Dick die Eingangstür zum "The Raven". Ein schmaler, dunkler Gang führt in den kleinen Hinterhof, ein paar Bierbänke und Gartenmöbel stehen dort, weiter hinten in der Ecke ein altes Klavier, das sichtbar einige Winter draußen verbracht hat.

Die ersten Gäste betreten das kleine Lokal, setzen sich an ihren gewohnten Tisch. "Wie immer?", fragt Dick über den Tresen hinweg und zapft ein Bier. Langsam füllt sich der Stammtisch, seit Jahren kommen die Sechs zu Dick ins "Raven". Name, Alter, Wohnort, Beruf, Lieblingsgetränke - seine Stammgäste kennt Dick gut. Kein Zufall, denn fast täglich trifft sich die kleine Gruppe hier. Manchmal kommen auch die kleinen Enkel der Gäste mit. Kein Problem, so früh am Abend ist es noch ruhig im Lokal.

Später wird eine Band auf der kleinen Bühne vor dem Stammtisch spielen. Dreimal die Woche geben Musiker aus Straubing, Bayern und der ganzen Welt im "Raven" oder bei gutem Wetter draußen im Hinterhof Konzerte. Von Jazz bis Rock, von Rock bis Punk - von anspruchsvoll bis hau-drauf. Seit zehn Jahren gibt Dick Nachwuchskünstlern aller Stile eine Bühne.

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Der Wirt ist ein Künstler

An der Wand hinter dem Tresen stapeln sich CDs und Schallplatten, an den Wänden hängen Kunstdrucke und bunte Gemälde, die sich auch auf der Getränkekarte wiederfinden. Dick ist nicht nur Wirt, sondern auch freischaffender Künstler. "Der Verkauf der Stücke macht die Konzerte oft erst möglich", sagt Dick. Denn die Einnahmen aus dem Eintritt überlässt er den Bands. "Um Geld geht's nicht", sagt der 53-Jährige, "wir haben fast keine kleinen Bühnen mehr in Niederbayern, deswegen."

Hier und da bröckelt ein bisschen Putz von der Wand, die eine oder andere Stelle könnte schön langsam renoviert werden. Dick und auch seine Gäste stört das nicht. "Das macht's aus. Es ist eine richtig schöne kleine Boazn", sagt er. Das Problem außerdem: Sollte der Hauseigentümer renovieren, könnte sich Dick die höhere Pacht wohl nicht mehr leisten und das würde das Aus für das "Raven" bedeuten. Gerade als der Stammtisch zusammenpackt, trifft die Band des Abends ein.

Das "Holon Trio" ist eine dreiköpfige Jazzband, deren Mitglieder aus Schweden, Dänemark und Deutschland stammen. Sie sind heute zum ersten Mal hier, Freunde haben ihnen das "Raven" empfohlen. Dick hat ihnen einen kleinen Backstagebereich eingerichtet, auf dem Biertisch stehen drei Teller, darauf drei Fruchtzwerge, drei Duplos, eine Wurst-Käse-Platte am Ende des Tisches und ein großer Obstkorb. "Super", sagt Povel Widestrand, Pianist der Band, begeistert, "so einen herzlichen Empfang haben wir selten."

Das Matratzenlager ist im Obergeschoss

Auch die Nacht können die drei nach dem Konzert hier verbringen, auf einem Matratzenlager im Obergeschoss. Das einzige kleine Problem: Dicks Niederbayerisch. Die drei jungen Männer sprechen zwar alle gut deutsch, doch bei manchen niederbayerischen Sätzen nicken sie nur höflich-verwirrt. Kein Problem für Dick: er sagt es einfach noch einmal langsamer und irgendwann haben die drei Musiker "brauchts a Mikro oder habts seiba oans dabei?" auch verstanden.

Auch Christoph Lanzinger ist heute zum Konzert gekommen. Der 23-Jährige ist Gitarrist und Sänger der Band "The Red Aerostat", vor zwei Jahren hatte sie als Newcomer zum ersten Mal im "Raven" gespielt. Ein bisschen angeschlagen ist er, aber das ist für ihn kein Grund, zu Hause zu bleiben. Mit einem dicken Schal sitzt er an der Bar, bestellt sich ein Bier, hält einen Plausch mit Dick - er steht nicht nur auf der Bühne des "Raven", er ist auch regelmäßiger Gast.

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Die Bands können viel ausprobieren

"Wir konnten hier viel ausprobieren", sagt Lanzinger. Die vierköpfige Band war komplett unerfahren, was die Organisation von Auftritten betrifft. Wie viel Eintritt sollen wir verlangen? Wie funktioniert ein Mischpult? Alfred Dick war ihnen ein wichtiger Begleiter: "Fred hat uns nicht nur kritisches Feedback gegeben, sondern uns auch immer bei allen offenen Fragen unterstützt", sagt Christoph. "Fred-Schule" nennt der Musiker die Zeit im "Raven" - als Dick das hört, muss er lachen: "Sie mussten die Hürden schon selbst meistern", sagt er, "ich habe nur beraten."

Für das Konzert an diesem Abend haben sich nur ein Dutzend Leute eingefunden. "Das gibt es auch", sagt Dick, "aber gespielt wird bei uns auch für zwei Gäste." Das Publikum ist bunt gemischt, vorne an der Bar trinken zwei bärtige Männer im Studentenalter Bier, an dem Tisch vor der Bühne gibt es für ein paar ältere Semester in Polohemden Rotwein und Whiskey.

Dick kann sich durchaus vorstellen, auch in 30 Jahren noch Abende wie heute zu organisieren und hinter der Bar in seiner Kneipe zu stehen: "Da hängt einfach mein Herzblut dran ", sagt er.