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Straßenbau in Bayern:Teures Pflaster

Autobahnverlängerung, Westumfahrung, Brückenbau: Der Bund Naturschutz kritisiert, dass Straßenbauprojekte in Bayern oft zwei- bis dreimal so viel kosten, wie geplant - und unterstellt manchen Politikern, sich nur ein persönliches Denkmal setzen zu wollen.

Straßenbau am Argelsrieder Feld

Kalkül: Straßenbauprojekte werden fast immer teurer als angekündigt.

(Foto: STA Franz X. Fuchs)

Wertingen ist mit knapp 9000 Einwohnern kein großer Ort. Schon jetzt ist es also nicht schwer, an der Stadt im Landkreis Dillingen an der Donau vorbeizukommen. In Zukunft soll es noch einfacher sein. Wenn nämlich vor der Stadt ein neuer Kreisverkehr gebaut ist, der die Wege in die Nachbarorte eröffnet. Und wenn dann darüber hinweg eine Brücke führt. Nein, keine einfache Brücke - ein "Overfly". Geradezu hinwegfliegen können dann die Autofahrer über den hübschen Ort, und zwar auf der Staatsstraße 2033.

Dabei entgeht ihnen dann nicht nur ein Blick auf Schloss und Fachwerkhäuser, sie werden in sieben Metern Höhe auch kaum dasselbe Schanghai-Feeling entwickeln wie jene, die unter ihnen die Ausfahrt nach Geratshofen nehmen. So imposant das Projekt im Plan aussieht, so günstig sollte es zunächst sein: 4,6 Millionen Euro etwa werde es kosten, hieß es bei der Vorstellung des Projektes im Dezember 2009. Etliche Planungen für Radwegeunterführungen, Ausgleichsflächen und Baunebenkosten später liegt die veranschlagte Summe heute bei 14,5 Millionen Euro. Bis zu 89 Prozent davon wird der Freistaat zahlen. Dabei führt dieser das Vorhaben nicht gerade oben auf seiner Prioritäten-Liste. Möglich macht das Projekt die kommunale Sonderbaulast. Aus diesem Topf erhalten Gemeinden, die Bauprojekte selbst in die Hand nehmen wollen, Unterstützung vom Land Bayern.

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explodierende Kosten bei Straßenbauprojekten in Bayern

(Foto: SZ Grafik)

Für den Bund Naturschutz (BN), aber auch für Politiker der Grünen und der SPD sind Beispiele wie dieses der direkte Weg, nicht nur Geld zu verschwenden, sondern zugleich Naturräume zu zerstören. Denn es fördere die Praxis, zu viel, zu groß, und zu unüberlegt zu bauen. Am Dienstag stellten die Naturschützer in München eine Analyse von zehn bayerischen Verkehrsprojekten vor - mit und ohne Geld aus der kommunalen Sonderbaulast. Vom Ausbau der Autobahn 8 im Süden bis zur geplanten Westumfahrung Würzburgs. Bei allen Projekten haben sich die Kosten vom Beginn der Planungen bis zum Abschluss der Bauarbeiten oder zumindest bis zum heutigen Stand mindestens verdoppelt, teils sogar verdreifacht.

"Steuergelder müssen in Bayern zuallererst für die Erhaltung und Sanierung des bestehenden Verkehrsnetzes ausgegeben werden", sagt Richard Mergner vom Bund Naturschutz. Die bestehenden Straßen hätten es nämlich nötig. Allein 300 Kilometer des insgesamt 2500 Kilometer umfassenden Autobahnnetzes in Bayern seien dringend sanierungsbedürftig, rechnet er vor. Teile der Autobahnen 7 und 8 seien 30 Jahre alt, ja noch älter. Lkw dürften dort nur noch mit Geschwindigkeitsbegrenzung fahren, teils nicht schneller als 60 Kilometer pro Stunde. "Bayern ist genügend erschlossen", findet Mergner.

Insgesamt 42.000 Kilometer umfasse das bayerische Straßennetz. Den Gedanken, immer weiter zu bauen, findet Mergner altmodisch. Ein Politikerreflex, in Jahrzehnten gelernt und nie überdacht; als wirtschaftsfördernde Maßnahme längst nicht mehr ausreichend und nicht zeitgemäß. Bei Politikern jedoch, vom Ministerpräsidenten bis zum Kleinstadt-Bürgermeister, seien Straßenbauprojekte nach wie vor ein beliebtes Mittel, sich ins Gespräch zu bringen oder auch gleich, sich selbst ein bleibendes Denkmal zu setzen.

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