Stellenabbau bei Airbus:Zerstörte Lebensträume

Euro Hawk

Das unbemannte Flugzeug Euro Hawk auf dem Luftwaffenstützpunkt Manching.

(Foto: dpa)

Viele Mitarbeiter von Airbus in Manching sind gerade erst umgezogen und haben ein Haus gekauft. Nun verlieren sie ihren Arbeitsplatz. Die Staatsregierung will nicht helfen - und verweist auf die gute Lage am Arbeitsmarkt.

Von Wolfgang Wittl

Das Begrüßungsschild ist der Zeit etwas hinterher: "Welcome - Cassidian - an EADS Company" steht auf dem Parkplatz vor dem Werksgelände in Manching. Auch die Wegschreibungen sind mit "Cassidian" betitelt, dabei ist der Name bereits wieder einmal Vergangenheit. Seit Anfang des Jahres firmiert das militärische Luftfahrtzentrum des Konzerns unter der Bezeichnung "Airbus Defence & Space". Es ist nicht der erste Namenswechsel in der wechselvollen Geschichte des Standorts Manching. Und dass 1010 der etwa 4500 Mitarbeiter bis 2017 ihren Job verlieren sollen, ist auch nicht die erste gravierende personelle Veränderung.

Vor sechs Jahren zählte Manching noch zu den Gewinnern im unübersichtlichen EADS-Firmengeflecht. Damals wurde die Niederlassung durch die Bündelung der Militärflugzeugentwicklung um 2000 auf etwa 5500 Mitarbeiter ausgebaut, auf Kosten des Standorts Ottobrunn. Manchings großes Plus: Der Standort verfügt über eine Infrastruktur wie kein anderer im Konzern - Flugplatz, Landebahnen, reichlich Platz. In Kürze soll eine gut 200 Meter lange und 80 Meter breite Halle für mehr als 30 Millionen Euro eingeweiht werden, in der bis zu 20 Maschinen gleichzeitig gewartet werden können. Auch das Transportflugzeug A400M, Nachfolger der Transall, soll bald in Manching instand gehalten werden. Dennoch werden sich die Einschnitte beim Personal kaum aufhalten lassen.

Denn das Rüstungsgeschäft ist rückläufig und wird es wohl bleiben. Dies musste auch Bernhard Gerwert, Chef von Airbus Defence & Space, am Dienstag bei der Betriebsversammlung einräumen, wie Teilnehmer berichten. Einen großen Teil der Verantwortung schob Gerwert der Bundesregierung zu, welche die letzte Tranche des in Manching montierten Eurofighters entgegen der Vereinbarung nicht kaufen wolle. Ein Milliardengeschäft - dahin?

Betriebsratschef Thomas Pretzl will das noch nicht glauben. Auch er appelliert an die Politik, "ihren Verpflichtungen nachzukommen". Je länger das Auftragsfenster offen bleibe, desto größer sei die Chance auf anschließende Exporte, sagt Pretzl. Allerdings gilt der Eurofighter im internationalen Vergleich als zu teuer. CSU-Chef Horst Seehofer stellte klar, dass auf ihn nicht zu zählen sei. Er könne nicht einerseits für weniger Rüstung eintreten und andererseits sagen, dies sei falsch, wenn ein Konzern seine Struktur der Realität anpasse.

Gerwerts Ankündigung, selbst betriebsbedingte Kündigungen seien in Manching nicht auszuschließen, dürfte die Meinung der Staatsregierung kaum ändern. Der Arbeitsmarkt sei "hoch aufnahmefähig", sagt Staatskanzleichefin Christine Haderthauer. Eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit ergab, dass es 20 sogenannte Mangelberufe gebe. Auch in Bayern herrsche Bedarf an Spezialisten für Fahrzeug-, Luft- und Raumfahrttechnik. Die Technische Hochschule Ingolstadt hat bereits angeboten, Flugzeugbau-Ingenieure zu Fahrzeugbauern fortzubilden - eine interessante Option in einer von der Autoindustrie dominierten Region.

Auch innerhalb des Konzerns werden neue Arbeitsplätze geschaffen, jedoch am anderen Ende der Republik. Die zivile Luftfahrtbranche von Airbus, die ausgebaut werden soll, befindet sich in Norddeutschland. Für die Mitarbeiter in Manching, von denen etliche gerade erst hergezogen sind und sich ein Haus gekauft haben, wäre dies ein weiter Weg. Von vielen Beschäftigten würden im Moment "Lebensträume zerstört", sagt ein Betriebsratsmitglied.

Wie es in Manching weitergeht, wird am Hauptsitz im französischen Toulouse entschieden. Erst im Februar, März wisse man mehr, wenn der europäische Betriebsrat weitere Informationen erhalte, sagt Betriebsratschef Pretzl. Und erst dann könne man auf nationaler Ebene reagieren. Die Verhandlungen über Alterszeitmodelle, Aufhebungsverträge und Versetzungen werden sich hinziehen, vermutet ein Gewerkschafter. Als Cassidian sich in Airbus Defence & Space umbenannte, hat die IG Metall einen Handzettel mit allen bisherigen Firmennamen verteilt: Messerschmitt AG, Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB), Deutsche Aerospace (Dasa), Daimler-Benz Aerospace, Daimler-Chrysler Aerospace, EADS. "Auf ein Neues", war der Flyer überschrieben. Auf der Rückseite stand: "Viel wichtiger als der Name ist für uns jedoch die Frage, welche Strategie verfolgt wird, das Unternehmen langfristig zu sichern."

© SZ vom 30.01.2014/wib
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