Der Himmel ist grau, der Wind frisch, und das passt zur Veranstaltung. Elf Tage lang hat das Fünf-Seen-Filmfestival Kino-Enthusiasten zusammengebracht, hat feine Filmkunst gezeigt und deren Schöpferinnen und Schöpfer zu sich eingeladen, hat aufstrebende und etablierte Stars gefeiert und Diskussionen ermöglicht.
Jetzt ist das Festival, das heuer zum 20. Mal stattfand, vorbei. Die Stimmung ist zart melancholisch, Leute an den Stehtischen vor der Starnberger Schlossberghalle lassen das Fest Revue passieren: „Die war doch sympathisch, die Luna Wedler, oder?“, sagt ein Gast. Doch ein paar Preise hat das Fünf-Seen-Filmfestival noch zu vergeben bei dieser Abschlussfeier. Diese noch auf ihre Träger wartenden Preise sind nicht die einzige Überraschung an diesem Abend.
Festivalleiter Matthias Helwig zeigt auch zum Abschluss des Festivals, das er 2007 gegründet hat, sein ausdauerndes Lächeln. Nicht weniger begeistert wirkt er, nur etwas müde vielleicht. „Elf Tage sind eine lange Zeit“, wird er später im Gespräch mit der SZ sagen. Rund 20 000 Leute haben sich die sorgfältig kuratierte Kinoauswahl angeschaut, in etwa 300 Vorstellungen. Darunter auch Ungewöhnliches wie die von Livemusik belebte Präsentation des Buster-Keaton-Klassikers „Der General“ während einer Dampferfahrt auf dem Starnberger See. Zudem ist ein nicht abreißender Strom an prominenten Gästen nach Starnberg und in die Umgebung geflossen.
Die Regisseurin des Oscar-prämierten Films „Nirgendwo in Afrika“, Caroline Link, war bei der Eröffnungsfeier. Die Regisseure Christian Petzold und Marcus H. Rosenmüller durften sich als Ehrengäste über Werkschauen freuen und daneben in Filmgesprächen Rede und Antwort stehen. Luna Wedler hat ihren Hannelore-Elsner-Preis unter Tränen entgegengenommen, die Filmpreis-Jurorin Margarethe von Trotta mit ihrer wohldosierten Berliner Schnauze das Publikum zu Heiterkeitstränen inspiriert. Nachdem der Starnberger Landrat Stefan Frey auf der Abschlussfeier die Wichtigkeit von Filmkunst und deren Förderung beteuert, packt ihn die legendäre Schauspielerin und Regisseurin am Arm: „Vielen Dank, dass hier jemand so für Kultur eintritt und für gute Politik!“ Dabei schaut Trotta dem Politiker tief in die Augen. Sollte er einmal Kultursparpläne verkünden müssen, wird er sich daran erinnern.

Denn auch wenn die Motivation hinter der ganzen Mühe darin liegt, Kinokunst zu zeigen – das Fünf-Seen-Filmfestival hat auch eine politische Note. Bei der Eröffnung am 3. September fühlte sich Matthias Helwig genötigt, für den ersten Artikel des Grundgesetzes aufzustehen. „Seitdem ist viel passiert“, sagt er in seiner Begrüßung zur Abschlussfeier. „Aber wir leben in einer großartigen Demokratie. Wenn wir mit Optimismus an die Sache herangehen, werden wir auch diese Zeiten, diese große Aufgeregtheit, überwinden.“ Gerade der Film könne dabei helfen: „Er zeigt die Menschen, wie sie wirklich sind“, sagt Helwig.
Für diese Perspektive stehen nicht zuletzt die ausgezeichneten Filme des Abends. „17“ der nordmazedonischen Regisseurin Kosara Mitić, prämiert mit dem Perspektive-Spielfilmpreis, stellt das Thema der sexuellen Gewalt an Frauen in den Mittelpunkt und formuliert mit filmischen Mitteln einen Appell zur Verantwortlichkeit. Ebenfalls auf eine „schmerzhafte Leerstelle der deutschen Wahrnehmung“ – so die Laudatio – deutet „Meanwhile in Namibia“. Jonas Spriestersbach bekommt den Dokumentarfilmpreis für diesen Film über die bedrückenden Versuche, deutsche Kolonialverbrechen in Namibia aufzuarbeiten.
Den Hauptpreis des Festivals erhält Sebastian Brameshuber für „London“: Der 72-jährige Bobby fährt darin in seinem Range Rover zwischen Wien und Salzburg und holt sich andere Leute dazu, um sich die Spritkosten zu teilen. „Ich bin vor ein paar Tagen hier an einer Garage vorbeigekommen, in der drei halb verfallene, aber noch erkennbare Range Rover standen. Da dachte ich: Vielleicht könnte das ein Zeichen sein“, sagt der Regisseur in seiner kurzen Dankesrede. Und den Publikumspreis holt „Eine Schule für Jane Cumming“, der sich mit hauchdünnem Vorsprung gegen den Katharina-Thalbach-Film „Lieblingsmenschen“ durchsetzen konnte.
Alle Preise sind vergeben, die letzte Vorstellung bald gelaufen und Maya Reichert, Jury-Mitglied des Dokumentarfilmpreises, sagt, was wahrscheinlich alle der ins Fünfseenland Eingeladenen sagen: „Wir hatten eine fantastische Zeit bei euch.“
Wie sieht die Zukunft des Festivals aus? Helwig schweigt
Eigentlich müsste sich Matthias Helwig Purzelbäume schlagend auf die nächste Ausgabe seines Festivals freuen. Und nicht wenige hatten erwartet, dass der Leiter an diesem Jubiläumsabend seine Pläne für die Zukunft des Festivals vorstellt. Im Vorfeld wurde eifrig spekuliert, ob Helwigs Leidenschaft fürs Kino noch einmal den Frust über die vertrackte finanzielle Lage schlägt. Am Ende sagt er dazu nichts.
„Ich hatte das Gefühl, dass das nach so viel Zuspruch, den wir bekommen haben, wichtig ist: den Abend schön zu begehen“, sagt Helwig der SZ. Jetzt müsse erst einmal abgerechnet werden und dann sehe man weiter. Aber ob er Lust auf mehr hätte? „Wer mich kennt, weiß, dass der Film ein ganz großer Teil meines Lebens ist“, sagt Helwig. Kurz sieht es so aus, als wolle er noch etwas hinzufügen. Tut er aber nicht. Der blaue Teppich wird wieder eingerollt für dieses Festival, das die weite Welt des Kinos ins Fünfseenland bringt, Orte des Austauschs und der konzentrierten künstlerischen Erfahrung schafft und Tausenden das ermöglicht: den Film zu einem großen, wichtigen Teil des Lebens werden zu lassen.


