Standort in Franken Ende der Erlanger Siemensfamilie

Eine Anspielung auf die Häppchenpolitik von Siemens-Chef Joe Kaeser bei einem bundesweiten Aktionstag der IG Metall in Erlangen.

(Foto: dpa)

Die Konzernspitze will eine Milliarde Euro einsparen. Am weltweit größten Siemens-Standort geht nun die Angst um. Erlangen steht der tiefste Einschnitt seit 15 Jahren bevor. 23.000 Siemensianer fürchten um ihre Jobs.

Von Olaf Przybilla, Erlangen

Vor einer Woche standen sie in Erlangen auf der Straße, mit Trillerpfeifen im Mund und roten Mützen auf dem Kopf. Es ging auch da schon um einen drohenden Abbau von Stellen am weltweit größten Siemensstandort, und auch da wurden bereits Zahlen kolportiert, dramatische Zahlen. Nur bestätigt waren diese nicht, es waren eher Hochrechnungen in eigener Sache.

Wenn die Konzernspitze ankündigt, eine Milliarde Euro einsparen zu wollen, können sich die Siemensianer in Franken mit ziemlicher Gewissheit ausrechnen, dass sie nicht verschont bleiben von so einem "Umbau". Dass es etliche tausend Stellen sind, die betroffen sein könnten, schwante schon manchem. Aber zwei Fragen blieben eben: Wie viele werden betroffen sein von den 23 000 Erlanger Siemensianern? Vor allem aber: Was heißt eigentlich "betroffen"? Jetzt gibt es zwar neue Zahlen, aber die Fragen haben sich nicht geändert.

Aus "Kaeser-Häppchen" werden Riesenbrocken

Eines aber ist in Erlangen inzwischen fast allen klar: Der anstehende Umbau des Konzerns dürfte nicht zuletzt die Zentralbereiche von Siemens treffen. Und damit wäre Erlangen, der Verwaltungshauptsitz, natürlich massiv betroffen - auch wenn die Siemens-Verantwortlichen am Standort die nun zum Teil ausbrechende Panik für übertrieben halten.

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Die Siemens-Belegschaft muss sich auf neue Einschnitte gefasst machen. 11 600 Stellen sind laut Konzernchef Kaeser vom Umbau betroffen. Er wehrt sich jedoch gegen Berichte, wonach alle Arbeitsplätze einfach wegfallen würden.

Von 4500 bis 5500 möglicherweise in Erlangen betroffenen Stellen ist in Gewerkschaftskreisen die Rede, aber Heinz Brenner kann solche Horrorszenarien nicht nachvollziehen. Es gebe bislang "keinerlei Einzelaufteilungen" für bestimmte Siemens-Standorte, geschweige denn einzelne Bereiche in Erlangen, sagt der Leiter des örtlichen Regionalreferats von Siemens.

Dass sich hinter den nun in Rede stehenden Zahlen am Ende auch Entlassungen verbergen, könne zum jetzigen Zeitpunkt niemand behaupten. "Betriebsbedingte Kündigungen will man unbedingt vermeiden", sagt Brenner. Sei nun die Rede von "betroffenen Stellen", so gehe es vor allem um "Funktionen", um Mitarbeiter also, "die man in anderen Bereichen womöglich profitabler einsetzen kann". Alles halb so wild also in Erlangen?

Wer sich mit alteingesessenen Gewerkschaftern unterhält, bekommt eine andere Sicht der Dinge. Natürlich, Gründe, um auf die Straße zu gehen, fanden sich in Erlangen in den letzten Jahren verstörend häufig, nicht erst unter dem neuen Konzernchef Joe Kaeser. In der letzten Zeit aber mit steigender Geschwindigkeit.

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Das ist ja der Grund, warum sie sich vor dem Rathaus zuletzt über "Kaeser-Häppchen" lustig gemacht haben. Dieser jüngste Happen aber drohe sich nun zum Riesenbrocken auszuwachsen, schwant einem, der seit Jahrzehnten dabei ist: "Diese Größenordnung wird nicht ohne Kündigungen gehen, in Erlangen droht uns der tiefste Einschnitt seit 15 Jahren." Die Erlanger Siemensfamilie? "Die gibt es seit 15 Jahren nicht mehr".

Erlangens Wirtschaftsreferent Konrad Beugel (CSU) hat da eine andere Sicht der Dinge. Er hat aufgehört mitzuzählen, wie oft in den letzten zehn Jahren von Umstrukturierungen die Rede war. Und immer fanden sich genügend Erlanger, die mit dem Allerschlimmsten in ihrer Stadt rechneten.

14 000 Siemensianer sollen umziehen

"Die Wahrheit ist aber: Es blieben in Erlangen immer konstant zwischen 22 000 und 24 000 Beschäftigte", wenn auch bei extremer Fluktuation, sagt Beugel. Pro Jahr waren es zuletzt bis zu tausend Siemensianer, die aus Erlangen weggingen. Aber eben auch genauso viele, die kamen. "Die Botschaft von Siemens für Erlangen ist doch eine ganz andere: Der Konzern will hier eine halbe Milliarde investieren", sagt er.

Beugel spielt an auf den Siemens-Campus, der im Süden der Stadt entstehen soll: 14 000 Siemensianer sollen dafür aus ihren miefigen Innenstadtbüros in ein schickes Areal am Stadtrand umziehen. Auch den neuen SPD-Oberbürgermeister Florian Janik lässt das hoffen. Natürlich sei Erlangen "jetzt in Aufruhr", das aber schon, seit Kaeser seine Pläne vorgestellt hat.

Und natürlich müsse er als OB fordern, dass "für die Siemensianer möglichst bald Klarheit über ihre Zukunft" herrsche. Keine Häppchen mehr also. Insgesamt aber sei seine Stimmung "gefasst": Immerhin habe der Konzern immer wieder beteuert, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Und dass an der 500-Millionen-Investition nicht zu rütteln sei, habe ihm die Konzernspitze erst kürzlich zugesichert.

Die 500 Millionen? Es gibt bereits Gewerkschafter, die diese Investition als "Teil einer Strategie" deuten, um geplante Stellenstreichungen zu kaschieren: "Wer sagt denn, dass diejenigen, die aus der Stadtmitte wegziehen, auch im Süden ankommen?", fragt einer. Wenn es so wäre, wenn Kündigungen ins Haus stünden, kündigt Erlangens IG-Metall-Chefin Silvia Heid schon mal an, "mit allen Mitteln dagegen zu kämpfen". Sie sieht sich durch die Entwicklung bestätigt: Die neuen Zahlen seien "ein Albtraum" - aber einer, vor dem man erst vor einer Woche gewarnt habe.