Energiekrise:"Sperrungen von Zählern sind das allerletzte Mittel"

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Energiekrise: Eine Gasheizung ist zum teuren Luxus geworden. In gerade einmal 16 Prozent der neuen Wohnhäuser werden noch Gasbrenner eingebaut.

Eine Gasheizung ist zum teuren Luxus geworden. In gerade einmal 16 Prozent der neuen Wohnhäuser werden noch Gasbrenner eingebaut.

(Foto: Bernd Weißbrod/dpa)

Die Energiepreise steigen drastisch, in Bayern rechnen Stadtwerke schon damit, dass bis zu zehn Prozent der Haushalte ihre Rechnungen bald nicht mehr begleichen können. Und dann?

Von Katja Auer, Sebastian Beck und Andreas Glas

Jürgen Fergg muss sparen, "jeden Cent mehrmals umdrehen, alle Ausgaben auf den Prüfstand stellen", so formuliert er das. Die aktuelle Lage, die Energiekrise, alles "ausgesprochen herausfordernd", sagt Fergg. Er hört sich an, wie sich zurzeit sehr viele Menschen anhören, die sich sorgen, dass sie ihre Strom- und Gasrechnungen nicht mehr zahlen können. Dabei gehört Fergg zu denen, die diese Rechnungen ausstellen. Er ist Marketingchef und Sprecher der Stadtwerke Augsburg. "Auch wir befinden uns in einer Krise nicht gekannten Ausmaßes", sagt Fergg. Immerhin, das stellt er klar: "Von Zahlungsschwierigkeiten gehen wir derzeit nicht aus."

Anderswo in Deutschland sind die ersten Stadtwerke bereits in finanzieller Not. Erste Alarmtöne kamen zuletzt aus Leipzig oder aus Bad Säckingen in Baden-Württemberg. Wer sich bei einigen Stadtwerken in Bayern umhört, bekommt zwar keine Panik zu spüren. Doch eine Garantie, dass Strom und Gas weiterhin fließen, kann auch dort niemand geben. Natürlich nicht.

"Wenn wir aus den Netzen keinen Strom oder kein Gas bekommen", dann werde es auch keinen Strom und kein Gas für Kundinnen und Kunden geben, sagt Jürgen Fergg - und fragt: "Wie sollte also eine solche Garantie aussehen?" Auch in Ingolstadt will man sich nicht festlegen, ob die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. "Die Wahrscheinlichkeit ist nicht Null, dass es knapp wird", lässt Stadtwerke-Sprecher Andreas Schmidt wissen.

Privatleute immerhin kann er halbwegs beruhigen, sie zählten zu den geschützten Kunden und würden weiterhin mit Energie versorgt. Da müsse "schon alles schieflaufen", dass sich das ändere. Zu den sogenannten ungeschützten Kunden hingegen zählten Unternehmen und wenn das Gas tatsächlich ausginge, dann gebe es eine "Abschaltreihenfolge", sagt Schmidt.

Eine Sperrung sei der "allerallerallerletzte Hebel"

Und was, wenn private Haushalte ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können? "Sperrungen von Zählern sind stets das allerletzte Mittel", teilt der Nürnberger Versorger N-Ergie mit. Für die Ingolstädter Stadtwerke ist es sogar der "allerallerallerletzte Hebel", Strom oder Gas abzustellen, sagt Sprecher Schmidt. Um diesen Hebel nicht ziehen zu müssen, haben die Stadtwerke Ingolstadt aus eigenen Mitteln einen Hilfsfonds aufgelegt. Außerdem arbeite man eng mit Schuldnerberatungen zusammen, um das Schlimmste von den Kundinnen und Kunden abzuwenden. Auch in Augsburg, Nürnberg und anderswo gibt es schon länger Hilfsangebote für Kunden, die Probleme haben, ihre Rechnungen zu zahlen. Außerdem bieten Stadtwerke in der Regel Ratenzahlungen an.

Steigt denn die Zahl derer, die nicht mehr zahlen können, bereits? "Unwesentlich", sagt Stadtwerke-Sprecher Fergg, derzeit liege die Ausfallquote in Augsburg unter einem Prozent. "Keine signifikante Erhöhung", teilen die Landshuter Stadtwerke auf Nachfrage mit. "Noch keine negative Entwicklung", heißt es beim Regensburger Grundversorger Rewag, an dem die Stadt zu knapp zwei Dritteln beteiligt ist. Auch eigene Zahlungsschwierigkeiten stünden "in keiner Weise im Raum". Also kein Grund zur Sorge? Nun ja. Dass es immer mehr unbezahlte Rechnungen geben wird, das erwarten praktisch alle Stadtwerke. In Augsburg rechnet man gar damit, dass die Ausfallquote bis zum Jahresende auf bis zu zehn Prozent steigt.

Anders herum betrachtet bedeutet das allerdings auch: "95 Prozent der Haushaltskunden werden das zahlen können und auch müssen", sagt Detlef Fischer, der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). "Es darf im Land nicht die Stimmung entstehen, dass man nicht zahlt, weil der Staat dann schon hilft."

Den Vorschlag eines Energiepreisdeckels sieht man in Nürnberg skeptisch

Ob ein Energiepreisdeckel nun die Lösung sein könnte? Hier gehen die Meinungen auseinander. Während man sich in Ingolstadt, Würzburg, Regensburg und Landshut mit einer Bewertung eher noch zurückhält, gibt man sich in Nürnberg skeptisch. Grundsätzlich halte man Eingriffe in den Markt "nicht für das geeignetste Mittel zur notwendigen Entlastung von Haushalten und Unternehmen", teilt N-Ergie mit und fordert stattdessen Hilfsangebote "für besonders Betroffene" und Steuersenkungen. Keinesfalls dürfe ein Preisdeckel von den Stadtwerken finanziert werden, die sonst "selbst in ernsthafte wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten" könnten. Aus Augsburg heißt es dagegen, man würde einen Preisdeckel "unterstützen".

VBEW-Geschäftsführer Fischer spricht sich ebenfalls für Steuererleichterungen aus. Er schlägt vor, dass die Mehrwertsteuer nicht nur für Gas, sondern auch für Strom gesenkt werden solle. Die Stromsteuer müsse ebenfalls runter - von 2,05 Cent pro Kilowattstunde auf das europäische Mindestmaß von 0,1 Cent pro Kilowattstunde. Außerdem seien die EEG-Konten bei den Betreibern der Übertragungsnetze gut gefüllt: Dort lägen 18 Milliarden Euro aus der Umlage, die nach Ansicht von Fischer an die Kunden zurückerstattet werden könnten. Damit ließe sich der Strompreis um fünf bis sieben Cent pro Kilowattstunde senken.

Trotz all der Vorschläge - sicher ist derzeit eigentlich nur eines: Die Preise steigen. In Ingolstadt etwa hat sich der Gaspreis bei den Stadtwerken verdreifacht, der Preis für Strom sei um 40 Prozent gestiegen. Viele öffentliche Energieversorger werden ihre Strom- und Gaspreise demnächst erneut erhöhen - und zwar kräftig. In Augsburg, nur als Beispiel, wird der Strompreis in der Grundversorgung zum 1. Oktober um rund zwölf Prozent klettern, der Gaspreis zum 1. November um 67,5 Prozent.

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