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Stadtplanung:Ein Überflieger sieht genau hin

Fotograf Oliver Acker dokumentiert mit Luftbildaufnahmen Nürnbergs Wandel. Die verblüffende Dynamik lässt sich in seinem neuen Buch anschaulich nachvollziehen

Vor zehn Jahren hat der Luftbildfotograf Oliver Acker die Flugzeugtür aus einer Cessna ausgebaut und seither weiß nicht nur er, wie Nürnberg aus dem Blickwinkel eines Zugvogels ausschaut. Nun sind Fotografien aus der Luft seit der Erfindung der Drohne nichts wirklich Besonderes mehr. Aber wer vor drei Jahren Ackers "Nürnberg-Buch" in den Händen hielt, der zweifelte danach nicht mehr, dass Aufnahmen aus bis zu 3500 Metern Höhe Facetten der Welt zu dokumentieren vermögen, die Drohnenknipser so kaum zutage bringen würden. Der Plärrer, dieser bestenfalls unwirtliche Verkehrsknotenpunkt im Nürnberger Zentrum? Aus Ackers Perspektive schaut er aus wie eine geheimnisvoll schimmernde geometrische Figur, ein ästhetischer Place to be.

Seinen 2019 im Selbstverlag erschienenen Band "Das Luftbild-Buch - Teil 2" darf Acker seit Freitag auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt feilbieten. Und man wird sich nicht wundern dürfen, dass er vor allem Einheimische damit fasziniert. Acker zeigt in diesem neuen Buch nicht nur, wie sich exponierte Orte der Stadt innerhalb der Jahreszeiten verändern. Er dokumentiert vor allem die zum Teil rasante Veränderung, der Nürnberg in den vergangenen Jahren unterliegt. Hauptberuflich ist Acker in der Immobilienbranche tätig, dass der Ballungsraum Nürnberg in jener lange als - verglichen mit dem Süden Bayerns - günstiges Pflaster für Investitionen galt, weiß er aus eigener Anschauung.

Die Dynamik des Wandels aber verblüfft selbst ihn als Fachmann. Verfolge er etwa die Arbeit der fünf Baukräne am Hauptbahnhof aus der Luft, so denke er bisweilen an eine ebenso riesenhafte wie rasante Choreografie, sagt er. Dort wird derzeit ein ehemaliges Postareal überbaut, ein robuster Eingriff. Verglichen mit sämtlichen Veränderungen in der Bahnhofsumgebung ist der freilich noch überschaubar. Die Bahnhofstraße hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Magistrale für Hotelketten-Monokultur entwickelt. Schön sind diese Neubauten nicht, des boomenden Städtetourismus wegen aber gilt die Straße als Fortschritt. An Bettenkapazität mangelt's in Nürnberg jedenfalls nicht mehr.

So zackig die kulissenhaft anmutende Bahnachse in die Höhe geschossen ist, so langsam vollzog sich der Wandel im letzten unbebauten Großareal in Nürnbergs Altstadt, dem Augustinerhof. Dies aber deshalb, weil der ehemalige Klosterhof über Jahrzehnte in den Fokus lokalpolitischer Händel geriet. In den Siebzigerjahren zog dort eine Druckerei weg, nachdem die historischen Gebäude der ehemaligen Klosteranlage bereits im 19. Jahrhundert abgerissen worden waren. Als dann der aus Franken stammende Großarchitekt Helmut Jahn einen bewussten Kontrapunkt zur Altstadtbebauung präsentierte, schien eine glänzende Zukunft des historischen Hofes ausgemachte Sache zu sein. Nürnberger Altstadtfreunde aber machten mobil gegen den Glasbau, Jahns Entwurf ähnele einer "aufgeplatzten Bratwurst". Mit Erfolg, wenn man so will: 1996 lehnten Nürnbergs Bürger die Pläne ab, danach verfiel das exponierte Gelände an der Pegnitz erneut in einen jahrzehntelangen Dämmerzustand.

Im Juli 2013, als Acker den Status quo zum vorerst letzten Mal dokumentierte, sieht man einen Parkplatz, gleich dahinter die bunten Schirme der Gemüsehändler auf dem Hauptmarkt. Das zweite Bild, aufgenommen im Juni 2019, hat inzwischen auch schon dokumentarischen Wert. Die markante Außenhülle des derzeit entstehenden Komplexes - bestehend aus einem Hotel und der Dependance des Deutschen Museums - ist weithin fertig. Sie ist nicht transparent wie die von Jahn geplante, setzt aber ebenfalls einen hell schimmernden Kontrapunkt zwischen die Altstadtfassaden. Auch das sorgt, wie nicht anders zu erwarten war, für Debatten. Verglichen mit dem Zwist um die aufgeplatzte Bratwurst fallen diese aber äußerst moderat aus.

Auch außerhalb der Altstadt verändert sich die Stadt markant. An der Fürther Straße etwa. Man darf gespannt sein, wie die geplanten Eingriffe ins AEG- und Quelle-Areal einmal aus der Luft aussehen werden, Oliver Acker wird das gewiss dokumentieren. Vorerst macht der mächtige Neubau des IT-Dienstleisters Datev Staunen. Auch diese Baustelle war heikel, immerhin gilt der Justizpalast - gleich gegenüber gelegen - seit der Eröffnung des Memoriums Nürnberger Prozesse als touristisch relevant. Seit der Eröffnung des 42 000 Quadratmeter großen Neubaus für 1800 Mitarbeiter sind die Skeptiker aber verstummt.

Ähnlich ist das auf einem früheren Gelände der Tucher-Brauerei im Nürnberger Norden. Dort wurde ein ganzes Wohnviertel um einen historischen Speicherturm herum gebaut, ein Wahrzeichen der Nordstadt aus dem Jahr 1899. Keine gesichtslosen Bauten aber entstanden, das neue Viertel wird inzwischen sogar von Flaneuren genutzt. Architektur kann auch gelingen.