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Stadtentwicklung:"Ein Fehler kann sofort 50 Jahre Stadtentwicklung kaputt machen"

Für Klotz ist Traunreuts Kern aus zwei Gründen tot. Als ersten nennt er das Einkaufszentrum "Traunpassagen", es steht 500 Meter weiter im Norden. Zu weit. Die Leute fahren zum Shoppen lieber dorthin, der Parkplatz ist voll. "Statt das in die Innenstadt zu bauen, hat man die Innenstadt neu gebaut." Klotz zweiter Grund steht seit ein paar Jahren an der Stadtgrenze, die Filiale eines großen Verbrauchermarktes. Dort gibt es alles, was man braucht, Lebensmittel, Haushaltswaren, Kleidung. "Das war der Sargnagel für Traunreut", sagt Klotz.

Tatsächlich warnte 2013 die Regierung von Oberbayern, es bestünden "erhebliche Bedenken gegen die Ansiedlung" eines Verbrauchermarktes", da "dies zu einer Schwächung der innerstädtischen Versorgungsbereiche führen könnte". Die Regierung empfahl der Stadt, das Vorhaben noch mal zu prüfen. Trotzdem stimmte eine Mehrheit der Traunreuter per Bürgerentscheid für das Projekt.

Anruf im Rathaus. Bürgermeister Klaus Ritter (Freie Wähler) sagt: "Wir sind dabei, das Innenstadtproblem zu lösen." Zum Beispiel habe man mit den Planungen für eine neue Anlage mitten in der Stadt begonnen. 6000 Quadratmeter soll sie groß werden, eine Kombination aus Handel und Wohnungen. "So etwas ist gefragt." Auch die Kantstraße werde verschönert und die Ladenpassage so attraktiver. "Viele Städte haben verstanden, dass sie für den Innenstadthandel etwas tun müssen", sagt Ritter. Bei diesem Prozess "sind wir schon mitten drin". Die Umsetzung sei aber schwierig. Fördermittel müssten beantragt, Bürger von neuen Ideen überzeugt werden.

Klotz fährt weiter. Den Betreibern der Fachmärkte macht er keinen Vorwurf, ihr Geschäftsmodell ist ja durchdacht. Vorwürfe macht er der Politik. Er stoppt in Waging, wo man "bislang alles richtig gemacht" habe, nur wolle man jetzt ein Fachmarktzentrum auf der grünen Wiese bauen und die Fehler anderer Gemeinden wiederholen. Dabei gäbe es zu jedem Projekt Gutachten. Dort stünde oft drin, welche Folgen drohten. "Aber entweder die Gemeinderäte lesen die Gutachten nicht - oder sie verstehen sie nicht." Wie auch, als Laien. Stattdessen glaubten sie lieber den Versprechungen eines Investors.

Auch in Waging gab es einen Bürgerentscheid pro Fachmarktzentrum. Auch in Waging meldete die Regierung von Oberbayern Bedenken an, ebenso die Handwerkskammer oder die Nachbargemeinde Teisendorf, die einen Kaufkraftabfluss befürchtet. Ob gebaut wird, ist offen. Klar ist, dass Gesprächsbedarf besteht, überall in Bayern. Laut einer Studie des Wirtschaftsministeriums tritt dauerhafter Leerstand in Innenstädten nur vereinzelt auf; trotzdem sehen viele Gemeinden in der "Sicherung von Einzelhandelsbetrieben im Stadt- bzw. Ortszentrum" die zentrale Herausforderung. Nur wie die zu meistern ist, das ist die Frage. Jeder Ortskern ist anders, jede Lösung individuell. Klotz findet, schon mit sauberen Straßen und kostenlosen Parkplätzen sei mancherorts etwas gewonnen. Außerdem müsse die Staatsregierung das Landesentwicklungsprogramm überarbeiten; die Gemeinden dürften nicht mehr so viel Spielraum haben, um Gewerbegebiete auszuweisen.

Klotz parkt in Bad Reichenhall. Die Innenstadt ist gut besucht, den Touristen sei Dank. Durch die Straßen ziehen sich künstliche Bäche und Blumenbeete. Fast mediterran. Klotz strahlt: So muss das sein. Aber es gibt einen Schönheitsfehler. In einer Nebenstraße stehen Läden leer. Klotz sagt, vor anderthalb Jahren habe außerhalb ein Fachmarktzentrum auf-, kurz danach ein paar Unternehmer zugemacht. "Ein Fehler kann sofort 50 Jahre Stadtentwicklung kaputt machen."

© SZ vom 02.10.2017/axi
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