Was ist der erste Gedanke zu Victor Hugo? Vielleicht „Der Glöckner von Notre-Dame“. Vielleicht auch „Les Misérables“, auf diesem Roman beruht immerhin das gleichnamige Musical. Aber „Der lachende Mann“ (L’ homme qui rit“)? Der Roman, der 1869 erschien, ist nicht Hugos berühmtestes Werk, allzu viele dürften ihn nicht auf dem Schirm haben. Was einem aber sicher nicht zwingend einfällt, denkt man an den französischen Dichter der Romantik, ist eine Castingshow à la DSDS.
Dem Regisseur Armin Petras allerdings schon. Am Staatstheater Augsburg hat er den ausschweifenden, mehrere Hundert Seiten dicken Roman auf die Bühne gebracht – äußerst verknappt als ersten Teil seiner Inszenierung. Der zweite Teil ist dann eine Musik-Casting-Show, in der Superhelden- und Superstar-Imitatoren auftreten. Eine eigenwillige Verknüpfung. Worum es geht? Erst einmal: The Show Must Go On. Die Bitterkeit, die dieser Botschaft innewohnt, lässt den Abend ein nüchtern-trauriges Resümee zur Schauspielkunst werden.

Spielzeit 2025/26 am Staatstheater Augsburg:Von Büchner bis zu Monty Python
Das Staatstheater Augsburg hat sich in der Spielzeit 2025/26 „allerhand“ vorgenommen – von Klassikern über ein Joker-Spektakel bis zum Rittermusical „Spamalot“.
Aber zunächst zum ersten Teil, zu „Der lachende Mann“, der Ende des 17. Jahrhunderts in England spielt. Hauptfigur ist Gwynplaine, ein Junge, der ausgesetzt wird, sich durch Schnee und Eis durchschlägt und Zuflucht beim Gaukler Ursus und seinem Wolf Homo findet. Auf seinem Weg dorthin rettet er ein Baby, das fortan Dea genannt wird. Sie ist blind, Gwynplaine selbst verunstaltet: Ihm wurde ein ewiges Lachen ins Gesicht geschnitten. Gwynplaine wird im fahrenden Volk eine Attraktion, doch irgendwann wird er als der Sohn eines Lords erkannt. König Jacob II. ließ diesen töten, seinen Sohn zur Verhöhnung des Vaters verunstalten. Die jetzige Königin Anne bestimmt nun, dass er – als eine Art Wiedergutmachung – ihre Schwester Josiana heiratet. Doch Gwynplaine und Dea lieben sich, die königliche Entscheidung bedeutet ihre Trennung. Am Ende in Victor Hugos Roman sterben die beiden auf der Flucht.
Bei Armin Petras sterben sie nicht. Aber das ist eigentlich auch egal, denn dem Regisseur geht es ohnehin nicht darum, die Geschichte nachvollziehbar zu erzählen. Vielmehr denkt er in Bildern. Das kann man sich in etwa so vorstellen, als wären die lebendigen Passagen in Hugos Roman illustriert, das Dazwischen fehlt. Wer den Text nicht kennt, muss sich den Inhalt eben aus den kurzen Szenen zusammenreimen.
Peta Schickart hat auf die Brechtbühne eine steile, bühnenfüllende Rampe bauen lassen. Eingelassen ist reliefartig ein Gauklerwagen mit einer Klappe. Zuerst tritt eine düstere Gruppe auf, die chorisch die Kindheitsgeschichte von Gwynplaine skizziert. Wenn sie nach wenigen Minuten abtritt, ist man bei Victor Hugo schon am Ende des ersten Bandes von insgesamt vier angelangt. Sofort stolpern Gwynplaine und Dea über die Szenerie, zitternd gelangen sie am Wagen an, klopfen an der Klappe. Sie öffnet sich, Ursus taucht auf, am Rand räkelt sich Homo.

Was dann eineinhalb Stunden lang zu sehen ist, ist Theater, das sich anfühlt wie aus einem vorigen Jahrhundert. Es dominiert der expressive Sprechgestus, laut, überbetont, die Nerven strapazierend. Der Text ist indes nicht so poetisch, als dass er diese Setzung verdiente. Passend dazu gibt es barockisierende Kostüme (Annette Riedel), die man sehr genau anschauen kann, weil sich die Figuren großteils spärlich bewegen. Zeitlich ist man also absolut zurückversetzt.
Die besten Voraussetzungen sind das nicht für einen Theaterabend: Der Inhalt erschließt sich kaum selbst, das Ensemble deklamiert. Gut nur, dass Petras ein Bilderkünstler ist, dass er Stimmungen erzeugen kann, denn hinschauen tut man trotzdem gern. Patrick Rupar als Gwynplaine schafft es zu zeigen, zart und unaufdringlich, wie groß die Not ist, das Elend stets von einem Lachen übermalt zu wissen. Jenny Langner ist als Homo unverwüstlich in ihrer patzigen, biegsamen Komik und Ute Fiedler die perfekt kalte Ausgabe einer Märchenkönigin.
Kaum hat man sich an sie gewöhnt, ist aber Pause, was folgt, ist eine Castingshow. Die Kombattanten sind als Stars oder Superhelden verkleidet. Der Link: Der DC-Bösewicht Joker geht auf Hugos Gwynplaine zurück. Mehdi Salim gibt eine Ein-Mann-Jury, eine lustige Mischung, die sich als queerer Marktschreier mit Hip-Hop-Attüde beschreiben lässt. Ab und zu singt jemand was, Janis Joplin, Bonnie Taylor, Britney Spears, Elvis, Annie Lennox. Und ab und zu rutscht einem ein privates Skandälchen heraus, das den Voyeurismus der Show bedient.

Die Überzeichnung ist gespickt mit schönen Details wie Katja Sieders zugedröhnte Janis Joplin oder Sebastian Müller-Stahls geerdeter Berliner Hulk. Anni Molke singt ein wunderschönes Björk-Duett mit Patrick Rupar und darf sonst gefährlich als Harley Quinn den Baseballschläger schwingen. Das Ende ist ein gemeinsames Finale mit Elbows „One Day Like This“, im Hintergrund sind Kriegs- und Katastrophenbilder zu sehen. Warum auch immer.
Im Grunde erschließt sich den ganzen Abend über nicht, was die Einzelteile sollen, wo die Dringlichkeit liegt. Dazu benötigt es eine Distanz: Das fahrende Volk, die Komödianten, die heutigen Showgäste, sie alle dienen der Unterhaltung, dienen dem Schein, verbergen das Sein. Erfolgreich ist, wer bietet, was das Publikum will. Armin Petras scheint den eigenen Beruf hier mitzudenken, nicht umsonst ist der Abend artifiziell, um das Schauspiel als solches sichtbar zu machen.
Das ist alles so wahr wie traurig, wie selbstbezogen, wie evident. Der Gaukler von gestern ist der DSDS-Teilnehmer von heute. Was bleibt, ist die Show. Und die geht, getaucht in Glitzer-Tristesse, auch an diesem Abend weiter. Und zieht vorbei.

