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Spurensuche:Föhr identifiziert sich mit Kommissar Wallner

Im Auto fällt Föhr ohnehin viel ein; auch beim Duschen prasseln die Ideen, oder beim Bergsteigen: "Nicht beim Raufgehen, da ringe ich eher mit der Luft, aber beim Runtergehen." Sehr oft wandere er allerdings nicht mehr, gesteht Föhr. Außerdem recherchiert er viel im Internet - Google Earth sei "sehr praktisch"; damit hat er zum Beispiel das Ringbergschloss bei Kreuth erkundet, Schauplatz einer weiteren irrwitzigen Maibaum-Szene.

Ein kurzer Stopp im Wald, die Journalistin zieht ein Halstuch aus dem Rucksack. "Ist Ihnen kalt?", fragt Föhr besorgt und erklärt, ohne die Antwort abzuwarten: "Mir ist grundsätzlich kalt!" Ein Satz, bei dem Föhrs Leser vermutlich kichern: Schließlich ist sein Kommissar Wallner dafür berühmt, selbst bei Sommerwetter noch in der Daunenjacke dazusitzen. "Das hat autobiografische Züge", gibt Föhr denn auch sofort zu. Dass sich der studierte Jurist, der seine Sätze druckreif auf Hochdeutsch formuliert, eher mit dem überkorrekten Wallner als dem bayerischen Urviech Kreuthner identifizieren kann, wirkt insgesamt nicht gerade überraschend.

Zur Person

Wer Jura studiert, bekommt damit viel Material für Kriminalromane frei Haus geliefert. Rechtsanwalt Andreas Föhr, 1958 im Allgäu geboren und am Tegernsee aufgewachsen, machte sich Anfang der Neunzigerjahre als Autor selbständig und schrieb zunächst Drehbücher für TV-Serien wie "Der Bulle von Tölz". 2009 begann er mit "Der Prinzessinnenmörder" - ausgezeichnet mit dem Friedrich-Glauser-Preis - eine Krimi-Serie mit Kommissar Clemens Wallner und Polizeiobermeister Leonhard Kreuthner, die am Tegernsee spielt; sechs Krimis, zuletzt 2015 "Wolfsschlucht", sind in dieser Reihe bisher erschienen. Jüngst hat Föhr mit "Eisenberg" zusätzlich eine Anwalts-Serie gestartet, die in München spielt. Verbrechen zahlt sich für ihn jedenfalls aus: Seine Tegernsee-Krimis haben bereits eine Gesamtauflage von rund einer Million Exemplare erreicht.

Weiter geht der Weg durch den Wald, bis der sich zu einer Wiese öffnet, auf der eine Holzhütte mit Bergblick steht. Hätte die arme Bianca aus dem Krimi hier festgehalten werden können? Durchaus, urteilt Föhr und deutet auf die kleinen Fenster: "Die sind bei den Hütten durch Eisenstäbe oft einbruchsicher." Ist Bianca nicht aber durch ein Loch in der Hüttenwand entkommen? "Bei Altbauten gibt es immer seltsame Dinge, die man sich nicht erklären kann - ich muss es ja wissen, ich habe es geschrieben!"

Und so weiß Föhr auch, wie solch eine Flucht in finsterer Nacht weitergehen kann - obwohl er selbst hier noch keine Nacht verbracht hat und bei der Frage etwas erschreckt guckt. Bianca jedenfalls rennt von der Hütte in Richtung Wolfsschlucht, um ihren Entführer und dessen Husky hinter sich zu lassen. Doch es kommt noch ärger: Ein Wolf taucht auf, "damals wurde hier tatsächlich einer gesehen", sagt Föhr. Das alles ist schlimm genug, doch im Roman fängt es auch noch an zu regnen - sehr gefährlich, weil Bianca nun versucht, die Felsen der Blauberge hochzuklettern. "Das ist glitschig und steil", sagt Föhr und deutet auf die Felswände: "Jedes Jahr stürzen hier Menschen ab. Das prominenteste Opfer ist das Marei vom ,Brandner Kaspar', das bei einem Gewitter in der Wolfsschlucht umkommt."

Angesichts von so viel Unheil ist eine Pause angebracht, und glücklicherweise geht an diesem Tag die einzige Gefahr von ein paar Kindern aus, die ein grasendes Kalb streicheln wollen. Von der Hütte aus kann man sich das ruhigen Blutes ansehen; Föhr sitzt jetzt dort auf einer Bank und erinnert sich an seine Anfänge. Der Anwalt für Patent- und Urheberrecht begann in den Neunzigerjahren zunächst, mit einem Freund zusammen Drehbücher für Serien wie "Der Bulle von Tölz" oder "Die Rosenheim-Cops" zu schreiben; viele dieser Serien würden übrigens am Tegernsee gedreht, erzählt er, zum Beispiel bei Gut Kaltenbrunn am Nordende, für ihn einer der schönsten Plätze am Tegernsee. Das Drehbuchgeschäft sei jedoch zunehmend "mühsam geworden", sagt der 58-Jährige: "Ich bin froh, dass ich im Moment sehr gut von meinen Romanen leben kann."

Wie sich Föhrs Krimis von der Regio-Massenware abheben

Die Idee zum ersten Buch "Der Prinzessinnenmörder" reifte in Föhr über mehrere Jahre hinweg. 2008 kam es heraus, erhielt sogleich den Friedrich-Glauser-Preis und profitierte natürlich auch vom Boom der Regionalkrimis. Bei diesem Label windet sich Föhr allerdings; er wollte einfach einen Krimi schreiben, sagt er, und ihn "dort spielen lassen, wo ich mich auskenne".

Tatsächlich heben sich Föhrs Krimis von der Regio-Massenware wohltuend ab: Er liefert sorgfältig konstruierte, komplexe Plots - "manchmal vielleicht eine Umdrehung zu viel", gibt er zu -, die mit süffigen Dialogen von gut wiedererkennbaren Typen belebt werden. Einen Roman pro Jahr schreibt Föhr, für zwei weitere Wallner/Kreuthner-Krimis hat er bereits Verlagsverträge. Auf keinen Fall sollen die Bücher aber, wie bei anderen solcher Krimiserien, "immer humoriger werden: Das Verbrechen muss im Vordergrund stehen".

Um dem Verbrechen noch mehr zu frönen, hat Föhr gerade eine neue Serienheldin erfunden, von der er nach dem Abstieg bei einer Suppe in Siebenhütten erzählt. Es ist eine Münchner Anwältin, die in "Eisenberg" mit Morden an Frauen konfrontiert wird - und mit dem eigenen Ex-Freund, den sie als Verdächtigen verteidigen soll. Ein schwieriger Fall, denn er verhandelt die große Frage: Kann man einem Menschen jemals seine Unschuld glauben?

"Das Thema Psychopathen hat mich schon immer sehr fasziniert", sagt der Autor dazu, wie auch das Thema Nationalsozialismus, das seinen Wallner-Krimi "Totensonntag" prägte. Was die Serienmörder angehe, sagt Föhr und löffelt ungerührt weiter Suppe, so sei es ja gang und gäbe, dass brave Familienväter zehn Frauen umbrächten, ohne dass jemand etwas merke. Natürlich sei das eine Ausnahme: "Ich glaube, dass die wenigsten Menschen in der Lage wären, jemanden umzubringen", sagt er. Es soll wohl beruhigend klingen.

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