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Sprachwissenschaft:"Mir gehen heute Kirchen"

Blaue Silhouetten von Bergen Ausblick über Berchtesgadener Alpen hinten Loferer Steinberge Bercht

Ausblick über die Berchtesgadener Alpen, hinten sind die Loferer Steinberge zu sehen. Eine einsame alpine Landschaft, in der die deutsche Sprache aber laut wissenschaftlichen Untersuchungen eine deutliche Prägung erfahren hat.

(Foto: Imago)

Sprechen ohne Präposition ist keineswegs eine Erfindung junger Kiezbewohner. Ein Band über Alpindeutsch verblüfft mit Einsichten in die traditionelle Sprache

Das starke Einsickern englischer Wörter in die deutsche Sprache wird aus mancher Ecke heftig beklagt. Umgekehrt fanden aber auch deutsche Wörter Eingang in die Weltsprache Englisch, natürlich in bescheidenem Umfang. Immerhin gelten manche dieser Wörter bereits als Klassiker des Englischen, beispielsweise Blitzkrieg, Bratwurst und Kindergarten. Auch aus der Bergwelt hat sich das Englische deutsche Sehnsuchtswörter einverleibt, etwa Alphorn, Wanderlust und Alpenglow (Alpenglühen). Schon deshalb gebührt der Johann-Andreas-Schmeller-Gesellschaft ein Lob, hat sie doch ihr aktuelles Jahrbuch der deutschen Sprache im Alpenraum gewidmet. Diesem Phänomen wurde bislang wenig Beachtung geschenkt, obwohl es viel Überraschendes über unser Sprechen sowie über unser kulturelles Selbstverständnis enthält.

In der Einleitung des Bandes verweisen die Autoren auf das Verb "to abseil", das als deutsches Lehnwort in englischsprachigen Kletterführern auftaucht und, leicht zu merken, den Vorgang des Abseilens beschreibt. Es gibt noch eine Reihe von anderen Wörtern des Alpinismus, die in andere Sprachen entlehnt wurden. Darüber hinaus gibt es aber auch binnensprachliche Entlehnungen. In der Bergsteigerzeitschrift Alpin war folgender Satz zu lesen: "Auf blanken Gletschern wird das nicht nötig sein, denn apere Spalten sieht man und kann ihnen ausweichen." Diese Verwendung von aper für schneefrei belegt, dass das im Lateinischen wurzelnde Dialektwort aper nun als Terminus technicus Eingang in die Schriftsprache gefunden hat.

Unter dem Titel "Alpindeutsch" beleuchten die Beiträge im Jahrbuch Charakteristika und regionale Ausprägungen des Deutschen im Alpenraum. Der thematische Rahmen ist weit gesteckt: Er reicht von den bairischen Sprachinseln in Oberitalien über narrative Muster in Bergtourenberichten und die Interpretation von Bergnamen bis zum richtigen Grüßen auf dem Berg, einem auch in der SZ schon intensiv abgehandelten Thema, das ganze Internet-Foren beschäftigt. Lösungsansätze reichen von einer Aussage des Alpenvereins, dass ab 1300 Meter Höhe ein beiläufiges Nicken mit einem kurzen Blickkontakt angesagt sei, während sich oberhalb von 1800 Metern ein Gruß in Mundart gehöre. Laut dem Rucksackradio des BR ist dagegen das joviale Servus ausschließlich angezeigt in Fällen landsmannschaftlicher Übereinstimmung mit dem Grußpartner. Gruppen sind demnach in Nähe zu Talorten oder Seilbahnstationen nicht zu grüßen.

Interessant ist auch die These, wonach das Grußverhalten von Berggehern umso dialektaler wird, je höher die Lage ist. In Textsorten wie den Gipfelbüchern aber ist die Dialektverschriftung umso seltener, je höher und unzugänglicher die Gipfel sind. Anders ausgedrückt: In Gipfelbüchern schwer zugänglicher hochalpiner Gipfel überwiegt die schnörkellose standardsprachliche Information.

Mithilfe des sogenannten Kühlschrankeffekts wird ein einleuchtendes Phänomen beschrieben: Je höher eine Sprachinsel liegt, desto stärker werden die sprachlichen Eigenheiten konserviert. Deshalb werden die konservativsten Dialekte im deutschen Sprachraum in abgelegenen Alpenregionen gesprochen, wo sich zum Teil noch Reste des Mittelhochdeutschen bewahrt haben, der Sprache des 12. Jahrhunderts. Solche Sprachinseln gibt es in den Alpen noch ziemlich viele, etwa die Zimbern und die Fersentaler in Oberitalien sowie die Plodern, eine alpindeutsche Sprachsiedlung in den Karnischen Alpen.

Die Autoren ziehen das erstaunliche Resümee, das heutige Deutsch habe seine deutlichste Prägung in oder an den Alpen erhalten. Dass wir heute in der Standardsprache Apfel statt Appel, Wasser statt Water, Zeit statt Tide, Haus statt Hus sagen, führen sie als prägnante Belege dafür an. Der alpine Sprachraum erfüllte nicht nur eine sprachkonservative Funktion, sondern diente ebenso als Motor für sprachliche Neuerungen.

Eine Bestätigung liefert eine verblüffende Übereinstimmung zur Moderne. Hinter den geschraubt klingenden "präpositionslosen Direktionalen im Tirolerischen" verbirgt sich das Phänomen der Abwesenheit der in der Standardsprache erforderlichen Präpositionen. "Der geht schon Schul" oder "Mir gehen heute Kirchen" sagen die dortigen Menschen. Sie sprechen also ähnlich, wie es Jugendliche im Kiezdeutsch tun. Die Behauptung, dies sei eine Innovation des Kiezdeutschen ist deshalb Unsinn. Das tirolerische Alpindeutsch hat diese Option schon längst entwickelt und wird seit jeher verwendet von älteren Menschen, die weit entfernt sind vom Jugendslang.

Abgerundet wird der Band durch eine Untersuchung über Kuhnamen im Alpenraum, basierend auf der Datenbank der Zentralen Arbeitsgemeinschaft österreichischer Rinderzüchter. Wenig überraschend ist, dass der Name Alma einsam an der Spitze der Frequenzabfrage steht.

Alpindeutsch. Einfluss und Verwendung des Deutschen im alpinen Raum. Hrsg. von Nicole Eller-Wildfeuer, Paul Rössler und Alfred Wildfeuer. Edition Vulpes, Regensburg 2018, 268 Seiten.