Schier unzählige Diskussionsforen, eine Machbarkeitsstudie und ein Abstimmungsmarathon in 76 Kommunen: Seit gut vier Jahren haben sie im unterfränkischen Spessart mit unglaublicher Energie auf die Ausweisung eines weitläufigen Biosphärenreservats hingearbeitet. An vorderster Front die Landräte Alexander Legler (CSU, Landkreis Aschaffenburg), Jens Marco Scherf (Grüne, Landkreis Miltenberg) und Sabine Sitter (CSU, Landkreis Main-Spessart) und der OB der Stadt Aschaffenburg, Jürgen Herzing (SPD).
Die Kommunalpolitiker wollten mit dem Projekt nicht nur die einmaligen, zum Teil sehr alten Eichen- und Buchenwälder in der Region schützen. Sondern außerdem etwas dafür tun, dass der Spessart wirtschaftlich und sozial in eine gute Zukunft geht. Denn in so einem Biosphärenreservat geht es ja nicht nur um Naturschutz. Sondern um die Förderung einer besonderen Kulturlandschaft, also eben auch der lokalen Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens. Experten wie der inzwischen verstorbene Biologe und Landschaftsökologe Hansjörg Küster sprachen sich deshalb klar für die Pläne aus.

Nun kommt die Absage des Biosphärenreservats – und zwar ebenso plötzlich wie unerwartet. Anfang der Woche konstatierte der Aschaffenburger CSU-Landrat Legler nüchtern in einer Erklärung, „dass die notwendigen Voraussetzungen für die Weiterführung des Prozesses gegenwärtig nicht vorliegen“. In der Lokalzeitung Main Echo, die zuerst darüber berichtete, wurde das gleich als Anfang vom Ende des Biosphärenreservats verstanden.
Lokale Beobachter wie der Spessarter Bund-Naturschutz-Mann Steffen Scharrer teilen die Einschätzung. Zumal sich der lokale CSU-Landtagsabgeordnete Thorsten Schwab, Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU), die in der Spessart-Gemeinde Weibersbrunn daheim ist, und Forstministerin Michaela Kaniber (ebenfalls CSU) am Rande einer Veranstaltung ähnlich äußerten.

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Außerdem kursiert in den sozialen Medien ein Clip, in dem der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Hoffmann, und der CSU-Landtagsabgeordnete Martin Stock, die beide im Landkreis Miltenberg leben, mit Miltenberger CSU-Lokalpolitikern ebenfalls offen das Ende des Projekts einfordern. Es sei ein „tolles Angebot“ an die Region gewesen, so der Tenor der vier. Aber es fehle an den Voraussetzungen dafür. Zudem habe man in zahlreichen Bürgergesprächen festgestellt, dass das Projekt nicht so ziehe und andere Themen Vorrang hätten.
Der Beifall aus München kam prompt. Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger (Freie Wähler), der ein erklärter Gegner der Biosphärenreservat-Pläne ist, konstatierte postwendend: „Ich bin froh, dass diese Fehlentwicklung nun offensichtlich endgültig vom Tisch ist. Eine nachhaltige Nutzung schützt den Wald im Spessart besser als ein Biosphärenreservat.“
Aiwanger hat seine Ablehnung der Pläne immer offen zur Schau gestellt. Vor ziemlich genau einem Jahr etwa polemisierte er bei einem Besuch in der Region heftig gegen das Projekt. Er sprach von einer „Schnapsidee“ von „Ideologen“ und Mainstream-Politikern. Die Initiative nannte er „ein totes Pferd, das man auf keinen Fall weiterreiten“ dürfe.

Offizieller Hintergrund der Absage sind die Probleme, die es aktuell bei der Erfüllung der formalen Anforderungen an ein Biosphärenreservat im Spessart gibt. Allen voran bei der Ausweisung der Kernzone, in der der Naturschutz absoluten Vorrang hat und in der jeder menschliche Eingriff unterbleibt. Anders als in einem Nationalpark, in dem sie 75 Prozent der Fläche umfassen muss, müssen in einem Biosphärenreservat dafür nur drei Prozent zur Verfügung gestellt werden. Im Spessart mit seinen insgesamt etwa 170 000 Hektar Fläche wären das gut 5000 Hektar Wald.
Zwar ist das denkbar wenig. Aber – zumindest bisher – ist unklar, woher die 5000 Hektar Kernzone kommen sollen. Der Freistaat als weitaus größter Waldbesitzer im Spessart hat von Anbeginn klargemacht, dass er über die bereits ausgewiesenen Naturwälder hinaus keine weiteren Wälder dafür zur Verfügung stellen werde. Es gibt sogar einen entsprechenden Beschluss des Landtags. Vom Freistaat wären deshalb nur etwa tausend Hektar für die Kernzone zu erwarten.
Wälder in Privateigentum sind für eine Kernzone grundsätzlich tabu, außer der Besitzer käme von sich aus auf die Idee, sie dafür abzugeben. Das ist nicht zu erwarten. Und die Spessart-Kommunen, die zum großen Teil selbst Waldbesitzer sind, wollen bislang ebenfalls nur etwa tausend Hektar in das Biosphärenreservat einbringen. Bleibt also eine Lücke von 3000 Hektar. „Damit sind aber die Pläne nicht realisierbar“, sagte der CSU-Landtagsabgeordnete Schwab.

Naturschutz:"Das Biosphärenreservat Spessart ist ein großartiger Plan"
Der Biologe und Professor für Pflanzenökologie Hansjörg Küster zählt zu den besten Kennern der Wälder und Landschaften in Europa. Und er ist fest davon überzeugt, dass ihr Schutz nur dann gelingen wird, wenn man die Menschen in der jeweiligen Region ganz eng einbindet.
Beobachter wie der BN-Mann Scharrer, der sich seit Jahren für das Projekt einsetzt, akzeptieren diese Argumentation nicht. Ihrer Überzeugung nach steht die Debatte über das Biosphärenreservat nach wie vor am Anfang. „Es ist viel zu früh für so eine Absage“, sagt Scharrer. Er verweist auf die immens hohe Zustimmung zu den Plänen in der Region. Laut BN haben 55 der insgesamt 76 Spessart-Kommunen die Pläne per Abstimmung ihrer Gemeinde- oder Stadträte ausdrücklich befürwortet. Das entspricht einer Mehrheit von satten 73 Prozent. Und diese 55 Kommunen repräsentieren 89 Prozent der Bevölkerung im Spessart.
Scharrer vermutet deshalb als wirklichen Grund hinter der jetzigen Absage die Kommunalwahl 2026. Vor allem in den 20 Gemeinden, die sich in den Abstimmungen strikt gegen das Biosphärenreservat ausgesprochen haben, habe die CSU das Thema abräumen wollen, damit sie Freien Wählern und anderen gegnerischen Gruppierungen dort keine offene Flanke bietet, heißt es auch bei anderen Beobachtern.
Die Anhänger des Biosphärenreservats sind freilich nicht nur enttäuscht von der CSU, die sich das Biosphärenreservat so lange offensiv auf die Fahnen geschrieben hat. Sondern außerdem von Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler). „Er hat uns Naturschützern gegenüber wiederholt versichert, dass er die Pläne voll unterstützt“, sagt Scharrer. „Ich hätte mir gewünscht, dass er öffentlich sehr viel mehr dafür geworben hätte.“ Auf Anfrage der SZ erklärte Glauber jetzt: „Wenn die Region eine Entscheidung trifft, ist das zu respektieren. Ich habe immer klar gesagt: Ob ein Biosphärenreservat in den Spessart kommt, entscheiden die Landkreise und Gemeinden. Ein Biosphärenreservat ist ein Projekt der Region.“

