Corona-Regeln:Ist die Sperrstunde noch angemessen?

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Corona-Regeln: In der Gastronomie gilt in Bayern nach wie vor die 2-G-Regel - und eine Sperrstunde um 22 Uhr. Viele Wirte sagen, das würde ihnen zusätzlich das Geschäft verhageln.

In der Gastronomie gilt in Bayern nach wie vor die 2-G-Regel - und eine Sperrstunde um 22 Uhr. Viele Wirte sagen, das würde ihnen zusätzlich das Geschäft verhageln.

(Foto: Frank Hörmann/Sven Simon/imago)

Zum Schutz vor dem Coronavirus müssen Lokale in Bayern um 22 Uhr zusperren. Aber ist das in dieser Phase der Pandemie noch haltbar? Welche anderen Möglichkeiten es gäbe.

Von Maximilian Gerl, Johann Osel und Christian Sebald

Wer in diesen Zeiten nicht weit reisen, aber trotzdem Südtirol besuchen will, schaut vielleicht beim Gasthaus Adler in Holzheim (Landkreis Neu-Ulm) vorbei. Auf der Karte stehen zum Beispiel Knödel und Gröstl, "alles hausgemacht", sagt Chefin Tanja Schmid am Telefon, serviert in der hauseigenen "Speckstube". Nur: Unter der Woche ist in der momentan wenig los. Vor allem Gruppen stornierten mit Verweis auf Corona ihre Reservierung, berichtet die Wirtin, trotz aller Hygienekonzepte. Und am Freitag und Samstag, wenn mehr los ist, wartet die Sperrstunde. Spätestens um 22 Uhr müssen alle Gäste raus. "Richtig blöd", sagt Schmid, die sich auch in der örtlichen Sektion des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga engagiert. "Da bleibt die Gastlichkeit auf der Strecke." Vom Umsatzminus wohl ganz zu schweigen.

Die Sperrstunde, in den knapp zwei Corona-Jahren immer wieder im Instrumentenkoffer in Bayern, führt verlässlich zum Aufschrei der Wirtinnen und Wirte. Zum Beispiel gaben bei einer Branchenumfrage mal 23 Prozent der Betriebe an, bei einer Sperrstunde ab 22 Uhr nicht mehr "wirtschaftlich öffnen" zu können. Gerade Gruppen bleiben schließlich nach dem Essen länger sitzen, inklusive Getränkekonsum. Betriebsabläufe und Personalzahlen sind oft aufs Arbeiten in die Nacht hinein ausgelegt, erst recht in Städten. Zuletzt wurden die Begehrlichkeiten der Branche etwas leiser vorgetragen, seit dieser Woche spürt man wieder Auftrieb: Am Dienstag hat das Kabinett von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sanfte Lockerungen für Kultur, Sport und Jugendarbeit beschlossen, die bei Omikron geringere Belastung der Kliniken rechtfertige dies, hieß es.

Von der Sperrstunde war da zwar keine Rede. Aber die Maßnahmen der Delta-Zeit seien nicht auf Omikron eins zu eins übertragbar, lautet der neue Trend, den Söder seit Kurzem aufzeigt. Er hat sein "Team Vorsicht" ums "Augenmaß" ergänzt. Als Bayern gegen den Beschluss von Bund und Ländern in der Gastronomie bei 2G blieb - ohne "plus", also zusätzlichen Test - erwähnte Söder die Vorsichtsmaßnahmen: dass reine Schankwirtschaften und Diskos geschlossen sind. Und eben die Sperrstunde.

Das Virus tauche wohl erst im Dunkel der Nacht auf, mutmaßen Witzbolde

Doch nun keimt die Debatte auf: Ist das wirklich noch die passende Maßnahme in dieser Corona-Phase? Außerdem ist ja in vielen Städten zu sehen, dass Kneipenabende zuweilen schon am Spätnachmittag starten. Der Witz, dass das Virus wohl erst im Dunkel der Nacht plötzlich auftauche, kursiert wieder auf Twitter. Befeuert wird das alles durch die Entscheidung in Baden-Württemberg, die Sperrstunde zu kippen, für Geimpfte und Genesene, ohne Test. In Grenzregionen wie bei der Neu-Ulmer Wirtin Schmidt könnte womöglich gar wieder ein Tourismus ins Nachbarland einsetzen, wie früher schon mal bei Baumärkten; diesmal nicht wegen Brettern und Schrauben, sondern Speis und Trank zu später Stunde.

"Aus unserer Sicht wäre die Zeit reif, die Sperrstunde aufzuheben", sagt Thomas Geppert, Dehoga-Landesgeschäftsführer. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass die Branche einen sicheren Betrieb gewährleiste, der derzeitige Wissensstand zu Omikron komme hinzu. Alternativ: "Schon eine Stunde mehr kann sehr viel bringen." Der Dehoga schätzt die Umsatzverluste auf bis zu 40 Prozent, Kurzarbeit kommt wieder häufiger zum Einsatz. Welchen Anteil die Sperrstunde genau hat, ist pauschal schwer abzuschätzen - weil wegen steigender Infektionszahlen auch Feiern abgesagt wurden, Stammtische seltener tagten und Menschen generell Kontakte reduzierten.

Tut sich schon etwas in der Staatsregierung? Änderungen der Infektionsschutzverordnung bleiben "grundsätzlich Ministerratsentscheidungen vorbehalten", heißt es vom Gesundheitsministerium. Hört man sich rund um die Regierungsfraktionen von CSU und FW dazu um, registriert man Zurückhaltung. Weniger in dem Sinne, dass man die Streichung der Sperrzeit für unvertretbar hielte oder es Wirten und Gästen nicht gönnte. Eher mit diesem Tenor, zugespitzt: Wer das jetzt öffentlich fordere, während etwa für die Theater alles gleich bleibe, "über den steht morgen in der Zeitung: Kulturbanause, der sich nur fürs Fressen und Saufen interessiert." Einer aus der CSU führt das Dilemma so aus.

Natürlich sei die Wirtshauskultur ein Faktor, je länger die Sperrstunde in Kraft ist, laufe man "Gefahr, da nachhaltig etwas zu zerstören, auch in Innenstädten". Auf der anderen Seite gebe es den Frust der Kulturleute, der bei den Abgeordneten in Stimmkreisen auflaufe, trotz jüngster Lockerung. Wenn eine Blaskapelle oder Musikgruppe ein großes Osterkonzert plane, habe sie derzeit keine wirkliche Perspektive. Also: "Besser etwas warten, dann die große Linie aufzeigen statt punktuell und ad hoc".

Je mehr Alkohol fließt, desto mehr lässt die Vorsicht nach

Viele Mediziner halten die Sperrstunde indes für fachlich richtig - zumindest so lange die Staatsregierung an 2G ohne plus in Gaststätten festhält. "Es ist einfach so", sagt ein prominenter Virologe, der nicht genannt werden will, weil er viele Politiker berät, "wenn es später wird, fließt mehr Alkohol, die Vorsicht sinkt, man rückt näher zusammen, das Infektionsrisiko ist einfach höher." Quasi: Wenn's lustig wird, kann es auch gefährlich werden.

Deshalb ist die Sperrstunde um 22 Uhr aus seiner Sicht ein durchaus sinnvoller Infektionsschutz - gerade weil die Omikron-Variante so viel ansteckender ist und der Höhepunkt der Welle erst in einigen Wochen ansteht. Anders wäre die Sache bei 2 G plus, "gerade was die Sperrstunde anbelangt, wäre das eine smarte Lösung": mehr Sicherheit, dass kein Infizierter unter den Gästen ist, "da könnte man dann ohne Weiteres eine Sperrstunde um 24 Uhr oder noch später zulassen."

Für die Gastroszene dürfte das freilich ein Horrorszenario sein. Benachteiligt gegenüber Theatern oder Opern, die beliebig lange öffnen, fühle er sich nicht, sagt Lobbyist Geppert noch. Mit den 2-G-Plus-Regeln in der Kultur wolle er garantiert nicht tauschen.

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