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SPD-Kandidat in Niederbayern:Steinbrück auf Teufels Gipfel

"Fühlt sich das jetzt an wie Ihr Wahlkampf - steinig?" Peer Steinbrück wandert zusammen mit bayerischen Genossen auf den Lusen in der tiefschwarzen Provinz. Der Berg fordert dem SPD-Kanzlerkandidaten einiges ab - und dann versucht ihn die Junge Union auch noch vorzuführen.

Da ist dieser eine Moment, der einzige dieses Vormittags, an dem Peer Steinbrück durchatmet, den Blick schweifen lässt. Er steht am Gipfel des Lusen, 1373 Meter hoch, unter ihm der Bayerische Wald, über ihm Christus am Kreuz und vor ihm Fanele Buthelezi. Fanele singt.

Das dunkelhäutige, 15 Jahre alte Mädchen, umringt von ihren Freunden, hat einfach angefangen, ohne Ankündigung. Ihre Stimme ist voll und warm, die Journalisten, die Steinbrück ständig umkreisen, verstummen schlagartig, nur ein paar Kameras klicken noch. Fanele singt - sie schreibt das später auf einen Zettel - Iqugha Lenddlela-Xhosa, ein traditionelles Lied aus ihrer Heimat Südafrika. Es geht um einen starken Mann, erzählt sie anschließend. Einen starken Mann, der seinen Weg geht.

Peer Steinbrücks Weg hier hoch war steinig und holprig. Er hat ihn gemeistert, dabei aber nicht immer stark gewirkt. Bergsteigen, das ist keine Leidenschaft des Hamburgers. Und jetzt hat die Bayern-SPD dem Kanzlerkandidaten auch noch diesen Berg ausgesucht. Besonders weit ist es zwar nicht auf den Gipfel, Steinbrück braucht zwei Stunden, aber auf den letzten Meter geht es steil hinauf. Himmelsleiter werden die Steinstufen hier genannt.

Trittsicher? "Im Wahlkampf oder hier hinauf?"

Peer Steinbrück wankt ein wenig. Nach dreißig Minuten hatten sich die ersten Schweißtropfen unter seinem fein gemusterten Panamahut gebildet. Der Kandidat schnauft. Ob er trittsicher sei? "Im Wahlkampf oder hier hinauf?", fragt er zurück. Der Wahlkampf, der sei jedenfalls die weitaus größere Herausforderung.

Hoch hinaus, Himmelsleiter, Gipfelstürmer, das Kreuz am Gipfel, die Kreuze an der Urne am 22. September: Ja, klar, schon kapiert. Alles natürlich hoch symbolisch hier. Zu leicht darf man es dem Kandidaten da nicht machen, sähe komisch aus. Ohne Anstrengung kein Preis.

Und so kämpft sich Steinbrück zusammen mit der bayerischen SPD-Prominenz, Genossen aus Niederbayern, mit der Jugendgruppe aus Südafrika, die austauschweise in Bayern ist und sich dem Tross auf SPD-Einladung angeschlossen hat und gefühlt hundert Journalisten wackeligen Schrittes über den mit Granit-Felsblöcken bedeckten Gipfelbereich. Einer Sage nach wurden die Blöcke hier vom Teufel über einem Goldschatz aufgetürmt. Steinbrück ist das egal. Die Journalisten fragen sich, ob ein Kandidat mit Gipsbein vielleicht ein paar Mitleidsstimmen bekäme. Es bleibt bis zum Ende des Tages - Berg heil - eine hypothetische Frage.

Steinbrück wirkt beim Aufstieg trotz seines Kampfes mit dem unwegsamen Gelände entspannt, auch wenn er ständig eine Kamera ins Gesicht gehalten bekommt. Dafür macht er das ja hier: schöne Bilder. Eine Fernsehjournalistin in kurzem Sommerrock und Sandalen stolpert - rückwärtsgehend - vor ihm her. Ohne zu stürzen schafft sie es, eine Frage nach der anderen zu stellen: "Fühlt sich das jetzt an wie Ihr Wahlkampf - steinig?" Steinbrück lacht. Er wollte es ja so: alles symbolisch.