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"Sozial-ökologische Wende":Neue Allianzen gegen die Krise

Der Bund Naturschutz kooperiert mit der Arbeiterwohlfahrt

Die Corona-Krise bringt jetzt Verbände und Organisationen zusammen, die bisher wenig miteinander zu tun hatten. Aktuelles Beispiel sind die bayerische Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Bund Naturschutz (BN), respektive deren Vorsitzende Thomas Beyer und Richard Mergner. Beide haben dieser Tage ein Papier mit dem Titel "Sozial-ökologische Wende - jetzt!" veröffentlicht. Darin fordern Beyer und Mergner, dass "die Corona-Krise nicht dazu genutzt werden darf, nötige oder bereits beschlossene klima-, umwelt- oder sozialpolitische Regelungen auszusetzen, zu verschieben oder generell wieder in Frage zu stellen oder an ihnen einzusparen". Stattdessen müsse eine "ökologischere und sozialgerechtere Wirtschaftsweise" vorangebracht werden - in Bayern wie in Deutschland, Europa und weltweit.

Nun ist gerade der BN bekannt für seine Bündnispolitik und seine Allianzen. Wenn es etwa um eine tierfreundlichere und naturschonendere Landwirtschaft geht, die mehr Rücksicht auf die Artenvielfalt nimmt, dann arbeitet er seit langem eng mit Bioverbänden, dem Milchbauernverband BDM und der kleinen Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft zusammen. Ähnlich ist das bei der Energiewende, bei der er enge Kontakte beispielsweise zum Windkraftverband BWE unterhält. Und natürlich kooperiert der BN, der sich rühmt mit 245 000 Mitgliedern, 76 Kreisgruppen und etwa 550 Ortsgruppen Bayerns größte Umweltorganisation zu sein, regelmäßig mit anderen Naturschutzorganisationen, dem Landesbund für Vogelschutz zum Beispiel oder Greenpeace.

Allianzen mit Organisationen aus ganz anderen gesellschaftlichen Bereichen, die zumindest auf den ersten Blick wenig mit dem Schutz der Natur zu tun haben, sind jedoch eher neu. Zwar haben sich BN-Größen früher immer wieder mal zu Gesprächen mit DGB-Leuten getroffen. Aber gemeinsame Forderungspapiere wie jetzt mit der Awo oder im Mai mit der Gewerkschaft IG Metall sind selbst altgedienten BN-Leuten nicht bekannt. "Wenn es um die Zukunftsfähigkeit Bayerns geht, dann müssen wir und alle anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen viel mehr in die Breite wirken als in der Vergangenheit", sagt BN-Chef Mergner dazu. "Wir müssen das Ökologische mit dem Sozialen und dem Kulturellen zusammendenken, es darf sich nicht länger ein jeder auf seinen vermeintlich eigenen Bereich beschränken."

Es geht aber auch um Geld, um sehr viel Geld sogar. Das merkt ein jeder schnell, der die Positionspapiere liest. Es geht um die Milliarden aus den Konjunkturprogrammen zur Bewältigung der Corona-Krise. Aus der Sicht von Mergner und seinem neuen Verbündeten Beyer muss es "für den sozial-ökologischen Umbau aller Wirtschaftsbereiche hin zu mehr Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Krisenfestigkeit genutzt werden". Als Beispiele nennen sie die Überwindung der Defizite in der Pflege und im Gesundheitssystem, die durch Corona offenbar geworden seien, und den Abbau umweltschädlicher Subventionen etwa in der Verkehrspolitik.

© SZ vom 08.07.2020 / cws

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