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Sophie Charlotte, Schwester von Kaiserin Sisi:"Die ist doch verrückt"

Herzogin Sophie Charlotte

Sophie Charlotte und König Ludwig II. auf einem Verlobungsbild aus dem Jahr 1867.

(Foto: Joseph Albert/oh)

Modern, emanzipiert, für geisteskrank erklärt, entmündigt. Herzogin Sophie Charlotte war mit König Ludwig II. verlobt, heiratete einen französischen Adeligen und wollte den dann für einen bürgerlichen Arzt verlassen. Biograf Christian Sepp über eine Frau, die zu früh lebte.

Interview von Oliver Das Gupta

Sophie Charlotte (1847-1897) war die jüngste Tochter von Herzog Max Joseph in Bayern. Die Herzogin war 259 Tage mit ihrem Cousin, dem bayerischen König Ludwig II., verlobt, bis der Monarch die Verbindung löste. Ihre ältere Schwester war Elisabeth, Kaiserin von Österreich, besser bekannt unter dem Namen "Sisi".

Der Münchner Historiker Christian Sepp dokumentiert in seiner Biografie "Sophie Charlotte. Sisis leidenschaftliche Schwester" (August Dreesbach Verlag) auch einen weniger bekannten Teil ihres Lebens. Die Herzogin hatte in der Zeit ihrer Verlobung mit Ludwig eine Affäre mit einem Fotografen. Später verlässt sie ihren Mann, einen französischen Adeligen, weil sie sich in einen bürgerlichen Arzt verliebt hatte. Sophies Familie erklärt sie daraufhin für geisteskrank.

SZ.de: Herr Sepp, was war an Sophie Charlotte so außergewöhnlich?

Christian Sepp: Ihr Wertesystem war ein anderes als im 19. Jahrhundert im Hochadel üblich. Gefühle und persönliches Glück waren ihr im zentralen Augenblick ihres Lebens wichtiger als alles andere. 1887 wollte sie ihren Mann Ferdinand von Alençon, einen französischen Herzog und Enkel des letzten französischen Königs, verlassen. Sie wollte sich scheiden lassen, um einen bürgerlichen Arzt zu heiraten.

Ein Bruch der gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit - und das allein für die Liebe?

Ja, aus Liebe. Sophie Charlottes Wertesystem war sehr emotional ausgerichtet. Heute wirkt das nüchtern betrachtet erstaunlich modern. Sie hat versucht, als emanzipierte Frau zu leben. Damals war die Scheidung einer katholischen Herzogin natürlich undenkbar. Und doch hat diese Thematik die Menschen vor dem Ersten Weltkrieg schon beschäftigt. Theodor Fontane schrieb Ende des 19. Jahrhunderts seine "Effi Briest", einen ähnlich gelagerten Fall. Darin sagt Effis Mutter übrigens an einer Stelle zu ihrer Tochter: "Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich immer, wenn ich dich so sehe... "

Wie kam es dazu, dass Sophie Charlotte alles auf eine Karte setzte, um ihre Liebe durchzusetzen?

Die Affäre trug sich nach einem Ereignis zu, das Sophie sehr aufgewühlt hat: dem mysteriösen Tod ihres Cousins und bayerischen Königs Ludwig II. im Sommer 1886. Sophie, die ja mal mit ihm verlobt war, war tief erschüttert und reiste von Frankreich zurück in die Heimat. Kaum angekommen, erkrankte sie schwer an Scharlach, Diphterie und anderen Leiden, die Haare fielen ihr aus. Sie blieb den Winter über in München, um gesund zu werden und wurde von Doktor Franz Glaser behandelt. Der Arzt half ihr, und sie verliebte sich in ihn. Im Frühjahr weigerte sie sich, zu ihrem Mann zurückzukehren. Sie eröffnete ihrer entsetzten Familie, Glaser heiraten zu wollen.

Ein veritabler Skandal.

Allerdings. Zumal Doktor Glaser auch verheiratet war und dreifacher Vater obendrein.

Wie die Wittelsbacher auf den Skandal reagierten

Herzogin Sophie Charlotte

Herzogin Sophie Charlotte war eine große Hundefreundin.

(Foto: Victor Angerer/oh)

Wie reagierten die Wittelsbacher?

Erstmal ratlos. Und dann, etwa ein Jahr nach Ludwigs Tod im Starnberger See, legte man sich relativ schnell auf eine bewährte Vorgehensweise fest. Sie lautete: die muss doch verrückt sein. Bereits ein Jahr vorher war ja König Ludwig II. für verrückt erklärt und entmündigt worden. Und Ludwigs Bruder König Otto war ja tatsächlich geisteskrank. Das war Sophie Charlotte offenkundig nicht - aber das half ihr nichts.

Wie hat die Familie sie aus dem Verkehr gezogen?

Man hat ihr eine Falle gestellt. Ihr Bruder Karl Theodor war ein berühmter Augenarzt und praktizierte unter anderem in Meran. Sophie versuchte, ihre Familie davon zu überzeugen, dass sie ihrem Herzen folgen muss und ließ sich nach Südtirol locken. Dort lief dann ein geplantes Szenario ab. Man konfrontierte sie mit einem Rechtsanwalt, der ihr die rechtlichen Folgen klar machte. Als dies ohne Konsequenzen blieb, griff man zu härteren Mitteln und stellte sie vor ein Konsistorium bestehend aus vier Ärzten, die alle mit dem Irrenwesen zu tun hatten, und die ihr erklärten, dass sie an "Moral Insanity" erkrankt sei.

Also moralische Farbenblindheit.

Man unterstellte ihr, dass sie nicht mehr zwischen moralisch "richtig" und "falsch" unterscheiden könne. Es wurde ihr eröffnet, dass sie zur Heilung in ein Sanatorium gebracht werden müsste, zum berühmten Professor Richard von Krafft-Ebing - damals die Kapazität auf dem Gebiet der Sexualpathologie. Der Forscher hatte seinerzeit die Auslegung von allen sexuellen Abartigkeiten an sich gezogen. Damit deutete die Familie Sophie Charlotte und der Außenwelt natürlich auch an, dass die ganze Geschichte irgendwas mit Sex zu tun hatte - was nicht ausgesprochen wurde, aber mit dieser Überweisung natürlich klar gemacht wurde.

Wofür entschied sich Sophie: für das Irrenhaus oder die Ehe?

Sie blieb hartnäckig und wurde dann in das Sanatorium Maria Grün bei Graz verfrachtet. Es gibt wilde Spekulationen darüber, was dort passierte. Damals wandte man in der Psychiatrie mitunter krasse Methoden an: von Stromexperimenten über das Abscheren der Kopfhaare bis zum Abfeuern von Pistolen und Kaltwasserbädern. In den Briefen von Krafft-Ebing an Sophies Ehemann ist von "halben Maßnahmen" die Rede, was etwas harmloser klingt. Aber wir wissen es nicht genau: Die Krankenakten aus Maria Grün sind verschollen. Ein einziger Brief, den Sophie in dieser Zeit schrieb, ist erhalten geblieben. Darin spricht sie von einer schweren Müdigkeit, die sie befallen habe. Außerdem belegt dieser Brief, dass ihr neben einer Hofdame in dieser schweren Zeit nur ihr Hund als Bezugspunkt geblieben ist.

Wie lange musste sie in der Anstalt zubringen?

Bis Januar 1888. Nach einem halben Jahr durfte sie die Klinik verlassen. Sie fügte sich und kehrte zu ihrem Mann zurück. Auf Fotos wirkt sie deutlich gezeichnet und gealtert. Wie eine Sterbende begann sie, Menschen Dinge zukommen zu lassen, die ihr besonders viel bedeuteten. Mit 40 Jahren war sie eine gebrochene Frau.

Wie hart Kaiserin Sisi ihrer kleinen Schwester entgegentrat

Herzogin Sophie Charlotte

Familienportrait von Herzogin Sophie Charlotte mit ihrem Ehemann und ihren Kindern Louise und Emmanuel.

(Foto: Christian Sepp/oh)

Sahen sich Sophie Charlotte und Glaser noch einmal?

Einige Jahre später gab es ein angeblich zufälliges Treffen in Paris, an das sich ein Briefwechsel anschloss. Doch Sophies Ehemann bekam das mit und alarmierte ihren Bruder Karl Theodor, der ihr wieder drohte, sie einzuweisen. Kurz darauf gab sie auf. Ihr wurde final klar, dass sie kein selbstbestimmtes Leben führen durfte. Sie musste funktionieren. Es ist tragisch: Sophie Charlotte hat einfach ein paar Jahrzehnte zu früh gelebt.

Wie hat ihre Schwester Elisabeth von Österreich auf die Affäre reagiert?

Sisi reagierte überraschend negativ. Dabei war sie selbst notorisch unglücklich in ihrer Ehe mit Kaiser Franz Joseph I. In ihr poetisches Tagebuch schrieb Sisi zwei garstige Gedichte über ihre Schwester. Dort war von "Verrat", "Haft" und "Betrug" die Rede. Elisabeth zeigte keinerlei Empathie für ihre kleine Schwester, mit der sie früher ein enges Verhältnis hatte.

Warum reagierte die Kaiserin so scharf?

Kurz zuvor hatte sie einen Flirt mit einem Mann, den sie inkognito kennengelernt hatte. Die Brieffreundschaft endete bald, weil ihr Galan ihre Identität erkannt hatte und nicht gewillt war, sein Familienglück zu riskieren. In diesem Kontext wäre erklärbar, warum Sisi auf die Aktion ihrer Schwester so schroff reagierte. Als Sophie Charlotte nach ihrem Klinikaufenthalt zu ihr nach Wien kam, trat Sisi ihrer Schwester verschämt gegenüber. Sie hat ihr ja auch kein bisschen geholfen, ihr geschrieben oder sie besucht.

Sophie Charlotte wäre eigentlich bayerische Königin geworden - als Gemahlin ihres Cousins König Ludwig II. von Bayern. Warum waren die beiden so eng miteinander?

Ludwig und Sophie waren ungefähr gleich alt und seit ihrer Jugend befreundet. Was beide besonders verband, war ihre Liebe zur Musik Richard Wagners. Sophie sang Ludwig sogar Arien aus dessen Opern vor. Es gab eine Zeit, in der Sophie für Ludwig zu den drei wichtigsten Personen in seinem Leben zählte.

Wie kam es zur Verlobung?

Es war eine Entscheidung, die auf den ersten Blick über Nacht fiel. Auslöser war Ludwigs erste große Liebe: Paul von Thurn und Taxis war sein Flügeladjutant, sie kannten sich gut und schrieben sich schwärmerische Briefe. Plötzlich kam es zum Bruch zwischen den beiden, warum, wissen wir heute nicht genau. Aus dieser Situation heraus fragte Ludwig nach einem Ball seine beste Freundin, ob sie seine Frau werden will.

Um allen zu zeigen, dass er doch Frauen mag und einen Thronfolger zu zeugen?

Das auch, und er sah noch einen weiteren Vorteil. Ludwig hinderte Sophie damit, einen fremden Fürsten zu heiraten und damit in die Ferne zu ziehen. Sophie sah gut aus, ihre Schwester war die Kaiserin von Österreich, ihre andere Schwester war die Ex-Königin von Neapel. Also schrieb Ludwig seiner Cousine einen Brief, in dem er sie fragte: "Willst du die Genossin auf meinem Thron werden? Meine Zuneigung zu dir ist jetzt in Liebe aufgegangen." Sophies Familie sagte natürlich ja. Doch wenige Tage nach der Verlobung gab es schon die ersten Anzeichen, dass etwas nicht stimmte.

Wie machte sich das bemerkbar?

Die Hochzeitsvorbereitungen liefen sofort auf Hochtouren, man stürzte sich gleich in medias res. Offenkundig machte Ludwig das Tempo der Planung zu schaffen. Die Verlobung war im Januar, die Hochzeit war für August angesetzt. Ludwig verschob die Vermählung zuerst auf Oktober, dann auf November.

Auf welche Weise Ludwig II. die Verlobung löste

Herzogin Sophie Charlotte

Herzogin Sophie Charlotte mit ihrem Sohn Emmanuel, im Jahr 1872.

(Foto: Christian Sepp/oh)

Die Braut und die Familie müssen sehr brüskiert gewesen sein.

Sophie Charlotte äußerte früh gegenüber Vertrauenspersonen, dass sie an Ludwigs Liebe zweifelte. Dies kam dem König zu Ohren und er versuchte, seine Verlobte zu beruhigen, dass dem nicht so sei. Aber mit diesem Gerücht mussten sie sich herumschlagen, da am Hof nicht verborgen blieb, dass der König sich mehr für Männer interessierte. Unter der Hand wurde das relativ offen ausgesprochen, da man sich natürlich auch wunderte, woher diese Kehrtwendung kam. Daher wurden die beiden auch genau beobachtet. Ich denke, auch Sophie war sich der Homosexualität des Königs bewusst, auch wenn es sich bislang nicht beweisen lässt.

Wie hat Ludwig II. die Verbindung gelöst?

Mit einem auffallend ehrlichen Brief. Er schrieb, dass seine Gefühle nicht ausreichten, um eine Ehe zu schließen. Man merkt, dass es ihm schwer fiel, zu sich selbst zu stehen, aber er verschanzte sich in diesem Fall nicht hinter anderen Argumenten. Am Schluss des Briefes formulierte er jedoch noch einige seltsame Dinge, wie beispielsweise den Vorschlag, dass man ja innerhalb eines Jahres - sofern keiner einen anderen Ehepartner gefunden hätte - noch einmal von vorne anfangen könnte. Das wirkt natürlich etwas zynisch, nachdem man ein dreiviertel Jahr verlobt war, die Kutsche quasi schon bereit stand, der Brautschleier in der Garderobe hing.

War Sophie Charlotte auch ein bisschen erleichtert? Schließlich hatte sie in der Verlobungszeit ein Techtelmechtel mit dem Fotografen Edgar Hanfstaengl.

Nein, denn Sophie Charlotte war von Anfang an die Aussichtslosigkeit ihrer Liebe zu Edgar Hanfstaengl bewusst. Die beiden hatten sich kurz nach der Verlobung mit dem König kennengelernt - und Sophie verliebte sich sehr in den jungen Mann. Ihre Briefe an ihn sind wirklich sehr erschütternd zu lesen. Noch in der Verlobungszeit hat sie sich wieder von Hanfstaengl getrennt. Sie war ja gebunden und sollte Königin von Bayern werden.

Damit endete eine heimliche Affäre, deren Bekanntwerden ein Skandal gewesen wäre. Wie konnte sich Sophie Charlotte mit ihrem Schwarm überhaupt ungestört sehen?

Hanfstaengl und sie haben sich zum Beispiel im Münchner Herzog-Max-Palais ihres Vaters getroffen, aber auch in Schloss Pähl, das der Familie Hanfstaengl gehörte.

Riskante Orte für eine gefährliche Liebschaft.

Sophie hatte das Glück, von ihrer Hofdame gedeckt zu werden. Natalie von Sternbach hieß die Dame. Sie hat auch die ersten Treffen der beiden eingefädelt. Einmal war das Liebespaar fast erwischt worden, irgendjemand schien aufgetaucht zu sein. Sophie Charlotte hat dann eine Ohnmacht vorgetäuscht und musste einen Kamillentee hinunterwürgen, um nicht aufzufliegen. Tatsächlich war es ein Spiel mit dem Feuer, schließlich war sie die Verlobte des bayerischen Königs. Wenn Sophie Charlotte für eine Liebe gebrannt hat, war sie sehr wagemutig.

© Süddeutsche.de/lala/sekr

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