Sonderausstellung im NS-Dokuzentrum:Wie Sinti und Roma in Bayern kriminalisiert und verfolgt wurden

NS-Dokuzentrum, Sinti und Roma.

Gisela Schneck bei der Firmung 1942 mit Schwester Pauline. Ein Jahr später wurden beide in Auschwitz ermordet.

(Foto: Elisabeth Schneck-Guttenberger (Privatbesitz))

Die Nationalsozialisten entrechteten und ermordeten sie systematisch. Doch schon vor 1933 waren Sinti und Roma ausgegrenzt, wie eine Ausstellung zeigt.

Von Wolfgang Görl

Das Familienfoto ist Ende der 1920er-Jahre aufgenommen worden, es sind die letzten Jahre, in denen diese Menschen wenigstens halbwegs erträglich leben durften. Es ist eine große Familie, eine sehr große. Rechts vor dem Fotografen haben sich die jungen Männer, zehn sind es, wie eine Balletttruppe in Pose gestellt, links stehen die Frauen, und in der Mitte thront das Familienoberhaupt auf dem Kühler eines Autos, vor ihm die Kinder.

Dies ist die Familie Höllenreiner, die Anfang der Dreißigerjahre aus Thüringen nach München zog, wo bereits einige Verwandte lebten. Die Höllenreiners waren Sinti und Roma, sie gingen verschiedenen Berufen nach, waren etwa Händler oder Fuhrunternehmer, wobei einige, wie auf zeitgenössischen Fotos zu sehen ist, es zu beachtlichem Wohlstand brachten.

Leicht hatten sie es auch in der Vergangenheit nicht gehabt. Als Angehörige einer Minderheit, die in der Regel abwertend als "Zigeuner" tituliert wurde, mussten sie seit Generationen Ausgrenzung erfahren. Und nach der Reichsgründung im Jahr 1871 verstärkte der deutsche Nationalstaat seine Bemühungen, die Volksgruppe der Sinti und Roma zu isolieren und zu kriminalisieren. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde die Verfolgung auf Grundlage der NS-Rassenideologie radikalisiert und mündete in den Massenmord. Von den Mitgliedern der weitverzweigten Münchner Familie Höllenreiner überlebten nur wenige den Nazi-Terror.

Das Schicksal der Höllenreiners steht für viele weitere Opfer des NS-Rassenwahns. Man schätzt, dass in Deutschland und den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten 200 000 bis 500 000 Sinti und Roma ermordet worden sind. Was dabei in München und Bayern geschah, wie die Sinti und Roma vor und während der NS-Zeit lebten, wie die Vernichtungsmaschinerie der Nazis in Gang kam, und welche unsäglich Leiden die Opfer zu ertragen hatten, darüber informiert eine vortrefflich zusammengestellte Sonderausstellung im Münchner NS-Dokumentationszentrum.

"Unsere zentrale Aufgabe ist es, den Verfolgten, Deportierten und Ermordeten wieder ein Gesicht zu geben", sagt Winfried Nerdinger, der Gründungsdirektor des NS-Dokuzentrums. Dazu gehören selbstredend Fotografien und Bilder, was im Falle der Sinti und Roma eine spezifische Schwierigkeit aufwirft. Seit je haben Zeichner, Fotografen oder Filmer, auch dann, wenn sie in guter Absicht ans Werk gingen, Stereotypen inszeniert, das Klischee vom fahrenden Volk, von exotischen, mitunter unheimlichen Menschen, von Outlaws, die nicht zu zivilisieren seien.

NS-Dokuzentrum, Sinti und Roma.

Zwangsarbeit zur NS-Zeit: Sinti müssen Giesings Straßen pflastern, kontrolliert vom Dienststellenleiter für "Zigeunerfragen" (Mantel).

(Foto: Familie Hugo Höllenreiner)

Wie anders, wie im bürgerlichen Sinne "normal" sind dagegen die privaten Fotos, die in der Ausstellung zu sehen sind. Da posieren Sinti-Familien stolz im gutbürgerlichen Wohnzimmer, da gibt es Männer in bayerischer Tracht oder das Foto eines jungen Mädchens im weißen Firmungskleid mit Blumenkranz im Haar - eine Normalität, die sich ins Entsetzen wendet, wenn man erfährt, dass dieses Mädchen, Gisela Schneck, ein Jahr nach der Firmung in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Die Sinti und Roma stammen ursprünglich aus Indien, sie sind vor etwa 600 Jahren nach Europa gewandert, wo sie von Anfang an mit Argwohn betrachtet wurden. Sie blieben Außenseiter, oft als gefährlich, wenn nicht gar kriminell abqualifiziert. Nach der Gründung des Deutschen Reichs wurden die ansässigen Sinti und Roma zu deutschen Staatsbürgern - was ihnen aber wenig half. Man erklärte sie pauschal zur "Landplage", die zu bekämpfen die Behörden einigen Ehrgeiz entwickelten.

In Bayern betrieb man eine besonders repressive "Zigeunerpolitik", welche die Sinti und Roma unter Generalverdacht stellte und dazu führte, dass in der Münchner Polizeidirektion 1899 eine "Zigeunerzentrale" eingerichtet wurde, die als Schaltstelle für deren systematische polizeiliche Überwachung diente. Wenige Jahre später wurden die gesammelten Namen und Daten in einem vom königlich-bayerischen Innenministerium herausgegebenen "Zigeuner-Buch" zusammengefasst, das die staatliche Verfolgungsmaschinerie noch effektiver machen sollte. 1926 verabschiedete der Bayerische Landtag das "Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen", in der erstmals auch die Diktion der Rassenkunde auftaucht.

Mit der restriktiven bayerischen Politik war die Saat gelegt, die in der NS-Zeit aufgehen sollte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 kam ein neues Muster der staatlich organisierten Verfolgung zur Geltung, eines, das im rassenideologisch motivierten Völkermord kulminierte. In seiner Einführung des Ausstellungskatalogs schreibt Nerdinger: "Juden und ,Zigeuner' wurden als ,Fremdrasse' definiert und aus der ,Volksgemeinschaft' ausgegrenzt. Der SS- und Polizeiapparat erfasste und verfolgte nun systematisch die etwa 30 000 im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma.

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