Süddeutsche Zeitung

Internationales Sommercamp:"Wie vielfältig die Menschen sind, das ist das Erlebnis hier"

200 behinderte junge Menschen aus 23 Nationen erleben im Sommercamp der Malteser in Ettal Dinge, die in ihrem Alltag unmöglich sind - 300 ehrenamtliche Jugendliche unterstützen sie dabei.

Von Helena Ott, Ettal

Ihr Rollstuhl steht jetzt dicht am Ufer der Loisach, Jonathan hebt Joëlle aus dem Sitz und trägt sie die fünf Meter zum Schlauchboot. Behutsam setzt er die 34-Jährige auf dem breiten Rand ab. Ihre beiden Helferinnen setzen sich dicht neben sie. Nathalie legt einen Arm um die junge Frau, so dass sie nicht nach hinten kippen kann. Eine Strähne von Joëlles blau-gefärbtem Pony lugt unter dem Helm hervor. Der Rest der Gruppe steigt ins Boot, Stefan, der Raftguide zieht die Crew in den Strom, springt selbst ins Boot. Wenn weiß-schäumende Wellen vor dem Bug auftauchen, dann hüpft das Boot kräftig auf und ab, Joëlle lacht und rudert mit den Armen. Der Raftguide gibt das Kommando, Nathalie hilft ihrer Partnerin, das Paddel gerade durch die Wellen zu ziehen.

Joëlle ist Schweizerin - andere Teilnehmer sind aus Kanada, dem Libanon und Irland zum Malteser Sommercamp nach Oberbayern gekommen. Gemeinsam übernachten 500 junge Leute eine Woche in den Klassenzimmern des Klostergymnasiums in Ettal. Jedes Jahr findet das Camp für junge Menschen mit und ohne Behinderung in einem anderen Land statt. Jeder Gast hat einen Helfer, der immer da aushilft, wo sein Partner Unterstützung braucht. In Ettal können die Campteilnehmer Dinge ausprobieren, die sie nie zuvor gemacht haben, Freundschaften schließen und Partys feiern.

Das zweite Schlauchboot der Raftinggruppe holt langsam auf. Auch dort sitzen zehn Leute auf dem Rand, mit dabei Italiener, Spanier und Belgier. Damit die Paddel im Takt bleiben, haben sie Lieder angestimmt. Das Rauschen der Loisach vermischt sich mit den mehrsprachigen Klängen von König-der-Löwen-Songs. Der Abstand verringert sich, plötzlich trifft ein kalter Schauer die Insassen des vorderen Bootes. Ein kurzer Schockmoment, dann schlagen Joëlle und Nathalie und die anderen zurück, schaufeln mit den Paddeln das Wasser in die Luft. Ziel: das andere Boot.

Das türkise Wasser sprudelt unter einer kleinen Brücke durch, die Guides drehen die Boote um 180 Grad. Die Loisach führt den Blick in Richtung Berge und die Wolken geben den Blick auf Alp- und Zugspitze frei. Damit sie bei den Stromschnellen nicht vom Rand des Bootes kippen, haben alle ihren linken Fuß in einer Schlinge am Boden des Schlauchbootes. Doch als Antonio einer seiner Tics überrascht, hilft ihm das auch nicht, er kippt über den Rand und landet mit einem Klatschen im Wasser. Er hat das Tourette-Syndrom, die motorischen Tics, das nervöse Zucken, kann er nicht kontrollieren. Drei im Boot springen auf, wollen hinterher. Aber der Guide beruhigt die Crew, streckt Antonio den Griff seines Paddels entgegen. Zwei Helfer ziehen ihn zurück ins Boot. Alle klatschen, als er wieder an seinem Platz sitzt. "As long everybody is alive it's alright", subsumiert er seinen kurzen Ausflug, solange alle am Leben sind, ist alles gut. Weil er nun sowieso von oben bis unten nass ist, zettelt er direkt den nächsten Angriff auf Boot II an.

23 Nationen

sind beim 36. Malteser Sommercamp vertreten. Die 200 Gäste mit verschiedenen Behinderungen kommen aus aller Welt nach Oberbayern. Jeder hat einen Helfer an seiner Seite. Freiwillige arbeiten auch in der Küche oder leiten Workshops. Insgesamt helfen 300 Ehrenamtliche.

Seine Tics treten auch an Land auf, dann kippt er plötzlich nach hinten weg. Oft steht sein Helfer Ludovico direkt hinter ihm, fängt ihn ab. Mittlerweile zucken die anderen nicht mehr zusammen. Wenn er wirklich fällt, reichen sie ihm gelassen zwei Arme und er zieht sich schnell zurück auf die Beine.

Nach zehn Kilometern ist die Fahrt zu Ende. Mit einer Heberampe fahren die drei Rollstuhlfahrer zurück in den Reisebus und es geht weiter zu einer Töpferei.

Bevor die Busse der Delegationen vor einer Woche am Kloster angekommen sind, haben 100 Ehrenamtliche - junge Erwachsene im gleichen Alter wie die Campteilnehmer - die 500 Betten in den Klassenzimmern der Klosterschule aufgestellt. Auch fünf Pflegebetten sind darunter; im Freien hat das Team ein Duschzelt mit Kabinen für die Rollifahrer installiert.

Gerade ist es ruhig im Camp, viele Gruppen sind auf ihren Ausflügen unterwegs. Im großen Festzelt, in dem Gemeinschaftsaktionen stattfinden, wird gebastelt. Zusammen mit ihrer Partnerin arbeitet Feline aus Belgien an einem Feenkostüm für die Party am Abend. Der Boden im Partysaal klebt noch von der letzten Disco mit DJs, selbst gemixten Cocktails und Wackellampen an der Decke. Eine kleine Umfrage unter Campteilnehmern ergibt, dass viele die Partys am Abend am besten finden. Egal, ob das Motto Karneval oder Oktoberfest ist oder jeder einen Kopfhörer bei der Silent Disco trägt, die Tanzfläche ist voll.

Auch Amelie Aulock macht jetzt eine kurze Runde im Camp, das Walkie-Talkie um die Hüfte geschnallt. Die meiste Zeit sitzt sie in einer Kommandozentrale im Klostergebäude. Sie koordiniert Schichtpläne, bespricht sich mit ihrem zwölfköpfigen Team oder sucht einen Weg, den Stromausfall im Camp zu beheben.

Sie ist die einzige Angestellte im Team der Malteser, alle anderen arbeiten ehrenamtlich. "Wie vielfältig die Menschen sind, das ist das Erlebnis hier, das man nicht vergisst", sagt sie. 15 Monate hatte die 26-Jährige Zeit ein Camp auf die Beine zu stellen, in dem alle 500 Teilnehmer satt werden, barrierefrei zu allen Aktionen kommen und möglichst viel von Oberbayern sehen. Das was Amelie Aulock mit dem Organisationsteam plant, setzen 100 Ehrenamtliche täglich um. Je nach dem, was das Schichtkarussell vorsieht, begleiten sie Gruppen zu Schlossbesichtigungen, bereiten das Frühstück vor, oder übernehmen eine Barschicht am Abend.

Auch Benedikt Bögle ist ein Freiwilliger; gerade sitzt er im Klosterhof und sieht zu, wie Matthias mit stolz aufgerichteter Brust auf einem Pferd reitet. Auf der Wiese gegenüber sitzen zwei Kamele im Schatten, bereit gestreichelt zu werden. Bögle erzählt, wie er in den ersten Tagen seine Scheu verlor, die Teilnehmer jetzt nicht mehr "mit Samthandschuhen anfasst", nur weil sie gewisse Einschränkungen haben. Wie er sie nach dem Charakter beurteilt, nicht danach, ob sie das Down-Syndrom haben. An Tag sechs, scheint das längst normal zu sein. Überall sitzen Grüppchen aus Gästen und Helfern mit mobilen Musikboxen, es werden Tagebucheinträge verfasst, gemeinsam stehen sie am Eiswagen an.

Bei einem der Ausflüge nach München, verschwindet diese Normalität für Benedikt kurz: Er hört einen Passanten, wie er zu einem Rollifahrer sagt: "Mensch, du tust mir aber leid", obwohl der sich gerade auf die Stadtbesichtigung freut. Guckt man nicht auf die Gehhilfe oder auf sichtbare Einschränkungen, sehen die Teilnehmer nicht bedauernswert aus: Maud, 25, aus Paris kugelt sich gerade der Länge nach über das weiche Gras im Klosterhof. Sie sitzt neben einer Ehrenamtlichen, die sie vor fünf Jahren bei einem anderen Camp kennengelernt hat. Jetzt sind die beiden Freundinnen.

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Quelle:
SZ vom 10.08.2019/infu
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