Altmühltal Solnhofer Platten sind nicht mehr konkurrenzfähig

Solnhofener Platten und Kalkstein aus dem Altmühltal wurden auf der ganzen Welt verbaut. Nun sind sie vielen zu teuer geworden.

(Foto: imago)
  • 150 Millionen Jahre ist der Kalkstein aus dem Altmühltal in der Erde gereift, er gilt als härtester der Welt und wird schon seit Jahrhunderten an vielen Orten auf der Welt verbaut.
  • Doch nun stecken die Steinbrüche und Steinverarbeiter im Altmühltal in einer beispiellosen Krise.
  • Die Unternehmen schaffen es nicht, sich gegen Hersteller von Imitaten und Billigkonkurrenz durchzusetzen und melden Insolvenz an.
Von Uwe Ritzer, Solnhofen

"Die Welt in Stein" könne man bei ihnen erleben, locken die Solnhofener. Und es stimmt ja auch: Das paläontologische Museum in der Altmühltalgemeinde (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) genießt international einen hervorragenden Ruf. Ist es doch voller großartig erhaltener Fossilien, eine jede um die 150 Millionen Jahre alt. Drei der weltweit 13 "Archaeopteryx"-Versteinerungen sind dort zu sehen; für jeden dieser Urvögel würden private Sammler horrende Summen bezahlen. Es gibt neben dieser historischen aber auch eine höchst gegenwärtige "Welt in Stein" in und um Solnhofen. Und um die steht es schlecht.

Bauboom hin oder her - in den Steinbrüchen und bei den Steinverarbeitern im Altmühltal kämpfen sie gegen eine beispiellosen Krise. Jahrhunderte lang waren Solnhofer Platten und Jura-Kalkstein aus der Region auf kleinen privaten wie großen öffentlichen Baustellen gleichermaßen gefragt. Als Bodenplatten, Decken- oder Wandverkleidungen, innen oder im Außenbereich. 150 Millionen Jahre in der Erde gereift, gilt der Kalkstein aus dem Altmühltal als härtester der Welt; witterungsresistent, rutsch- und abriebfest, mit einer charakteristischen und zeitlosen Oberfläche, die farblich zwischen gelb und rötlich changiert. Jede Platte ist ein Naturprodukt und damit auch optisch ein Unikat. Schon die Römer verlegten den Stein aus dem Jura in ihren Thermen; auch in der berühmten Hagia Sophia in Istanbul oder dem Reichstag in Berlin ist er zu finden.

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Doch alle Referenzen helfen den Herstellern nichts wenn die Folgegeschäfte ausbleiben. Schmerzhaft erfährt dies gerade die Firma Ludwig Stiegler, gegründet vor 257 Jahren, ein Familienunternehmen mit Sitz in Solnhofen, geführt in achter Generation. Seit 2001 sei der Umsatz um 80 Prozent geschrumpft, rechnet Inhaber Ludwig Stiegler vor. Mit dem Verkauf anderer Steine und Fliesen konnte das Unternehmen diesen Rückgang nicht auffangen. So blieb Stiegler nichts anderes übrig, als vor wenigen Tagen beim zuständigen Ansbacher Gericht einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren zu stellen. Nun bangen 80 Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze; vor wenigen Jahren beschäftigte die Firma noch etwa doppelt so viele Menschen.

Niemanden in der Branche hat das wirklich überrascht. Stiegler ist kein Einzelfall und es trifft auch nicht nur Solnhofen. "Wir erleben ein extremes Firmensterben", sagt Rainer Krug, Geschäftsführer des Deutschen Naturwerkstein-Verbands mit Blick auf das Altmühltal. Immer weniger Steine werden von immer weniger Firmen gefördert und verkauft. Viele Unternehmen haben seit Jahren Umsatzeinbrüche von 50 Prozent und mehr und halten sich nur mit Zusatzgeschäften oder der Produktion anderer Baustoffe über Wasser. Vor zehn Jahren, rechnet Verbandsgeschäftsführer Krug vor, habe es im bayerischen Juragebiet noch mehr als 20 Steinbetriebe gegeben, inzwischen seien es weniger als zehn. Experten wie Krug gehen davon aus, dass in wenigen Jahren nur noch zwei oder drei große Firmen übrig sein werden.

Es ist ein Strukturwandel, von dem Fachleute sagen, er habe bei der Münchner Baumesse 2003 eingesetzt. Damals traten dort zum ersten Mal in großem Stil Anbieter auf, die den Solnhofer Kalkstein seither immer perfekter imitieren. Heute gibt es keramische Fliesen, deren Oberfläche optisch so verblüffend genau jener der Solnhofer Platten entspricht, dass selbst Fachleute den Unterschied optisch kaum erkennen können. Diese Imitate sind deutlich billiger als die Originale. Anbieter sind Krug zufolge hauptsächlich Konzerne aus Italien oder der Türkei.

Die Gemeinde spürt die Folgen unmittelbar

Hinzu kommt Billigkonkurrenz aus China. "Diese Hersteller liefern zu Preisen, mit denen unsere Firmen nicht zuletzt angesichts ihrer Lohnkosten nicht konkurrieren können", sagt Krug. Dass die Bedingungen sowohl was Löhne, als auch Arbeitsschutz und Umwelt in den chinesischen Firmen weitaus schlechter sind, interessiert den Käufer im Westen weniger als der Preis. Krug äußert auch Zweifel daran, dass alle Zertifikate, die Steinherstellern in China oder Indien bescheinigen, keine Kinder als Arbeiter zu beschäftigen, immer stimmen. "Wenige dieser Zertifikate sind wirklich zuverlässig", sagt Krug, "da wird auch viel getrickst."

Abgesehen davon ist die Gewinnung des Steins aus dem Altmühltal aufwendig und damit teuer. Mit der Hand brechen sogenannte "Hackstockmeister" seit Jahrhunderten den Stein in unförmigen Platten aus den Brüchen, der anschließend in Firmen wie Stiegler zugeschnitten und weiterverarbeitet wird. Die Platten eignen sich von ihrer Beschaffenheit her auch für Lithografie-Druck. Auch hier sitzen die Abnehmer um den Globus verteilt, wobei dieses Geschäft naturgemäß eher eine künstlerische Nische bedient als das Massengeschäft am Bau.

Die Folgen all dessen erlebt die Gemeinde Solnhofen unmittelbar. Viele Jahre war die knapp 1900 Einwohner zählende Kommune unmittelbar an der fränkischen Grenze zu Oberbayern eine der reichsten der Umgebung. Bürgermeister Manfred Schneider (SPD) muss nicht lange suchen, er hat die Zahlen parat. "In den guten Jahren vor der Krise hatten wir bis zu zwei Millionen Euro Gewerbesteuereinnahmen jährlich." Für das laufende Jahr kalkuliert er mit etwa 400 000 Euro und es wäre noch viel weniger, gäbe es nicht am Ort auch ein Zementwerk, das vom momentanen Bauboom enorm profitiert.

Zwischen 1999 und 2008, holt Bürgermeister Schneider weiter aus, boten die Firmen in Solnhofen 640 Arbeitsplätze. Aktuell sind es noch 550 und wenn der vorläufige Insolvenzverwalter Helmut Eisner für die Firma Ludwig Stiegler überhaupt keinen Übernehmer findet oder ein Käufer auf Personalreduzierungen besteht, könnte die Zahl zum Jahreswechsel auf unter 500 sinken.

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