Wenn der Milchlaster kommt, weiß Erna Haberl, dass bald wieder Wasser aus der Leitung fließt. Aus ihrem Fenster sieht die 85-Jährige alle zwei Tage einen Tanklaster durch die Siedlung rollen. Ohne dessen Ladung, etwa 16 000 Liter Trinkwasser, würden in Solla im Bayerischen Wald, 400 Einwohner, nur noch Tropfen aus ihrem Wasserhahn kommen. Und ohne Wasser kein Duschen, Kochen, Gießen. Auch die Waschmaschine sei schon stehen geblieben, weil die Versorgung unterbrochen war. Mal fließt Wasser, mal nicht. „Das geht schon seit Wochen so“, sagt Haberl am Telefon.
Die Rentnerin lebt seit 30 Jahren in Solla, einem Ortsteil von Thurmansbang im Landkreis Freyung-Grafenau. Dass das Wasser wie in diesem Sommer ausgeht und notdürftig von Milchlastern herangeschafft werden muss, habe sie noch nicht erlebt. „Aber mei, man muss jetzt damit umgehen“, sagt Erna Haberl. Zur Reserve stehen fünf volle Plastikkanister bei ihr zu Hause.

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Die Gemeinde zählte in einer Mitteilung Anfang der Woche eine Reihe von Ursachen auf, die zur Wassernot geführt haben sollen: anhaltende Trockenheit, zwei versiegte Quellen und mangelnde Schneeschmelze. „Hinzu kommen verschiedene Wasserrohrbrüche im Versorgungsgebiet und höhere saisonbedingte Wasserabnahmen.“ Es kommt gerade viel zusammen.
Die Probleme seien seit Wochen groß, sagt der Zweite Bürgermeister Stefan Braml am Telefon. Man müsse Leitungen reparieren oder neu verlegen, das Netz sei ziemlich „in die Jahre gekommen“. Ein Anschluss des Ortsteils an den Trinkwasserspeicher Frauenau, der weite Teile Niederbayerns seit Jahrzehnten zuverlässig mit Wasser versorgt, sei bislang nicht geplant.
Die Situation in Solla erinnert an den Fall des Bayerwald-Dorfes Mitterfirmiansreut. Dort wurde im November 2015 ebenfalls das Trinkwasser knapp, nachdem wichtige Quellen trockengefallen waren: zu wenig Regen, zu wenig Schnee. Probleme, die mit der zunehmenden Klimaerwärmung immer häufiger auftreten. Auch in Mitterfirmiansreut lieferten Tanklaster mehrmals am Tag Wasser in den Ort. Die Rettung brachte damals eine neue Quelle.
Die Milchlaster seien momentan „die einzig machbare Lösung“
Wann das Bergdorf Solla mit seinen 400 Einwohnern wieder regulär versorgt werden kann, ist derzeit offen. Man sei „ununterbrochen damit beschäftigt, die Situation in den Griff zu bekommen“, heißt es in einer Stellungnahme des Rathauses. Die Milchlaster seien momentan „die einzig machbare Lösung“, um eine Grundversorgung anzubieten. Das Wasser, das sie ins Leitungsnetz einbringen, muss auf Anordnung des Landratsamtes in den Häusern und Wohnungen abgekocht werden. Bewohner werden zu einem sparsamen Umgang aufgerufen. Die Situation werde wohl „die nächsten Tage, vielleicht Wochen“ so bleiben, sagt der Zweite Bürgermeister Braml.
Von den Menschen erhalte er gemischte Reaktionen. „Es gibt Verständnis, aber ein paar sind natürlich aufgebracht“, sagt er. Laut Bayerischem Rundfunk sollen Mieter ihren Vermietern schon mit Zahlungskürzungen und Kündigungen gedroht haben. Braml kann den Frust nachvollziehen, die Wasserkrise sei ja auch für die Mitarbeiter in der Verwaltung herausfordernd. „So extrem war es noch nie.“
Zusätzlichen Unmut erregten zudem Berichte, die den Feriengästen im Ort die Schuld zuschoben. „Tourismus führt zu Wasserknappheit, auch mitten in Deutschland“, schrieb etwa die Bild. Das Rathaus widersprach: „Die Touristen beziehungsweise Besucher sind nicht Auslöser der Wasserknappheit im Ort, sondern ebenso wie die Einheimischen Leidtragende der Situation.“ Natürlich seien Urlauber auch weiterhin willkommen. Nach der Wasserkrise will man nicht auch noch in eine Tourismuskrise stürzen.

