Besuch im Flüchtlingslager Söder weiß nicht recht, wohin mit sich

Während seiner Reise nach Äthiopien trifft der Ministerpräsident auf Menschen, die weder ihn noch Bayern kennen. Er übt sich tapfer in der Kunst der Empathie.

Von Katja Auer, Addis Abeba

Ein "neues Kapitel in der bayerischen Politik" will er aufschlagen, drunter macht es Markus Söder nicht. Bayern macht jetzt Afrikapolitik, der Ministerpräsident ist nach Äthiopien gereist. Weil "alles mit allem zusammenhängt", Wirtschaft, Demokratie, Migration, die Chinesen und der FC Bayern. Und weil Söder jetzt endgültig zu den Guten gehören will.

Er hat ein paar solcher Sätze dabei, knapp und eingängig, sie sollen die Botschaft sein dieser Reise. Bayern will helfen, Bayern kann helfen - und soll am Ende auch davon profitieren. Söder hat einen Baum gepflanzt für den Klimaschutz, der deutschen Kirchenschule einen Sonnenkollektor spendiert, die neue Fußballschule des FC Bayern München eröffnet, ein Kaffeelagerhaus besucht, das von Kleinbauern beliefert wird. Schöne Projekte, schöne Fotos.

Politik in Bayern Was sich nach einem Jahr Söder verändert hat
Bayern

Was sich nach einem Jahr Söder verändert hat

Markus Söder regiert Bayern und die Berge sind nicht eingestürzt. Es gibt eine Koalition, mehr direkte Demokratie und viele Wohltaten. Und eine Opposition, die vom neuen Stil recht wenig spürt.   Von Olaf Przybilla, Lisa Schnell und Wolfgang Wittl

Im Flüchtlingscamp Nguenyyiel im Westen Äthiopiens bekommt die neue Afrikapolitik noch mehr Gesichter. Und die alte Flüchtlingspolitik der CSU, denn da trifft Söder auf die Menschen, die er und seine Partei zur Bedrohung stilisierten während der Flüchtlingskrise und noch danach. Das ist eine Wahl und einen rigorosen Imagewandel her, Söder hat das Wort "Asyltourismus" zurückgenommen und auch sonst die Schärfe aus der Debatte. Das hat er, das hat die CSU aus dem schlechten Wahlergebnis gelernt.

Das Flüchtlingscamp liegt nahe der Grenze zum Südsudan, eineinhalb Stunden Fahrt sind es vom Flughafen Gambela über Sandpisten durch die Savanne. Ein paar Hütten, Plastikmüll am Wegesrand, in dem Marabus herumstaksen. Sonst lange nichts. Dann stehen Kinder bereit, sie singen aus vollem Hals, Frauen tanzen, "we are happy to see you today". Fröhlich wirkt das, auf den ersten Blick. Aber die Menschen leben in einfachen Strohhütten, Hilfsorganisationen haben Toiletten aufgestellt. Die Kinder tragen zerrissene Klamotten oder gar keine, in der Schule drängen sich mehr als hundert in einem Klassenzimmer. Söder spricht von der beeindruckenden Lebensfreude, die sei "typisch afrikanisch". Es ist sein erster Besuch in einem Flüchtlingslager. Er war schon öfter in Afrika, zum Urlaub in Tunesien, Marokko, Ägypten, in Kenia, Tansania und zu seinem 50. Geburtstag auf Safari in Südafrika.

Das ist kein touristischer Besuch. Söder weiß nicht recht, wohin mit sich. Klar, für das Foto zwischen die Kinder gestellt. Aber lächeln oder ernst schauen, wie reagieren auf die vielen Menschen? Die wissen nichts vom Asyltourismus, nicht einmal von Bayern und schon gar nicht, wer der Mann im hellen Sakko überhaupt ist. Aber dass er vielleicht helfen kann, das scheint sich herumgesprochen zu haben, ein Mann greift zum Mikrofon. "We need your support", sagt er. 100 000 Euro spendet Bayern an das Kinderhilfswerk Plan International, das im Camp eine Schule für 5000 Kinder betreibt. Eine Bibliothek mit Mobiliar und Büchern soll davon eingerichtet werden, außerdem bekommen auch vier andere Schulen in der Umgebung Geld für neue Klassenzimmer.

Gut 84 0000 Menschen leben nach der jüngsten Berechnung des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) derzeit in dem Lager, die meisten sind vor dem Bürgerkrieg in Südsudan geflohen. Äthiopien ist das zweitgrößte Aufnahmeland für Flüchtlinge in Afrika, mehr als 900 000 Menschen vor allem aus Südsudan, Sudan, Eritrea und Somalia leben in dem armen Land.

Verkehr in München Söder fährt drei Stationen S-Bahn - warum das eine Meldung ist
Verkehr

Söder fährt drei Stationen S-Bahn - warum das eine Meldung ist

Der bayerische Ministerpräsident gibt dabei seine Meinung zum öffentlichen Nahverkehr kund. Schon beim Ticketkauf zeigt er sich verärgert.   Von Andreas Schubert

Er sei beeindruckt von der "Inner-Solidarität", sagt Söder, also davon, dass afrikanische Länder afrikanische Flüchtlinge aufnehmen. Wovon Europa profitiert, weil sich die Menschen dann vielleicht nicht auf den gefährlichen Weg machen über das Mittelmeer. Deswegen müsse Europa, müsse Bayern helfen. "Alles, was hier verpasst wird und hier an Fehlern gemacht wird, betrifft irgendwann Europa", sagt Söder. Deswegen sei deutsches Steuergeld in Äthiopien gut angelegt.

Er sei "beeindruckt", sagt Söder mehrmals, viel mehr Emotionen sind ihm nicht anzumerken. Imagewandel hin oder her, Empathie gilt nicht als seine stärkste Eigenschaft. Das weiß er vermutlich, er sagt, er müsse alles erst mal sacken lassen. Ganz anders Jörg Wacker, Vorstandsmitglied beim FC Bayern München, der die Delegation begleitet, weil der Verein in Addis Abeba seine sechste Fußballschule eröffnet. "Boah, das muss man erst mal verarbeiten", sagt er und wirkt ehrlich betroffen. "Das ist schon was anderes, als wenn man das nur im Fernsehen sieht."