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Wintertourismus:Betreiber von Skiliften in Bayern fürchten um halben Jahresumsatz

Brauneck - Abfahrt - Schneekanone

Skifahrer-Blues: Am Brauneck bei Lenggries stehen, wie in fast allen bayerischen Skigebieten, die Lifte still.

(Foto: Manfred Neubauer)
  • Den Liftbetreiber in den bayerischen Skigebieten droht der halbe Jahresumsatz wegzubrechen.
  • Der natürliche Schnee ist in diesem Winter noch nicht gefallen, für Kunstschnee aus den Kanonen ist es zu warm.
  • Die Prognosen für die kommenden Jahre lassen kaum kältere Winter vermuten.

Von Christian Sebald, Lenggries

Es ist ein herrlich milder Sonnentag im Isarwinkel, doch an der Talstation der Brauneck-Bergbahn herrscht ungewöhnliche Ruhe. Allenfalls Wanderer lösen Tickets, viele Gondeln fahren leer den Berg hinauf. Liftchef Peter Lorenz spricht sich derweil Mut zu.

"Natürlich tut das weh, wenn in den Winterferien kein Schnee liegt", sagt er. "Aber das ist nichts Neues. Warme Winter haben wir immer wieder gehabt." Lorenz muss es wissen. Der Ingenieur ist seit 35 Jahren im Liftgeschäft. "In zehn", sagt er mit Nachdruck, "war's um Weihnachten so warm, dass nichts ging auf den Pisten."

In richtigen Wintern ist in den Weihnachtsferien die Hölle los am Brauneck. Dann tummeln sich täglich bis zu 8000 Skifahrer und Snowboarder auf den Pisten zwischen Isarwinkel und Latschenkopf. Das Familienskigebiet bei Lenggries, das sich von 700 bis 1770 Meter Höhe erstreckt, zählt zu den beliebtesten in Bayern.

Es hat schon in vielen Wintern wenig Schnee gegeben

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es nur 60 Kilometer von München entfernt liegt. Es liegt aber auch daran, dass der Isarwinkel zu den begehrtesten Urlaubsregionen im Freistaat zählt.

Hier kommen alle auf ihre Kosten. Anfänger üben auf den Talhängen. Genussfahrer bevorzugen die Familienabfahrten am Milchhäuslexpress, bei der Finstermünzalm und hinten am Latschenkopf. Ambitionierte Wintersportler nehmen die Weltcupabfahrt am Garland, einst die Hausstrecke von Skistars wie Michaela Gerg. Dieser Tage sieht man am Garland höchstens Wanderer den Bergpfad hinaufstapfen. Vom Kunstschnee, den die Schneekanonen dort vor Wochen auf Vorrat aufgetürmt haben, liegen nur Überreste herum.

Brauneck - Abfahrt - Schneekanone

Die Alternative für die schneelose Zeit - eine Wanderung.

(Foto: Manfred Neubauer)

So wie am Brauneck sieht's derzeit überall in Bayerns Skigebieten aus. Ob am Hörnle in Bad Kohlgrub, am Jenner im Berchtesgadener Land oder in Oberjoch bei Bad Hindelang - die Lifte stehen still, die Abfahrten liegen herbstlich braun in der Sonne da. Nur in wenigen Regionen haben sie mit Mühe und Not die eine oder andere Kunstschneepiste hinpräpariert - am Sudelfeld etwa. Aber auch hier sind die meisten Abfahrten zu.

Nur die hochalpinen Gebiete haben noch Schnee

Einzig in den hochalpinen Skigebieten auf der Zugspitze und in Oberstdorf läuft der Betrieb halbwegs. Im Bayerischen Wald hingegen bieten sie "Würstlwanderungen" und "Christmas-Biken" an, weil sonst nichts möglich ist.

Für Experten wie Paul Becker, den Vizechef des Deutschen Wetterdienstes, und Claus Kumutat, den Chef des Landesamts für Umwelt, ist die Sache klar. So milde Winter wie dieser sind Auswirkungen des Klimawandels. Zwar betonen sie ein ums andere Mal, der Klimawandel sei eine viel zu komplexe Sache, als dass man das aktuelle Spätherbst-Wetter unmittelbar auf ihn zurückführen könne.

Aber wenn man die Aussagen in dem Klimareport ernst nimmt, den sie kürzlich für die Staatsregierung erstellt haben, gibt es nur eine Schlussfolgerung: Milde Winter wie diesen wird es künftig immer öfter geben.

Die Schneesicherheit ist bedroht

Brauneck - Abfahrt - Schneekanone

Es ist einfach zu warm, sogar für Kunstschnee, und so ist der Speicherteich an der Garlandalm noch gut gefüllt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Das heißt: Die Schneesicherheit, die das Brauneck und die meisten anderen Skigebiete in Bayern für sich reklamieren, ist akut bedroht. Für die Schneesicherheit gibt es eine gleichsam amtliche Definition. Eine Region gilt als schneesicher, wenn dort an wenigstens 100 von den 136 Tagen zwischen 1. Dezember und 15. April mindestens 30 Zentimeter Schnee liegen.

Aber nicht nur die Schneesicherheit ist in Gefahr, sondern auch der sogenannte Weihnachtsindikator - also die Tatsache, dass in den Skigebieten um Weihnachten herum so viel Schnee liegt, dass die Wintersportler ihren Spaß auf den Pisten haben.

In den Weihnachtsferien kommt der Umsatz

Denn die Weihnachtsferien sind die Wintersportzeit schlechthin. Wer Ski fährt, tut das am liebsten in der Zeit zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag. Eine Faustregel der Liftbetreiber besagt: In den Weihnachtsferien machen die bayerischen Skigebiete etwa die Hälfte des Umsatzes der jeweiligen Saison. Ein Viertel erwirtschaften sie in den einwöchigen Faschingsferien. Der Rest entfällt auf die übrigen Saisonwochen. Wenn also ein Skigebiet über Weihnachten zu ist, geht ungefähr die Hälfte des Saisonumsatzes verloren.

Der Klimareport der Staatsregierung macht eindringlich klar, wie schlecht es bereits um den Winter in Bayern bestellt ist. In den vergangenen 80 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in der kalten Jahreszeit um 1,2 Grad Celsius angestiegen. In den Alpen schreitet die Klimaerwärmung noch schneller voran. So ist es in Garmisch-Partenkirchen, das auf der gleichen Höhe wie Lenggries liegt, binnen 55 Jahren im Winterhalbjahr um fast ein Grad wärmer geworden. Bis 2050 werden die Durchschnittstemperaturen in Bayern um bis zu zwei Grad ansteigen, bis 2100 könnten es sogar 4,5 Grad Celsius mehr werden.

Die Zahlen der Statistiker geben nicht viel Anlass zur Hoffnung auf schneereiche Winter in der Zukunft.

(SZ-Grafik; Quelle: BR)

Die Folgen für die Winterfreunde: Nicht nur weiße Weihnachten wird es immer seltener geben. Die Winter insgesamt werden immer kürzer. Laut Klimareport beginnt schon jetzt der Frühling neun Tage früher als vor 50 Jahren, die Vegetationsperiode hat sich insgesamt um 26 Tage verlängert. Entsprechend hat sich die Zahl der Schneetage verringert, der Tage also, an denen überhaupt Schnee liegt. Durchschnittlich beträgt das Minus elf Tage, die Grafik für Garmisch-Partenkirchen dürfte also ziemlich exakt im Trend liegen. Die Zahl der schneesicheren Tage hat zum Teil noch sehr viel deutlicher abgenommen - im Berchtesgadener Land etwa um 31 Tage.

Es sieht nicht gut aus für die kommenden Jahrzehnte

Entsprechend düster sieht die Zukunft aus. Laut Klimareport wird sich die Zahl der Schneetage bis 2050 bayernweit um bis zu 60 verringern. Ebenso die der Frosttage. Sie sind für die Skigebiete so wichtig, weil die Schneekanonen nur bei Minusgraden laufen. Bislang gab es in den Bergen 150 Frosttage und mehr im Jahr. Bis 2100 könnte ihre Zahl auf unter 100 sinken. Das Fazit der Forscher: "Die Schneeverhältnisse, die heute auf circa 1000 Metern Höhe herrschen, werden in Zukunft erst auf 2000 Metern Höhe zu finden sein."

Natürlich kennt Liftchef Lorenz diese Prognosen sehr genau. Seine Reaktion: Er rüstet auf - mit Millionen-Aufwand. "Seit 2005 haben wir 20 Millionen Euro in die Schneesicherheit am Brauneck investiert", sagt Lorenz. An der Garlandalm haben sie ein Beschneiungsbecken für 100 000 Kubikmeter Wasser in den Fels betoniert, sie haben zig Kilometer Leitungen in den Berg gegraben, dazu Schneilanzen und Schneekanonen angeschafft. "Damit schaffen wir locker hundert und mehr Schneetage pro Saison", gibt sich Lorenz sicher, "und zwar auf Jahre hinaus."

Bisher ist der Schnee noch immer gekommen

Denn, so lautet das Credo von Lorenz und all den anderen Liftchefs im Freistaat: Auch in Zukunft werden zumindest die Winternächte so kalt sein, dass die Schneekanonen laufen und Kubikmeter um Kubikmeter feinste Eiskristalle herausschleudern können. Natürlich hat Lorenz dafür Zahlen parat. "Unsere Familienabfahrt hinten bei Wegscheid, die war im Winter 2013/2014 gerade mal zwölf Tage offen, weil es so wenig Schnee gab", sagt er. "Als wir einen Winter später dort die Beschneiung hatten, haben wir die hundert Schneetage locker erreicht - obwohl der Winter nicht besser war als der davor."

Deshalb lässt sich Lorenz auch jetzt nicht irre machen. "Der Schnee kommt schon noch", sagt er, auch wenn sich seine Stimme inzwischen ein wenig trotzig anhört. "Schließlich ist er noch jedes Jahr gekommen - und abgerechnet wird erst nach Ostern."

Einen Überblick über die Situation in den bayerischen Skigebieten liefert die Internetseite des Verbands Deutscher Seilbahnen.

© SZ vom 28.12.2015/vewo

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