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Skisprungschanze in Garmisch:Den Absprung verpasst

Der Bau der neuen Skisprungschanze in Garmisch-Partenkirchen hat mehr als 17 Millionen Euro gekostet - fast doppelt so viel wie geplant. Auf den Mehrkosten bleibt die Gemeinde sitzen. Jetzt hat die Suche nach den Schuldigen begonnen.

Heiner Effern

Die neue Skisprungschanze ist längst schon wieder ein Wahrzeichen von Garmisch-Partenkirchen, wie es die alte bereits gewesen war. Von einem futuristisch anmutenden Anlaufturm stürzen sich seit knapp vier Jahren die Skispringer ins Tal. Doch nach dem Rausch der ersten Springen folgt nun der Kater. 17,24 Millionen Euro kostete der Neubau, die erste Schätzung hatte noch bei unter zehn Millionen Euro gelegen. Auf den Mehrkosten bleibt die Gemeinde sitzen, weshalb nun die Suche nach den Schuldigen begonnen hat.

Einweihung der neuen Skisprungschanze in Garmisch-Partenkirchen

Einweihung der neuen Skisprungschanze in Garmisch-Partenkirchen Die neue Skisprungschanze, aufgenommen am Freitag (21.12.07) in Garmisch-Patenkirchen in Bayern. Der erste offizielle Wettkampf auf der neuen Schanze findet am Freitag mit einem FIS Continental-Cup statt. Foto: Timm Schamberger /ddp

(Foto: ddp)

Der Kommunale Prüfungsverband erhebt in einem von der Gemeinde bisher nicht veröffentlichten Bericht schwere Vorwürfe gegen Bürgermeister Thomas Schmid und dessen Verwaltung: Unnötiger Zeitdruck, ungeschickte Auftragsvergaben und eine zu späte Planung haben nach Ansicht der Prüfer einen Großteil der Mehrkosten von mehr als sieben Millionen Euro verursacht. Auch mangelnde Transparenz gegenüber dem Gemeinderat und eine lückenhafte Dokumentation des Bauprojekts werden gerügt.

Bürgermeister Thomas Schmid (Christlich Soziales Bündnis) weist jede persönliche Verantwortung von sich. Im Bericht der Prüfer sieht er laut Mitteilung keine Anhaltspunkte, "dass ein persönliches Verhalten von den am Bau Beteiligten die Kostensteigerung verursacht hätte". Auf die Frage nach der Kostensteigerung gegenüber dem ersten Wettbewerbsergebnis lässt Schmid seine Pressestelle schriftlich antworten, "dass nichts schief gelaufen" sei. Der Grund liege nicht im unvermeidbaren Zeitdruck, sondern in den gestiegenen Stahlpreisen, unvorhersehbaren geologischen Problemen, überraschenden Mehrkosten beim Erdbau und Sonderwünschen des Sports.

Die kommunalen Prüfer sehen jedoch den Zeitdruck als Knackpunkt für die Mehrkosten. Die neue Schanze in nur einem Jahr zu planen und zu bauen, damit das Neujahrsskispringen in Garmisch-Partenkirchen 2008 nicht ausfallen musste, wäre ihrer Ansicht nach vermeidbar gewesen. Die Planung war wegen des engen Terminplans nach Angaben der Prüfer so unzureichend vorbereitet, dass sie praktisch zeitgleich mit den Bauarbeiten erfolgte. Die entscheidende Kostenberechnung soll gar erst erstellt worden sein, als ein Eingreifen in den Bauablauf nicht mehr möglich war.

Als schon im Frühjahr 2007 deutlich wurde, dass die Kosten aus dem Ruder laufen, empfahl nach Recherchen der Prüfer der von der Gemeinde beauftragte Projektsteuerer, die Sprengung der alten Schanze zu verschieben, bis der Auftrag für den teuren Stahlbau vergeben sei. Außerdem solle die Kommune mit dem Weltskiverband (Fis) verhandeln, ob das Neujahrsskispringen 2008 nicht noch auf der alten Schanze ausgetragen werden könne. Belege, dass die Gemeinde tatsächlich eine Verlängerung der Sprunggenehmigung zu erhalten versuchte, fanden die Prüfer aber nicht. Auf Nachfrage der SZ antwortet die Gemeinde dazu ausweichend.

Doch die Prüfer haben bei der Gemeinde eine Notiz eines Gespräches mit einem Fis-Verantwortlichen gefunden, wonach es durchaus üblich sei, während der Bauphase von Schanzen eine Verlängerung der Sprunggenehmigung zu bekommen. Dem widerspricht Walter Hofer, Sprungdirektor der Fis, der im nachhinein glaubt, "dass eine Verlängerung nicht mehr stattgefunden hätte".

Statt den Neubau zu verschieben, hat die Kommune nach Erkenntnis der Prüfer zu streichen begonnen: Auf die Flutlichtanlage und die Hangtribüne wurde verzichtet, an der Fassade wurde beim Material gespart. Doch auf die Verlegung der Sprengung verzichtete die Gemeinde, was möglicherweise fatale Folgen hatte: Der Preis für die Stahlbauten lag zwei Millionen Euro über der ersten Rechnung, was nach Meinung der Prüfer ausdrücklich nicht an gestiegenen Rohstoffpreisen lag. Die Sprengung der Schanze vor Vergabe der Stahlbauarbeiten habe "die Gemeinde erpressbar gemacht", sagt Siegrid Meierhofer, Fraktionssprecherin der SPD im Gemeinderat.

Für die Opposition ist seit langem klar, wer die Millionen in den Sand gesetzt hat, auch wenn sie sich zum noch geheimen Prüfbericht nicht äußern darf. "Der Bürgermeister trägt die Verantwortung", sagt SPD-Frau Meierhofer. Sie macht ihre eigene Rechnung auf, warum der Bau so schnell durchgezogen wurde. "Im März 2008 waren Kommunalwahlen. Die Schanze sollte ein Argument für die Wiederwahl des Bürgermeisters sein." Auch ihre Kollegin Elisabeth Koch (CSU) sieht das so. "Es steht zu vermuten, dass die Schanze wegen der Wahl am 1. Januar 2008 stehen musste. Das hat uns Millionen gekostet."

Die mangelnde Transparenz hat sich der Gemeinderat nach Ansicht der Prüfer in Teilen aber selbst zuzuschreiben. Die Politiker haben ihre Verantwortung als Bauherr einem kleinen Beschlussgremium übertragen, dem der Bürgermeister vorstand, in dem aber kein Gemeinderat mehr saß. "Dort gab es aber nur Wasserstandsmeldungen, die Entscheidungen wurden in der Gemeinde getroffen", sagt Michael Maurer, der als Vorsitzender des SC Partenkirchen dabei war. Für ihn liegt die Ursache der Kostenexplosion ohnehin ganz woanders: "Die Kosten waren von Anfang an viel zu niedrig angesetzt." Am 10. Oktober soll der Bericht des kommunalen Prüfungsverbands im Gemeinderat behandelt werden.

© SZ vom 06.10.2011/bica

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