„Die Kaiserin war sechzig Jahre alt und nicht die Natur, um glücklich zu altern. Hätte sie einen schmerzlosen Tod und danach die Glorifikation ohne Gegenrede gewünscht, hätte sie enden müssen, wie sie es getan hat.“ Marie, Freifrau von Redwitz, einst Hofdame von Herzogin Amalie in Bayern, analysierte in ihrer „Hofchronik 1888 – 1921“ die Ursachen des Kults um Kaiserin Elisabeth schon ziemlich klar. Seit der Ermordung der österreichischen Landesmutter durch den italienischen Anarchisten Luigi Lucheni im September 1898 wurde ihr Leben idealisiert, zur Legende umgedeutet. Bis heute ist „Sisi“ unverändert omnipräsent in Büchern, Dokumentationen, Filmen und Serien, genießt weltweite Popularität.
Vieles davon ist romantischer Kitsch ohne einen Bezug zum realen Leben der Kaiserin von Österreich. Trotzdem trägt fast jeder seine eigenen Sisi-Bilder im Kopf mit sich herum. Prägend für viele Klischees sind und waren die „Sissi-Filme“ mit der jungen Romy Schneider und Karlheinz Böhm, von Regisseur Ernst Marischka 1955, 1956 und 1957 gedreht.
Für den Pustet-Verlag und die Regensburger Historikerin Marita A. Panzer sind „70 Jahre Sissi-Filme“ sogar der Anlass, den verschiedenen Gesichter der „seltsamen Kaiserin“ in einem Buch noch einmal nachzuspüren. Entstanden ist eine kompakte, aber differenzierte Biografie, die nicht nur der historischen Wirklichkeit folgt, sondern mit kritischem Blick versucht, der Persönlichkeit von Elisabeth gerecht zu werden.
Einen besonderen Fokus richtet Panzer auf die ihrer Ansicht nach oft vernachlässigten Jugendjahre der bayerischen Herzogin. Sie stellt Eltern und Geschwister vor, berichtet über Erziehung und Ausbildung, beschreibt die überraschende Verlobung der noch nicht einmal 16 Jahre alten Sisi in Bad Ischl. Sie reagierte zwar verschreckt, nahm aber den Antrag an, denn „dem Kaiser von Österreich gibt man keinen Korb“, wie ihre Mutter feststellte.
Die dreitägige Brautreise von München nach Wien, von Panzer ausgiebig geschildert, fand großen Widerhall in den Zeitungen. Liest man deren Berichte, wird klar, wie viele Empfänge, Begrüßungen und Huldigungen die Braut durchzustehen hatte. Die „herzlichste Teilnahme“ der Bevölkerung war sicher nicht immer leicht zu ertragen.
Elisabeth war in Bayern in großem Luxus aufgewachsen, und an diesem Lebensstil änderte sie auch als Kaiserin nichts. Für ihre Reisen, ihre „Fluchten aus Wien“ (Panzer), gab sie riesige Summen aus. Allein ihr erster, sechsmonatiger Aufenthalt auf Madeira im Jahr 1860, ihrer angegriffenen Gesundheit geschuldet, kostete laut Panzer 188 936 Gulden, rund 2,5 Millionen Euro. Schließlich musste eine Villa eigens für sie vorbereitet werden, die 30 Leute des Hofstaats Platz finden, diverse Tiere untergebracht werden.

Dass sie damals erschöpft war, wundert nicht. Seit ihrer Hochzeit 1854 hatte sie in kurzer Zeit drei Kinder geboren und eines bereits wieder begraben. Angstzustände plagten sie, vor allem als Kaiser Franz Joseph 1859 zu seinen in Italien kämpfenden Truppen eilte. „Die Fassungslosigkeit der Kaiserin übersteigt alle Begriffe“, zitiert Panzer eine der Kinderpflegerinnen. „Sie hat seit gestern nicht zu weinen aufgehört, isst nichts und bleibt immer allein …“ Auch als der Kaiser zurück war, blieb sie psychisch labil, erlitt in aller Öffentlichkeit Panikattacken. Im Herbst 1860 war allen klar, dass sie eine „Auszeit“ benötigte.
Die Erholung auf Madeira war der Anfang, viele weitere Reisen folgten. Ihre Abwesenheit von Wien verstetigte sich im Laufe der Jahre, sie vernachlässigte ihre kaiserlichen Pflichten, wofür man in Wien wenig Verständnis hatte. Der Selbstmord des Kronprinzen Rudolf steigerte Elisabeths Rastlosigkeit und forcierte ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit. Sie war fast ständig unterwegs, liebte vorwiegend das Meer und Kreuzfahrten. Seekrank war sie nie.
Sehr stolz war sie auf ihre langen Haare
Ihr Ruf, einer der schönsten Frauen ihrer Zeit zu sein, ging weit über Europa hinaus. Dieses Image zu erhalten, kostet viel Zeit und Mühe. Elisabeth trieb täglich Sport in eigens eingerichteten Turnräumen, ritt exzessiv, zeitweise sogar Parforcejagden. Sie probierte ständig neue Diäten aus, aß gern Veilcheneis und Zitronensorbet. Dass Sisi sich auf die Schulter einen Anker tätowieren ließ, fand der Kaiser übrigens entsetzlich.
Sehr stolz war sie auf ihre langen Haare. Das tägliche zweistündige Frisieren oblag Franziska Feifalik, einer Meisterin ihres Fachs. Sie war es auch, die die berühmte Flechtfigur kreierte. Da Sisi auf ausgekämmte Haare hysterisch reagierte, brachte Fanny unter ihrer Schürze ein Klebeband an, um sie vor dem Blick der Kaiserin zu verbergen.
Elisabeth wollte unbedingt als ewig junge, strahlende Frau im Gedächtnis bleiben. Von ihrem 40. Lebensjahr an ließ sie sich weder offiziell fotografieren noch malen, verbarg das Gesicht hinter einem Fächer oder unter einem Sonnenschirm. Mit Erfolg. „Als ein strahlendes und poetisches Bild wird in der Geschichte das Andenken an die schmerzensreiche, schönheitsbegeisterte Fürstin fortleben“, notierte Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner 1909 in weiser Voraussicht. Und sie behielt recht.
Marita A. Panzer: Sisi. Elisabeth Herzogin in Bayern, Kaiserin von Österreich. Gesichter einer Frau, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, Preis: 16,95 Euro


