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Simbach:Das zerstörerische Hochwasser hat die Seelen überflutet

Hochwasser in Bayern

Die Flut kam am 1. Juni in Simbach wie ein "Einbrecher ins Haus".

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Ein halbes Jahr nach der katastrophalen Flut im Rottal sprechen die Menschen nicht von Hochwasser - sondern von Gewalt.

Da sind zum Beispiel die Kinder, die draußen den Regen prasseln hören, ihre Spielsachen packen und ein Stockwerk höher in Sicherheit bringen. Die Kinder tun das immer wieder, immer wenn es regnet, auch ein halbes Jahr danach noch. Josef Mittermaier, 60, kennt Hunderte solcher Geschichten, seit Monaten ist er als Seelsorger unterwegs in Simbach, in Triftern, in Untertürken, in Anzenkirchen und überall dort, wo das Hochwasser Häuser und Seelen geflutet hat.

Hochwasser. Ein Wort, das zum Grundwortschatz der Niederbayern gehört. Weil in Niederbayern jedes Jahr irgendwo die Flüsse überlaufen. Doch was am 1. Juni 2016 über das Rottal hereinbrach, war keines dieser Hochwasser, die man kannte. Es war eine Flut, wie sie laut Statistik alle 1000 Jahre vorkommt. Ein Wetterphänomen, das selbst Experten in Bayern für unmöglich hielten. Wenn Josef Mittermaier mit den Menschen spricht, dann redet keiner von Hochwasser, die Menschen reden von Gewalt, "von einer grausamen, brutalen Gewalt", sagt Mittermaier, die urplötzlich da war und alles mitgerissen hat.

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Sieben Menschen sind damals ertrunken, manche in ihrem eigenen Wohnzimmer. Mehr als 5000 Haushalte hat die Flut getroffen, etwa 500 Häuser teilweise oder komplett zerstört, der materielle Schaden liegt bei mehr als einer Milliarde Euro. Es waren diesmal nicht die Flüsse, die übergelaufen sind, es waren kleine, teils knöcheltiefe Rinnsale, die ein sintflutartiger Regen binnen Minuten in meterhohe, reißende Flüsse verwandelte. Die Flutwelle kam so plötzlich "wie ein Einbrecher, der ins Haus kommt und alles zerstört", sagt Josef Mittermaier, der Seelsorger.

Kurz nach der Flut haben Mittermaier und seine drei Kollegen vom Roten Kreuz zwei Container auf dem Simbacher Kirchplatz aufgestellt, inzwischen ist das Team gleich daneben in ein Büro im Wittelsbacherhaus umgezogen. Mehr als ein halbes Jahr ist die Flut her, aber die Seelsorger sind immer noch da, montags bis freitags, am Wochenende sind sie auf dem Handy erreichbar.

Die Flut kam binnen Minuten, aber in der Gefühlswelt der Menschen brachen die Dämme erst später, manchmal Wochen, manchmal Monate danach, manchen steht der seelische Zusammenbruch wohl erst noch bevor. Es sei das Warten, das fast alle Flutopfer irgendwann "mürbe und traurig" mache, sagt Mittermaier. Das Warten darauf, dass es endlich losgehen kann mit dem Neuaufbau ihrer Häuser.

Aber es dauert. Die meisten derer, deren Häuser zerstört wurden, wohnen immer noch bei Freunden oder Verwandten oder hausen im ersten Stock, auf engstem Raum, weil Erdgeschoss und Keller immer noch Baustelle sind. Viele können sich erst leisten, ihr Haus zu sanieren, wenn die Spenden oder die Fördermittel des Freistaats fließen.

Aber dieses Geld gibt es erst, wenn ein Gutachter festgestellt hat, was alles kaputt und wie hoch der Schaden ist. Das Problem: "Die Gutachter kommen mit der Arbeit nicht hinterher, weil sie einen ganzen Berg abarbeiten müssen", sagt Mittermaier. Und diejenigen, die ein Gutachten haben, müssen in der Region erst mal einen Handwerker finden, der wegen all der Flutschäden nicht ausgebucht ist.

Schlaflosigkeit, Angstzustände und Panikattacken. Damit haben viele Flutopfer bis heute zu kämpfen, sagt Seelsorger Mittermaier. Dazu kämen Streits in Familien und Beziehungen, weil die Nerven blank liegen. Mittermaier war selbst nicht betroffen von der Flut, aber selbst er hat immer noch ein mulmiges Gefühl, wenn es stark zu regnen beginnt.

Die Videos von damals, als die Flutwelle Autos und Baumstämme durch die Straßen schleuderte, könne er sich nicht ansehen, "das tut was mit mir, das muss ich sein lassen". Zweieinhalb Jahre werden die Seelsorger im Rottal weitermachen, bis die schlimmsten Seelenwunden verheilt sind, vielleicht auch länger. Man weiß es nicht genau, es gibt ja keine Vergleichsfälle. Was am 1. Juni 2016 im Rottal geschehen ist, sagt Mittermaier, "hat es so noch nie gegeben".

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