Siemens kehrt Bayreuth den Rücken:Jede Menge negative Schlagzeilen

Auch der Vorsitzende der Gesellschaft der Festspiel-Freunde, Georg von Waldenfels, hatte vom Rückzug des Hauptsponsors nach eigenen Angaben "keine Ahnung". Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Festspielleitung ihre treuen Finanziers im Festspiel-Freundeskreis nicht über das nun entstandene Loch von einer Million Euro informiert haben sollte.

Siemens selber hat auch beim vierten Public Viewing im vergangenen Sommer keinen Hinweis über den bevorstehenden Rückzug gegeben. Möglicherweise beruht die Entscheidung auf den laufenden Ermittlungen in Bayreuth: Es geht um den Verdacht der Untreue bei der Kartenvergabe. Auch Siemens bekommt wie alle Sponsoren feste Kontingente - was im Übrigen ein wesentlicher Anreiz für Sponsoren ist und gängige Praxis bei allen Festivals.

Dennoch sei die Sache sehr komplex, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt in Hof. Die Klärung werde einige Zeit dauern - und die dürfte nicht gerade günstig sein für das Anwerben neuer Sponsoren. Die Privatmäzene von Bayreuth sehen indes "keine Möglichkeit", als Sponsor für das öffentliche Wagner-Schauen einzuspringen.

Der Oberbürgermeister von Bayreuth will "Kräfte bündeln", um Katharina Wagners Projekt nach vier Jahren nicht wieder einschlafen zu lassen. Den Bayreuther Festspielleiterinnen geht es schließlich seit ihrem Amtsantritt vor einem Jahr um die öffentliche Verbreiterung der Marke Bayreuth, um Erhaltung und Steigerung der allgemeinen Akzeptanz. Aus wirtschaftlichen Gründen wäre dies gar nicht nötig, denn Bayreuth könnte zwanzig Mal so viele Karten verkaufen, wie vorhanden sind.

Diese Strategie zur Verankerung der Bayreuther Festspiele auch in nachwachsenden Generation ist nun beschädigt. Die Siemens-Absage ist, nach der Rüge des Bundesrechnungshofs über die Freikartenvergabe, eine weitere Folge negativer Meldungen, die in jüngster Zeit von Bayreuth ausgingen.

Es wurde ein neuer "Freundeskreis" gegründet, der dem seit Jahrzehnten etablierten vermögenden Kreis der Freunde und Förderer zwar nicht das Wasser abgrub, aber ihm doch einen Ansehensverlust bescherte. Es gab die Absage von Wim Wenders und seiner Regie des Jubiläums-Rings im 200. Geburtsjahr Richard Wagners 2013, und vor ein paar Tagen goss die Cousine der beiden Festspielleiterinnen, Nike Wagner, die sich seinerzeit selber erfolglos für die Führung in Bayreuth bewarb, weiter Öl ins Feuer. Man sollte die Tannhäuser-Neuproduktion vom Spielplan nehmen, sagte sie in der Bunten, und es müssten auch nicht bis in alle Zukunft Familienangehörige sein, die die Bayreuther Festspiele dirigierten.

Und Siemens? "Wir freuen uns sehr, dass wir in den vergangenen vier Jahren dazu beitragen konnten, vielen Menschen die Bayreuther Festspiele und die Musik Richard Wagners zugänglich zu machen", sagt Michael Friedrich von der Abteilung Corporate Communications and Government Affairs, Business and Financial Press, CC MR 2 der Siemens AG.

Vielleicht klingt es aber doch ein bisschen zynisch, wenn er fortfährt: "Künstlerische Arbeit lebt von Dynamik, von Kreativität und von der Bereitschaft, neue Wege zu beschreiten. Bei Unternehmen ist dies nicht viel anders. Siemens hat sich in seiner mehr als 160-jährigen Geschichte ständig verändert und weiterentwickelt. Und wir glauben, dass die Bereitschaft zur Veränderung der Schlüssel für nachhaltigen Erfolg ist."

Wie Siemens hat sich auch Bayreuth weiterentwickelt, aber diese Entwicklungen kosten Geld. Das bekommt Siemens aus Quellen, die Bayreuth nicht hat, weil im Festspielhaus keine Kunstgeräte verkauft werden, sondern Kunst. Deren Produktion ist auch bei Niedrigstlöhnen noch zu teuer, um allein durch Eintrittsgeld und Übertragungsrechte finanziert zu werden. Wenn neben der grundgesetzlich verbrieften staatlichen Kulturförderung also auch private Sponsoren einen sinnvollen Beitrag leisten wollen, dann müssen diese verlässliche Partner sein. Das bedeutet: Sich langfristig zu engagieren.

© SZ vom 09.09.2011/tob
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